Zeitenwende (2)
 

Zeitenwende (2)

Kolumne von Walter Braun.

Die unerwartete Wahl von D.T. zeigt erste Spuren in den amerikanischen Medien. Traditionell waren amerikanische Journalisten recht zurückhaltend im Umgang mit Spitzenpolitikern. Das beginnt sich zu ändern. Anstatt Machthabern generell kritisch gegenüberzustehen, wurde die Presse zunehmend parteilich (auch in unseren Breiten).

Der spanischsprachige US-Sender Univision hatte die Berichterstattung eineinhalb Jahre lang auf pro-Clinton und kontra-Trump ausgerichtet und steht jetzt ein wenig ratlos da. Drei Mitarbeiter aus Obamas Team haben Crooked Media mit dem erklärten Ziel gestartet, dem neuen Präsidenten an den Karren zu fahren. Was sich abzeichnet: Das Gejammer über „Populismus“, das seit Brexit zu hören ist, wird zu einer polemischeren Berichterstattung führen.

Online gehen kostenlose Qualitätsnachrichten nunmehr durch ihre letzte Krise. Aktueller Fall ist die knapp fünf Jahre alte Veröffentlichungsplattform Medium. Ins Leben gerufen von Ev Williams, einem Mitbegründer von Twitter, jede Menge Silicon-Valley-Größen an Bord, und über 130 Millionen Dollar an Gründungsgeldern –was will man mehr? Ein nachhaltiges Einkommen. 50 Mitarbeiter (von 150) sind eben gekündigt worden.

Gescheitert ist das Geschäftsmodell an der Hoffnung, Qualitätstexte mit entsprechender Leserschaft würden höhere TKPs erzielen – tun sie aber in der Digitalwelt nicht.Zwecks Orientierung: Die enorm reichweitenstarken BuzzFeed erzielen rund einen Dollar Werbegeld pro Jahr und Leser. Was Verleger, die auf Facebook als Absatzschiene setzen, betrifft: Rund 70 Prozent des generierten Werbewertes bleibt bei Facebook hängen (die Milliardenprofite müssen ja irgendwoher kommen).

Ein Kommentator auf Bloomberg klagte letzthin: „Das werbegetriebene Geschäftsmodell ist unehrlich und deformierend.“Das Duopol Google-Facebook saugt den Sauerstoff aus allen werbeabhängigen Medien. Hoffnung auf freiwillige Spenden können bestenfalls Mini-Verleger über Wasser halten. Artikel stückweise zu verkaufen, funktioniert auch nicht recht. Irgendwann werden Auftraggeber bessere Leserdemografie und größeres Leserengagement mit höheren Werbetarifen belohnen, aber bis dahin sperren alle Verlage zu, die über keine weiteren Einkommensquellen verfügen.

Es gibt keinen Weg um Abonnements herum: Im Jahr 2006 betrug der Anteil an Abo-Einnahmen bei der New York Times erbärmliche 16 Prozent, nun sind es beinahe 60(!) Prozent (für Digital und Print).P.S.: Zeiten des Umbruchs sind normalerweise förderlich für Nachrichtenproduzenten …

[Walter Braun]
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