"Zeitspanne vergehen lassen"
 

"Zeitspanne vergehen lassen"

Der scheidende VÖZ-Präsident Hans Gasser verteidigt im Interview das Bestreben nach Transparenz in der Branche - Qualität hält er weiterhin für unerlässlich für das Überleben von Zeitungen

Langfassung des Interviews aus HORIZONT 46/2012 vom 16.11.2012.

HORIZONT: Sie sind seit Mitte 2010 VÖZ-Präsident und legen jetzt ihr Amt zurück. Ich würde Sie um ein kurzes Resümee bitten. Fangen wir vielleicht mit den positiven Aspekten an.

Hans Gasser: In meiner recht kurzen Amtsperiode habe ich unter anderem die Relevanz der Zeitungen und Magazine dieses Verbandes für Demokratie und unsere Gesellschaft bewusst in den Mittelpunkt gestellt. Relevanz ist etwas, das unabhängig von der Medienbranche auch in der Konsumgüterindustrie entscheidend ist: Entweder ist ein Produkt relevant, dann misst ihm der Konsument Bedeutung bei und das Geschäftsmodell funktioniert oder eben nicht. Unsere Zeitungen haben eine sichtbare Relevanz für Gesellschaft und Demokratie. Damit hängt natürlich  unser Anspruch nach redaktioneller Qualität zusammen. Sie ist die Grundlage dafür, dass die Menschen bereit sind, für Inhalte zu zahlen. Das zeichnet unsere Produkte auch aus: Wir müssen jeden Tag die Leistung erbringen, damit das Produkt, das der Leser erwirbt, auch sein Geld wert ist.

HORIZONT:
Definieren Sie bitte Qualität im Spektrum dessen, was der VÖZ an Mitgliedsmedien abbildet. Auf der einen Seite sind es die ausgewiesenen Qualitätsmedien, die sich das auch auf die Fahnen heften, bis hin zur “Kronen Zeitung” als reichweitenstarkes Boulevardblatt.

Gasser: Horst Pirker hat einmal gesagt: “Qualität ist das Erfüllen und Übertreffen der Lesererwartungen”. Ich ergänze dies um eine weitere Dimension: Handwerkliche journalistische Qualität. Dafür gibt es absolut nachvollziehbare Kritieren. Uns ist egal, ob das in einer Regionalzeitung stattfindet, in einer sogenannten Qualitätszeitung oder in einem Massenblatt wie der “Kronen Zeitung”. Ich habe deshalb auch den Tag des Qualitätsjournalismus mitinitiiert (veranstaltet mit dem Manstein Verlag, Anm.). Dass wir relevante Produkte schaffen und dies in den Köpfen der politischen Entscheidungsträger und Opinion Leader verankern, war ein wesentlicher Beweggrund für die jüngste VÖZ-Kampagne. Wir haben darin auch unsere Rolle als Werbeträger eingebaut: Wir unterscheiden uns nun einmal von einem Flugblatt. Papier bunt zu bedrucken, mit Texten und Bilder zu schmücken, es zu vertreiben und rundherum ein Geschäftsmodell zu bauen, hat nichts mit Systemrelevanz oder vierter Gewalt zu tun, das ist nur bedrucktes Papier.

HORIZONT:
Sie spielen damit auf “Heute” und “Österreich” an?

Gasser: Ich spiele darauf an, dass man sehr wohl nach medialer Relevanz differenzieren kann. Vielleicht ist das Gefüge in Österreich diesbezüglich verschoben.

HORIZONT:
In welche Richtung ist es verschoben?

Gasser: Ich glaube, dass wir vor allem in Wien eine überdimensioniertes Angebot an austauschbaren Inhalten haben.

HORIZONT: Wird der Markt Ihrer Meinung nach so bestehen bleiben? Drei Boulevardzeitungen, teilweise gratis und die übrigen Player am Markt? Viele müssen sparen. Wird es in fünf Jahren noch so aussehen, dass wir alle Tageszeitungen haben, die wir jetzt haben?

Gasser: Davon gehe ich aus. Die Frage ist, mit welcher Relevanz und mit welchem wirtschaftlichen Erfolg das stattfindet. Ich bin überzeugt, dass Gratiszeitungen ihre Funktion haben, auch Pendlerzeitungen. Ich glaube auch, dass Boulevardzeitungen ein selbstverständlicher Bestandteil einer Medienlandschaft sind. Das ist das Portfolio, das es in pluralen Medienlandschaften vieler europäischer Länder gibt.

HORIZONT: Ist es für eine Demokratie auch wünschenswert?

