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"Wuchteln", Lacher und am Ende Einigkeit bei Print-Duell

Johannes Brunnbauer
Christian Rainer (profil), Rainer Nowak (Die Presse), Moderator Florian Scheuba, Kai Diekmann (vormals Bild) und Wolfgang Fellner (Österreich).
Christian Rainer (profil), Rainer Nowak (Die Presse), Moderator Florian Scheuba, Kai Diekmann (vormals Bild) und Wolfgang Fellner (Österreich).

Diesen Auftakt zu Tag zwei der Österreichischen Medientage wollte sich kaum jemand entgehen lassen: Mit Kabarettist Florian Scheuba als Moderator traten Ex-Bild-Chef Kai Diekmann und Wolfgang Fellner (Österreich) gegen Rainer Nowak (Die Presse) und Christian Rainer (profil) zum „Duell“ von Boulevard gegen Qualitätsmedium an. Nach vielen "Wuchteln" aller Beteiligten - und hörbarer Freude des Publikums daran - waren sich die Beteiligten am Ende allerdings bei überraschend vielen Dingen einig.

Scheuba gab den Tonfall schon mit seiner Vorstellungsrunde vor: Rainer und Nowak präsentierte er als die „uneitelsten Journalisten des Landes, landesweit bekannt für ihr bescheidenes Auftreten“, in deren Medium „angeblich die Qualität daheim“ sei. Fellners Österreich präsentierte er wiederum als „Österreichische Parodie auf Boulevard“, das “gratis und trotzdem käuflich“ sei.

Auf eine sachlichere Ebene brachte Rainer die Debatte mit seinem ersten Beitrag: Er habe in der Früh vor dem Panel BBC World Service gehört. Die erste Meldung dabei sei gewesen, dass Herzogin Meghan von Sussex ihre Autotüre selbst zugemacht habe. Qualität, so Rainers Schluss, sei damit nicht so sehr eine Sache der Inhalte und Präsentation, sondern vielmehr eine von Professionalität und Ethos. Billd sei in der Hinsicht auch eine Qualitätszeitung, „im Sinne von hochprofessionell gemacht“ und im Niveau des Faktenchecks „nicht so weit vom Spiegel entfernt“.

Boulevard ist wie Goethe

Diekmann pflichtete bei und führte ins Treffen, dass die meistverkaufte Ausgabe des Spiegel eine mit Boris Becker auf dem Cover gewesen sei. Auch Rainer räumte an dieser Stelle ein, dass der meistgeklickte profil-Artikel jener über den Skiunfall von Rennfahrer Michael Schumacher war. Diekmann sah darin kein Makel, im Gegenteil. Die Beispiele würden nur zeigen, dass „Lesen gegen die Struktur des menschlichen Gehirns“ sei. Das Hirn wolle „nicht lesen: Die Augen rutschen überall hin und bleiben an den ganz ganz kurzen Texten hängen.“

Diekmanns These: Eigentlich seien damit – gute – Boulevardzeitungen die eigentlichen Qualitätszeitungen, da sie Komplexität reduzierten, um die Wirklichkeit auf der Ebene des „voraussetzungsfreien Lesens“ für ein großes Publikum darstellten. Dabei führte Diekmann auch Goethe ins Treffen, der einem Freund einmal geschrieben habe: „Ich habe keine Zeit, deswegen wird das ein langer Brief.“ Reduktion ohne Verzerrung der Realität sei damit der höchstmögliche Qualitätsanspruch.

Fellner aus der Reserve gelockt

Zudem liege es in der Natur von Medien, das größtmögliche Publikum erreichen zu wollen, so Diekmann: „Wer predigen will, muss dafür sorgen, dass die Kirche voll ist.Sonst hat predigen wenig Sinn.“ Ein auch im journalistischen Sinn erfolgreiches erfolgreiches Medium müsse „Lust auf Lesen machen“, wobei Nowak allerdings einwandte, dass durch Reduktion zwangsweise auch die Differenzierung in der Berichterstattung verschwinde: „Grautöne brauchen mehr Platz als schwarz und weiß.“Zugleich räumte er ein, dass das „Verkaufen“ von Geschichten ein Problem von Qualitätszeitungen sei.

