Zeitreise durch 25 Jahre bewegte Print-Branch...
 

Zeitreise durch 25 Jahre bewegte Print-Branche

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Völlig überraschend stellte im Sommer 2000 die 1992 gegründete Boulevardzeitung täglich Alles ihre Printausgabe ein.
Völlig überraschend stellte im Sommer 2000 die 1992 gegründete Boulevardzeitung täglich Alles ihre Printausgabe ein.

Ein Rückblick auf jene Meilensteine, die die Printbranche in den vergangenen Jahren bewegten, spalteten und nachhaltig veränderten.

Dieser Artikel erschien auch in der HORIZONT-Printausgabe 46/2016 vom 18. November. Hier geht's zum Abo.

Die vergangenen 25 Jahre waren in der Printbranche ein Kommen und Gehen von Produkten, Menschen und Beteiligungen. Das Wachstum des Magazinmarkts und damit einhergehende Fusionen und Unstimmigkeiten prägten die 90er-Jahre. Der Streit der Familie Dichand mit der WAZ-Gruppe dominierte die Berichterstattung der ersten Jahre nach der Jahrtausendwende. Zu einem wahren Boom am Gratiszeitungssektor kam es im letzten Jahrzehnt, ebenso wie zu Personalkürzungen und Kostensenkungen.

Hauptpunkt auf der Agenda des Medienjahres 1991 war der Verkauf der Tageszeitung Die Presse um 250 Millionen Schilling an die Styria, die Girozentrale, die Erste, die Volksbank sowie die Bundesländer Versicherung. Im Folgejahr prägte der Start der Boulevardzeitung täglich Alles die Branche. Zudem wurde 1992 der Vorhang um die Finanzierung des neuen Zeitschriftenprojektes der Fellner Media gelüftet. Partner von Wolfgang und Helmuth Fellner wurde der Axel Springer Verlag. Nur zwei Jahre später kündigte Wolfgang Fellner eine "Art News-Familie" an. Die Überlegung damals war, wöchentlich Spartenmagazine auf den Markt zu bringen.

Die Werbewirtschaft habe die beiden wissen lassen, "dass sie das mit sehr großem Wohlwollen sehen würde und von den Lesern wissen wir, dass sehr großes Interesse bestünde", sagte Wolfgang Fellner damals. Die Kurier-Gruppe verkaufte indessen das Monatsmagazin Basta, einst von den Fellners gegründet, an den Metroverlag, der unter anderem die Zeitschriften Wiener und Wienerin herausgibt. Das Medienjahr 1995 war davon geprägt, dass Oscar Bronner, Herausgeber und Hälfte-Eigentümer des Standard, dem Axel Springer Verlag, der damals die anderen 50 Prozent der Zeitung im Besitz hatte, ein Angebot unterbreitete, dessen Anteile zu übernehmen. Drei Jahre später sollte Bronner 49 Prozent der Anteile abgeben, der Süddeutsche Verlag stieg beim österreichischen Blatt ein. Zehn Jahre später, im August 2008, kaufte die Bronner Online AG die Anteile der Süddeutschen Zeitung zurück.

Wachstum des Magazinmarkts

Im Medienjahr 1996 bewegte die Branche unter anderem, dass die österreichische WirtschaftsWoche ab 1997 nicht mehr erscheinen wird. Thematisch dominierten erneut die Gebrüder Wolfgang und Helmuth Fellner das Medienjahr 1997. Die beiden arbeiteten an der Entwicklung eines Nachrichtenmagazins "neuen Typs". Für großes Aufsehen sorgte dann im folgenden Jahr der Einstieg des größten deutschen Zeitschriftenverlags Gruner + Jahr bei der Fellner Media. Die Bertelsmann-Tochter kaufte 75 Prozent der Gruppe. Im selben Jahr startete die News-Gruppe dann auch das Format. Rund um den Start tobte mit profil eine "Magazin-Schlacht", die mit Werbekampagnen, Preiszuckerl, Beigaben, Verbalattacken und Wettbewerbsklagen geführt wurde. Die höchst umstrittene Magazinehe des trend-/profil-Verlags mit der News-Gruppe wurde dann im Medienjahr 2001 vollzogen. Das oftmals als "Mediamil"-Komplex titulierte Konstrukt war geboren. Mit Woman lancierte der Magazinkonzern zu Jahresende einen weiteren Titel.

Zu Beginn des Medienjahres 1999 übernahm Horst Pirker offiziell die Führung der Styria Media Group, die er bis 2010 inne haben sollte. Zu Jahresende fand die Expansionsstrategie und zwischenzeitliche Neustrukturierung des Konzerns mit der gänzlichen Übernahme der Presse ihr vorläufiges Ende.

