Zu viel des Stronach
 

Zu viel des Stronach

Editorial von Sebastian Loudon (HORIZONT 8/2013)

Diese Woche muss für Corinna Milborn eine regelrechte Hochschaubahn der Gefühle gewesen sein. Die Aushängejournalistin bei Puls 4 wurde einerseits für ihre hartnäckigen Fragen an den amtierenden Landeshauptmann Erwin Pröll über den Klee gelobt – sogar die Koryphäe des politischen Interviews, Armin Wolf, zollte ihr öffentlich Respekt, und das vollkommen zu Recht. Andererseits – und vor allem zeitgleich – musste Milborn anstrengende ­Defensivarbeit leisten, als es darum ging, die Aufregung rund um die Puls 4-­Stronach-Festspiele am kommenden Sonntag zu rechtfertigen. Die dazugehörige OTS-Aussendung (siehe Seite 1/HORIZONT 8/2013) schlug ein wie eine Bombe. Stronach würde die Elefantenrunde aus St. Pölten kommentieren, an der er sich geweigert hat, teilzunehmen. In der Primetime dann: „Die Frank Stronach Story“ und im Anschluss ein „Pro und Contra“-Spezial. Das war dann selbst den Wohlmeinenden zu viel. Zwar stellte sich heraus, dass die Kommentierung der Elefantenrunde als Interview ausfallen würde, dennoch: Der Eindruck, hier hätte bei der Programmierung das üppige Wahlkampfbudget des Magnaten Frank ­Stronach eine Rolle gespielt, war da und wurde auch lautstark artikuliert. Ebenso lautstark versicherten Milborn und Kollegen, dass dieser Eindruck täusche.

Nun, es ist nicht anzunehmen, dass ein ehrgeiziger Sender wie Puls 4, der sich den langfristigen Aufbau von Info-Kompetenz auf die Fahnen geheftet hat, all seine bereits bestehende und künftige Reputation aufs Spiel setzt, um kurzfristig an den Stronach-Geldtopf heranzukommen. Und dennoch: Die Optik ist seltsam, und die am Sonntag zur Erstausstrahlung gelangende Dokumentation „Die große Frank Stronach Story“ wird wohl seitens vieler Marktbeobachter und Journalistenkollegen mit Argusaugen konsumiert werden. Wird die Person Stronach tatsächlich so „vielfältig und kritisch“ beleuchtet, wie es die Redaktionssprecher von Puls 4 versprechen? Wir werden es sehen.

Aber was bringt uns inzwischen die ganze Aufregung? Zuallererst ist sie ein lebhaftes Zeugnis dafür, wie sehr sich das Fernsehen auch im Superwahljahr 2013 als Leitmedium der politischen Meinungsbildung behaupten kann – siehe dazu auch das Interview mit Armin Wolf und Florian Scheuba in unserem HORIZONT-Dossier zum Fernsehmarkt auf den Seiten 17 und 18. Außerdem: Privatfernsehen ist endlich im „Relevant Set“ der Politik angekommen. Noch vor wenigen Jahren wäre niemand auch nur auf die Idee gekommen, dass sich Politiker in Privatsendern versuchen würden einzukaufen, denn, nun ja, warum hätten sie das tun sollen? Mit seiner Informations-Offensive hat sich Puls 4 als wesentlicher Player in dieser Arena etabliert. So wesentlich, dass sich der Sender für redaktionelle Entscheidungen, die kritische Fragen nach deren Zustandekommen aufwerfen, auch einmal rechtfertigen muss. Bislang war die Besetzung von politischen Diskussionsrunden im Privatfernsehen nur dann ein Thema, wenn sich wieder einmal ein Spitzenpolitiker für zu gut befand, daran teilzunehmen. Diese Zeiten sind passé. Privatfernsehen ist erwachsen geworden. Die Informationssendungen werden ernst genommen. Und das ist eben nicht immer nur lustig.
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