Gasser: Ja, weil das Vielfalt bedeutet. Es wäre anmaßend, der Masse zu verordnen, was sie zu lesen hat. Warum sollen Leser nicht verschiedene publizistische Plattformen nutzen wollen? Schließlich bekennt sich unser Verband zur Medienvielfalt.

HORIZONT: Sie klingen ein bißchen versöhnlich in Richtung Gratiszeitungen. Hat sich ihre Haltung geändert?

Gasser: Der VÖZ ist ein Kaufzeitungsverband. Das ist ein Differenzierungsmerkmal auch in qualitativer Hinsicht. Ich glaube, es ist ein Unterschied, wenn jemand bereit ist, für Inhalte zu zahlen oder die Zeitung irgendwo mitnimmt, weil er gerade ein paar Minuten Zeit dafür hat.

HORIZONT:
Das heißt, sie werben nicht dafür, dass der Verband sich in diese Richtung öffnen sollte.

Gasser: Dieses Thema scheint mir abgehakt. Ich würde es nicht für richtig halten und ich glaube, das sieht auch der gesamte VÖZ-Vorstand so. Wir sind ein Kaufzeitungsverband und das ist gut so. Es gibt ja auch einen Verband für Gratismedien.

HORIZONT:
Zurückzukommen auf ihre Errungenschaften als VÖZ-Präsident. Die größte war wohl das Medientransparenzgesetz. Haben Sie dafür viele erboste Anrufe bekommen?

Gasser:
Ich lese hier und da kritische Anmerkungen, aber ich bin weiterhin persönlich überzeugt, dass dieses Gesetz wichtig ist. Mit dem Transparenzgesetz wollten wir die gutsherrenartige Verwendung von öffentlichen Geldern zumindest öffentlich nachvollziehbar machen und damit in weiterer Folge einen Professionalisierungsschub auslösen. Die geübte Praxis in den vergangenen Jahren, in einer intransparenten Umgebung Millionen an Zuwendungen zu kanalisieren und zum Teil wettbewerbsverzerrend zu verteilen, ist etwas, was einfach nicht mehr in unsere Zeit passt. Schließlich sollte auch die Kommunikation öffentlicher Institutionen den gleichen Anspruch haben und professionell agieren, wie dies in der Privatwirtschaft Usus ist. Wenn Ministerien, Staatsunternehmen, oder die Bundesländer eine Kommunikationsstrategie verfolgen und diese mit entsprechenden Maßnahmen begleitet, ist das vollkommen korrekt und auch zu begrüßen. Doch die Summe der Geldflüsse muss nun sichtbar und transparent gemacht werden. Das allein dürfte in einer modernen westlichen Demokratie niemanden aufregen. Doch es gibt in diesem Gesetz einige administrative Problemzonen, die im Gesetzwerdungsprozess entstanden sind und nun in der Praxis für Missstimmung sorgen. Stichwort: Kopfverbot. Darüber hinaus wird bei der Meldung nicht unterschieden, ob ein Unternehmen gar nicht geworben oder ob es unter der Bagatellgrenze von 5.000 Euro geworben hat. Jede Umsatzsteuervoranmeldung von einem Freiberufler ist mehr Aufwand als diese Zahl pro Medium und Quartal zu melden. Eine Leermeldung abzugeben ist meines Erachtens keine Katastrophe.

HORIZONT:
Sehen Sie diesen Professionalierungsschub jetzt schon?

Gasser: Einzelne Beispiele könnte man so interpretieren. Aber dieser Bewusstseinswandel in der öffentlichen Kommunikation entsteht nicht von heute auf morgen. Ich glaube, man soll eine gewisse Zeitspanne vergehen lassen, um die Auswirkungen seriös beurteilen zu können.  

HORIZONT:
Finden Sie es nicht ein wenig überbordend formuliert? Ist es wirklich notwendig, dass man allein auf drei Seiten Abwasserverbände kleiner Gemeinden findet, die melden, dass sie ohnehin nichts geschaltet haben?

Gasser: Dass es beim Vollzug eines Gestzes gewisse Problemstellungen und Unschärfen gibt, ist nichts Ungewöhnliches. Letztendlich ist eine Ausdifferenzierung, in der jeder einzelne Fall berücksichtigt wird, auch nicht möglich. Aber ich denke, die Ausnahmebestimmungen für kleine Gemeinden sind ausreichend, der Rest wird mit dem gleichen Maß gemessen.

HORIZONT:
Können Sie dem Satz etwas abgewinnen: “Der VÖZ hat auf Fellner und den Kanzler gezielt und die eigenen Regionalzeitungen getroffen?”