Äußerst turbulent ging es im Medienjahr 2000 zu. Völlig überraschend stellte im Sommer die vor acht Jahren gegründete täglich Alles ihre Print­ausgabe ein. Die Mediaprint-Titel Kurier, Kronen Zeitung und profil traten wieder dem Verband Österreichischer Zeitungen (VÖZ) bei. Standard und Presse planten den Aufbau eines gemeinsamen Vertriebssystems. Endgültig von Österreich verabschiedete sich der Axel Springer Verlag. Er trennte sich 2002 von seinem 65-prozentigen Anteil an der Tiroler Tageszeitung, die ab 2003 wieder zur Gänze im Besitz der Erbengemeinschaft Familie Moser stand.

Familie Dichand versus WAZ

Eine Neuerscheinung Anfang der 2000er-Jahre kam aus dem Hause Kronen Zeitung. Wenige Tage vor den Wiener Wahlen startete Hans Dichand 2001 den U-Express, die Geburtsstunde der Gratistageszeitungen. Zwischen Dichand und seinem langjährigen geschäftsführenden Chefredakteur Friedrich Dragon kam es zum Zerwürfnis. Dragon verließ die Krone, Dichand präsentierte seinen Sohn Christoph als Nachfolger, was in der WAZ-Gruppe nicht auf ungeteilte Zustimmung stieß. "Sollte es von Seiten der Redaktion keine Zustimmung geben, nehm ich ihn bei der Hand und wir gehen beide", soll Dichand senior damals gesagt haben. Mit Interesse verfolgte die Branche dann im Medienjahr 2002 die Unstimmigkeiten zwischen Hans Dichand und der WAZ-Gruppe. Der deutsche Hälfteeigentümer konnte sich weiterhin nicht mit Dichands Sohn Christoph als künftigen Blattchef anfreunden. Mit dieser Frage wurde schließlich ein Schiedsgericht beschäftigt. Fast das gesamte Medienjahr 2003 sorgte der Streit Hans Dichands mit der WAZ-Gruppe um die Zukunft der Kronen Zeitung für Gesprächsstoff in der heimischen Medienbranche. Erst im Jahr 2005 fand der langjährige deutsch-österreichische Konflikt sein vorläufiges Ende: Das Schiedsgericht im Kronen-Zeitung-Zwist zwischen Hans Dichand und der WAZ-Gruppe gab dem Zeitungszar Recht. Dichands Schwiegertochter Eva fasste indes im Printgeschäft Fuß und wurde später Co-Geschäftsführerin des Gratisblatts Heute, das im Jahr davor gegründet wurde. Ab dem 6. September 2004 stand die erste Ausgabe in der U-Bahn in Entnahmeboxen zur Verfügung - ein Vertrag mit den Wiener Linien wurde unterzeichnet. Im Laufe der Jahre entwickelte sich das Gratisblatt zur Nummer eins am Wiener Zeitungsmarkt.

Den Abschied des Jahres legte Wolfgang Fellner hin, der sich aus dem operativen Verlagsgeschäft der News-Gruppe zurückzog. Zwei Jahre wollte sich Fellner Zeit für ein neues Projekt lassen und nicht wenige rechneten mit einer Tageszeitung. Diese Zeitung, die erst 2006 erscheinen soll, hielt schon das Jahr zuvor die österreichische Medienbranche in Atem: Das neue Blatt von Wolfgang Fellner und Helmuth Fellner war im Medienjahr 2005 in aller Munde. Bühne frei für die 17. Tageszeitung des Landes Namens Österreich hieß es dann im September 2006.

Boom am Gratiszeitungssektor

Umtriebig zeigte sich im Medienjahr 2007 die Tiroler Mediengruppe Moser Holding. Im Jänner kaufte die Familie Moser die von der Südtiroler Athesia gehaltenen 50 Prozent der Moser-Holding-Anteile zurück. Im April wurde die 100-prozentige Übernahme des Verlags der Bezirksblätter bekannt und im Juli stimmte die Bundeswettbewerbsbehörde der Mehrheitsübernahme der Oberösterreichischen Rundschau zu. Und die Styria, die sich auch 2007 in Südosteuropa auf Expansionskurs befand, fusionierte mit dem Sportmagazin-Verlag und übernahm die Kärntner Regionalmedien.

Deal unter Größen

Auch im Medienjahr 2008 machte vor allem die Tiroler Moser Holding von sich reden. Im eigenen Bundesland setzte das Unternehmen auf eine "Ein-Marken-Strategie", in Oberösterreich verleibte es sich die Oberösterreichische Rundschau ein und in Wien galten die Tiroler als aussichtsreichster Übernahmekandidat für den Post-Gratistitel Bezirkszeitung. "Die starke Marke unseres Flaggschiffes steht nun als Dach über einem breitgefächerten Produktportfolio, mit dem wir noch stärker auf die individuellen Bedürfnisse unserer Leser eingehen können", sagte Hermann Petz, V­orstandsvorsitzender der Moser Holding, damals.

