Zeitenwende (1)
 

Zeitenwende (1)

Kolumne von Walter Braun.

Dass unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit von Medien geformt wird, ist ein alter Hut. Neu ist jedoch die zusätzliche Dimension von sozialen Medien, denen der Filter der Eigenverantwortung abgeht. Laut einer Erhebung wurde auf sozialen Medien im vergangenen Jahr fast eine Milliarde Mal der Fluch ‚fuck‘ in den Äther hinausgespuckt (die größte Häufung war am Tag nach der Wahl eines gewissen Donald T. zu registrieren).

Reflektieren solcherlei Gefühlsausbrüche die wahren Umstände? Hinter ideologischen Scheuklappen hat man einen schlechten Ausblick auf die Welt. Das Problem sind hier nicht bloß gefälschte Meldungen, sondern ein irreführender Gesamteindruck, der – leider – auch Qualitätsmedien zu überwältigen beginnt.

Die Berufsschwätzer kamen zur Jahreswende praktisch einhellig zu dem Schluss, 2016 wäre ein ‚furchtbares‘ Jahr gewesen. Die vielen Negativkommentare verdecken allerdings eine gewichtige Tatsache: Unter globalen Auspizien war 2016 ein gutes Jahr: (i) Die durchschnittliche Lebenserwartung nimmt weiterhin zu.

(ii) Der Kampf gegen gefährliche Infektionskrankheiten macht laut WHO immense Fortschritte. (iii) Der WWF hat von einem „bedeutsamen Jahr“ im Naturschutz in Afrika gesprochen (nicht, dass man diesen Eindruck aus TV- und Zeitungsmeldungen gewinnen würde, die sich übermäßig auf problematische Umstände einschießen). (iv) Die globale Wirtschaft hat mit 2,5 Prozent zwar nur relativ wenig zugelegt – ein Schrumpfjahr war es aber nicht. 

Meine These: Das große Zeitalter, das in den 1960ern begann, hat sich totgelaufen. Weder Brexit noch der US-Präsident Trump repräsentieren den neuen Zeitgeist, das sindÜbergangsphänomene. Es stehen uns einige ungemütliche Jahre Interregnum ins Haus, bis das neue Zeitalter sein Antlitz enthüllen wird.2016 war ein historischer Meilenstein, 2017 wird mit weiteren Überraschungen und einer Belebung des demokratischen Geistes aufwarten. Dass Wohlstandsbürger bequem werden und Angst vor Veränderungen haben, ist verständlich.

Aber eine EU, deren große Ausrichtung nur hinter verschlossenen Türen ausgemauschelt wird, hat sich als wenig zukunftsträchtig erwiesen.Heuer wird die Demaskierungeines selbstherrlich gewordenen Establishments weitergehen. Wiederum stellt sich die Frage, wie sich tragende Medien verhalten werden: kritische Distanz oder eklatante Parteinahme? Nicht nur die Rolle der Medien ist in dieser Umwälzungszeit interessant, auch ihre eigene strukturelle Entwicklung steht weiterhin auf derTagesordnung.

(Fortsetzung folgt)

[Walter Braun]
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