Gasser: Das ist in jeder Hinsicht Unsinn. Uns ging es nie darum, irgendjemanden zu treffen, sondern wir wollten Transparenz bei den öffentlichen Werbemaßnahmen herstellen. Das ist ein legitimer Ansatz, schließlich geht es um Steuergeld. Die öffentliche Hand wird auch weiterhin werben, davon bin ich überzeugt. Vielleicht werden jedoch mit diesem Gesetz die Mittel etwas überlegter eingesetzt. In einigen Punkten entspricht das Gesetz aber nicht unseren Vorstellungen, was klar ist. Schließlich wurde es ja auch nicht vom VÖZ geschrieben, sondern vom Gesetzgeber - also den Regierungsparteien und der Opposition.  

HORIZONT: Es gab bisher durch die Bank Einsparungen, wie man in der Branche hört.

Gasser:
Glauben Sie wirklich, dass die Einsparungen der öffentlichen Hand im Bereich der öffentlichen Kommunikation nicht auch im Gesamtzusammenhang zu sehen ist, dass wir in einem hoch verschuldeten Land leben, in dem die Budgetsanierung ein Gebot der Stunde ist?

HORIZONT:
Ich frage deshalb, weil der Verband gerne auf die Gratiszeitungen gezeigt hat. In Wahrheit geht es ja auch um andere Medien.

Gasser: Es ist wirklich zu kurz gegriffen, zu glauben, das so genannte Medientransparenzgesetz soll bestimmte Verlegerkollegen treffen. Eine ausufernde Praxis hat dazu geführt, dass auch innerhalb der Politik die mehrheitliche Meinung entstanden ist: Wir müssen diese Geldströme öffentlich machen, damit sich jeder auch eine eigene Meinung bilden kann.

HORIZONT:
Welche Mängel sehen Sie am Kopfverbot?

Gasser: Zum Beispiel, wenn ein Mandatar einen Sprechtag in einer Regionalzeitung veröffentlichen will, muss er das ohne sein Konterfei machen. Das ist unsinnig. Außerdem: Ob der Kopf eines Politikers Teil einer Kampagne ist oder nicht, hat noch nichts mit Professionalität zu tun. Das kann im einem Fall Sinn machen und im anderen Fall ist es reine PR-Taktik. Hier hat sich die Politik selbst etwas ins Gesetz geschrieben, was ihr nun sprichwörtlich auf den Kopf fällt.

HORIZONT:
Was sehen Sie als die großen Herausforderungen für die Zeitungen? Es gibt Sparpakete quer durch die Bank. Worauf kommt es denn an in Zukunft?

Gasser: Dass die Medienbranche einer komplexen Herausforderung gegenüber steht ist außer Zweifel. Ich glaube nicht, dass man mit Sparen, Schrumpfen und Fusionieren eine Lösung finden wird. Ich glaube, es braucht strategische, zukunftsweisende und visionäre Ansätze für unsere Rolle in der künftigen Medienlandschaft. Natürlich machen die Sparmaßnahmen Schlagzeilen. Es gibt aber gerade in letzter Zeit auch bei Zeitungen und Magazinen positive Beispiele, die durch Relaunches, Apps, eine offensive Digitalstrategie und zukunftsweisende Unternehmenspolitik sichtbar wird.

HORIZONT:
Was wären denn solche Beispiele?

Gasser: Die Neuerungen beim Kurier sind ein schönes Beispiel, wie man eine Zeitung und eine digitale Plattform relauncht und eine offensive Unternehmensstragie fährt, parallel zu Maßnahmen, die auch Costcutting bedeuten.

HORIZONT:
Sie haben nur ein Beispiel nennen können. Geht es der Branche wirklich so schlecht?

Gasser: Ich wusste nicht, dass sie aus diesem Interview ein Quiz machen wollen: Weitere Beispiele sind der kürzlich erfolgte Relaunch der "NÖN", sowie die neue App der "Krone", die hervorragend technisch umgesetzt wurde. Auch der Relaunch der Oberösterreichischen Nachrichten wurde sehr positiv von den Lesern angenommen. Weiters hat auch die Presse behutsame Neuerungen beim Layout angekündigt. Und schauen Sie auch, was das "WirtschaftsBlatt" in den vergangenen Jahren zustande gebracht hat. Wir haben diese Zeitung saniert, von 154 auf knapp über 100 Mitarbeiter reduziert, im publizistischen Bereich in Print und Digital ausgebaut und auf der anderen Seite alle nicht markenrelevanten Bereiche durch Dienstleistung und Kooperation eingekauft. Sie haben natürlich recht: In einer konjunkturell angespannten Phase haben wir schwierige Rahmenbedingungen, um zu investieren. Trotzdem ist das wichtigste Asset der heimischen Verlagshäuser die journalistische Leistung. In diesem Bereich muss Preis und Leistung stimmen.