Für große mediale Aufmerksamkeit sorgte im Medienjahr 2009 die Ankündigung der Styria, ihre Regionalmedien mit der Tiroler Moser Holding fusionieren zu wollen. Zu Jahresende ließen die Familie Moser den Deal unerwartet und ohne Angabe konkreter Gründe platzen. Die Styria wagte sich hingegen mit der Presse am Sonntag auf den Markt. Die Kronen Zeitung etablierte 2009 ein neues Frauen- und TV-Supplement und übernahm das von Eva Dichand ins Leben gerufene Gratismagazin Live. Die Trennung zwischen den Krone-Hälfteeigentümern, Hans Dichand und der deutschen WAZ-Gruppe, wurde doch noch abgeblasen. Die Mediaprint, in der die verlegerischen Aktivitäten von Kronen Zeitung und Kurier gebündelt sind, legte 2009 sukzessive ihren Anzeigenkauf zurück, um sich künftig nur mehr auf Druck und Vertrieb zu konzentrieren.

Das Medienjahr 2010 wird wohl als das Jahr der großen Abgänge in Erinnerung bleiben. Zu Ende ging etwa die Ära Hans Dichand, der ­Krone-Gründer verstarb 89-jährig. In der Styria Media Group nahm Horst Pirker seinen Hut, in der News-Gruppe kündigte Geschäftsführer Oliver Voigt seinen Rückzug an, im ORF mussten Informationsdirektor Elmar Oberhauser und Kommunikationschef Pius Strobl gehen.

Kürzungen und Senkungen

Auch das Medienjahr 2011 hatte personell so einiges zu bieten. Bei der News-Gruppe übergab Geschäftsführer Oliver Voigt im Februar an Matthias Schönwandt, der nach wenigen Monaten wieder abgelöst und durch Axel Bogocz ersetzt wurde. Heute verlor im Jahr 2011 zwei Chefredakteure, und Oliver Voigt mischte ab März an der Seite von Wolfgang Fellner als Geschäftsführer der Mediengruppe Österreich mit. Voigt nannte es eine "verlegerische Herausforderung, gemeinsam mit Wolfgang Fellner die Mediengruppe Österreich strategisch auszubauen".

Sparen stand im Medienjahr 2012 auf der Agenda. Presse und WirtschaftsBlatt mussten den Abbau von 26 Stellen bekanntgeben. Einen Abbau von 25 Mitarbeitern gab es auch beim Kurier. Und auch der Standard musste den Gürtel enger schnallen.

Im Medienjahr 2013 stellten sich viele Medienhäuser der Herausforderungen, den neuen Gegebenheiten eines von der Digitalisierung dominierten Marktes begegnen zu können. Das hieß: Sparkurs, Konsolidierung, Einschnitte.

Ein Rückschlag für die ohnehin im Umbruch befindliche Printbranche war im Medienjahr 2014 die weitere Kürzung der Presseförderung um rund zwei Millionen Euro. Die Salzburger Volkszeitung musste ihre Printproduktion einstellen. Zuvor war bereits die Kärntner Tageszeitung in die Pleite geschlittert. Bei der News-Gruppe hatte Horst Pirker 2014 die Leitung übernommen und Adaptierungen für die Magazintitel des Hauses angekündigt, allen voran beim Wochenmagazin News - auch hier sollten notwendige Sparmaßnahmen folgen.

Der Transformationsprozess war dann auch im Medienjahr 2015 das bestimmende Thema in einigen Medienhäusern. Die Wirtschaftsmarken Format und trend der News-Gruppe wurden fusioniert und erschienen ab 2016 mit neuem Layout unter der Marke trend. Die Kleine Zeitung, das Flaggschiff der Styria Media Group, übersiedelte ins neue Styria Media Center. Daneben strukturierte die Styria ihre Magazinbeteiligungen um: Vom Wiener trennte sich das Unternehmen, die SportWoche wurde eingestellt.

Im Medienjahr 2016 kündigte Herausgeberin Eva Dichand den Einstieg eines Partners in der Digital-Sparte des Heute-Verlags an. Dieser Partner wurde mit dem Schweizer Medienkonzern Tamedia gefunden. Im Zuge des Deals gab Dichand die Mehrheit an der Zeitung ab. Ihr Anteil sank auf 24,4 Prozent.

Ein zweites Thema, das die Printbranche 2016 bewegte, war die Einstellung des WirtschaftsBlatts. Die letzte Printausgabe erschien im September, im Oktober kam auch das Aus für die Onlineplattform.
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