Rainer resümierte, dass man sich dann ohnehin einig sei, dass Faktencheck und journalistisches Einordnen von Inhalten das eigentliche Qualitätsmerkmal von Medien seien, und mit Blick auf Fellner: „..also, zum Beispiel, haben die Interviews stattgefunden oder nicht stattgefunden.“ Scheuba griff den Seitenhieb allzu bereitwillig, und fragte, zum Thema Faktencheck: „Herr Fellner, Sie als Außenstehender…“ Das lockte den bisher geduldig zuhörenden Fellner aus der Reserve: „Nix für ungut, aber das ist immer dieselbe depperte Diskussion.“

Rainer und sein Stecktuch

Fellner sah keinerlei Grund, gerade den heimischen Boulevard schlechtzureden: Die Kronen Zeitung sei etwa allein schon auflagenmäßig, gemessen an der Bevölkerungszahl, die erfolgreichste Boulevardzeitung der Welt.  Auch die Österreichischen Gratiszeitungen – auch abseits seines eigenen Blattes - seien „großartig gemacht“. Zum Unterschied davon stehe etwa die Presse bei einem Vergleich mit der New York Times „wie Micky Maus“ da, und Rainer wolle er den Vergleich mit dem Spiegel lieber ersparen.

Ein Vergleich seines Österreich etwa mit der Presse sei „Schwachsinn“, so Fellner, da die eben ein „Zielgruppenmedium für Uniprofessoren und Firmenchefs“ sei, bei denen das „Abo eh die Firma zahlt“ und dieses „meistens durch Tod beendet“ werde. Die wahre Konkurrenz um die Aufmerksamkeit finde heute ohnehin auf einem anderen Feld statt – und so verdienten gerade Boulevardzeitungen Respekt, da sonst „ja alle auch in ihr Handy schauen könnten“ und so zumindest journalistische Print-Inhalte konsumierten. Das könne auch „der Christian Rainer anerkennen, ohne dass ihm das Stecktuch aus dem Sakko fallt“.

"Generationen, die man über Papier nicht erreichen kann"

Diekmann gab Fellner recht: Die digitale Disruption sei die "große Herausforderung, vor der wir alle stehen". Es wüchsen "ganze Generationen heran, die man über Papier nicht mehr erreichen kann.“ Das sei zudem "kein langsames Dahinschwinden, das ist ein Strömungsabriss." Er schilderte einen kürzlich erfolgten W-Lan-Ausfall im Hause Diekmann und den Anruf seines Sohns: „Papa, ich bin voll das Opfer. Ich muss jetzt sogar Fernsehen sehen – sehen, was die wollen.“

Die alteingesessenen Medien hätten ihre "Rolle als Gatekeeper verloren", so Diekmann mit Verweis auf die Kommunikationsstrategie von US-Präsident Donald Trump als Beleg dafür, „was für eine dramatische Verschiebung da stattgefunden hat“. Nowak sieht die Lage weniger düster und glaubt, dass es gelingen kann, "Journalismus in digitale Formate bringen, so dass Menschen auch dort bereit sind, dafür zu zahlen". Rainer zeigte sich skeptisch: Monetarisierung im Internet sei für sein Medium kein Modell. Seine Strategie daher: "Wir müssen so gut sein, dass man sich den Luxus Tageszeitung oder Magazin leisten will".

Ein Diekmann-Kompliment an das ganze Land

Gänzlich einig waren sich alle Beteiligten zudem im Hinblick auf die jüngste BMI-Affäre, dass Beschränkungen in der Pressfreiheit „unerträglich“ und „skandalös“ sind, und Diekmann sah darin letzten Endes einen anderen Nutznießer: Vom Widerstand der Medien gegen Beschränkungen, Interventionen und Manipulationen profitiere "am Ende die ganze Gesellschaft". Außerdem schloss Diekmann - lange nach Ende der geplanten Diskussionsdauer - er werde in Zukunft "nur noch an Mediendebatten in Österreich teilnehmen", würden diese doch "viel unterhaltsamer und leidenschaftlicher geführt" als überall anderswo.

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