HORIZONT: Stichwort Preis: Bedauern Sie, dass es unter Ihrer Präsidentschaft zu keiner Einigung in punkto KV gekommen ist?

Gasser: Das tut mir leid, denn eigentlich haben wir mit dem 30. Juni bereits ein Enddatum gesetzt und zwar gemeinsam mit der Gewerkschaft. Dass dieser Termin nicht gehalten hat, war sicherlich eine Enttäuschung. Denn der Journalisten-KV ist wahrscheinlich eines der wichtigsten Elemente für die Zukunft von Zeitungen, weil gerade die Tatsache, dass wir nicht auf Papier fixiert sein dürfen, in diesem Kollektivvertrag abgebildet werden soll. Inzwischen haben wir die Gespräche wieder aufgenommen und ein “Memorandum of understanding” unterzeichnet, das ein neues Enddatum mit 15. Februar festlegt.

HORIZONT:
Was wäre, wenn man den 15. Februar wieder nicht schafft? Es gab ja mehrmals Deadlines, die dann verstrichen.

Gasser: Es gab bisher nur eine Deadline, das war der 30. Juni. Wir haben gemeinsam mit unserem Sozialpartner ausgemacht, bis zum Verhandlungsende Stillschweigen zu bewahren. Aus heutiger Sicht gehe ich davon aus, dass wir das fixierte Enddatum diesmal halten werden.

HORIZONT:
Hat Ihnen das eigentlich wehgetan, dass erstmals in der Zweiten Republik Journalisten vor der Tür gestanden sind, um zu demonstrieren?

Gasser: Es gehört zu den Rechten unserer demokratischen Kultur zu demonstrieren, das ist ein legitimes Vorgehen. Doch ich muss auch festhalten: Die Bereitschaft der Verleger, einen neuen Kollektivvertrag zu einem raschen Abschluss zu bringen, ist ein erklärtes Ziel und davon sind wir nie abgewichen.

HORIZONT:
Sie haben stets vehement ein Leistungsschutzrecht für verlegerische Erzeugnisse propagiert. Wie weit ist man da gekommen in der Zwischenzeit?

Gasser: Das Leistungsschutzrecht und ein neues Urheberrecht sind wesentliche Teile unserer Forderungen, die wir in Gespräche mit der Justizministerin eingebracht haben. Bis zum Frühjahr 2013 soll ein Gesetzesentwurf vorliegen und ich glaube, dass seitens des Ministeriums der Wille vorhanden ist, so ein Gesetz noch in dieser Legislaturperiode zu verabschieden. Die Vorzeichen stehen gut: Wir haben mit dem deutschen Leistungsschutzrecht eine Benchmark und auch die Justizministerin erachtet das Leistungsschutzrecht und ein modernes Urheberrecht für notwendig.

HORIZONT: Sie waren bis vor kurzem noch Chef des WirtschaftsBlatt. Wie sehen sie die Entwicklungen, die der Zeitung ins Haus stehen?

Gasser: Sie haben aber jetzt nicht angenommen, dass Sie darauf eine Antwort bekommen. Das kommentiere ich nicht.

HORIZONT:
Dann kann ich mir wahrscheinlich die Frage sparen, ob Sie gerne weitergemacht hätten?

Gasser: Mir hat es sechs Jahre sehr viel Freude bereitet und vielleicht ist auch jetzt ein sehr guter Zeitpunkt, etwas Neues zu machen.

HORIZONT:
Können Sie dazu schon etwas verraten?

Gasser: Nein, ich weiß es noch nicht.

HORIZONT: Letzte Frage an den scheidenden Verlegerpräsidenten: Wann wird in Österreich die letzte Zeitung gedruckt werden?
 
Gasser: Das wird noch mehrere Jahrzehnte dauern. Papier gibt es schon seit den Ägyptern. Papier wird meines Erachtens noch sehr lange eine Rolle spielen in der Publizistik. Es wird nur neben dem Papier eine dynamische digitale Medien-Entwicklung geben. Diespannende Frage ist: Wann werden die digitalen Plattformen die gedruckten Medien an Relevanz überholen? Da gibt es eine sogenannte „Newspaper Extinction Timeline“ von Future Exploration Networks - da ist Österreich mit 2028 angegeben, Deutschland mit 2030 und die Schweiz mit 2025. Das sind immerhinnoch 16 Jahre. Gehen Sie einmal 16 Jahre zurück, was wir damals über Internet und dessen Auswirkungen gedacht haben. Das heißt aber noch lange nicht, dass es dann keine gedruckten Medien mehr geben wird.
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