Wrabetz: "Herummäkeln an Zahlen"
 

Wrabetz: "Herummäkeln an Zahlen"

UPDATE: "Chaostruppe" für Neuschitzer - Häupl: "Nicht so, dass der Bürgermeister wünscht und der Küniglberg springt" - Grasl für Standortentscheidung im ersten Halbjahr

ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz will sich nach der Abfuhr durch die Standort-Arbeitsgruppe des ORF-Stiftungsrats noch nicht geschlagen geben und sieht das Problem mehr bei den Stiftungsräten und deren unterschiedlichen Interessen, als bei sich und den "von einem Expertenteam der Kaufmännischen Direktion und des Beratungsunternehmens Accenture errechneten Zahlen". Er werde die Fragen und Argumente, die in der Arbeitsgruppensitzung am Montag laut wurden, aber trotzdem in seine weiteren Überlegungen einbeziehen und sich dann "überlegen, wie ich den Antrag zum Thema Standort noch im ersten Halbjahr im Stiftungsrat einbringe", sagte Wrabetz am Dienstag.

Als Misstrauensvotum wollte der ORF-Chef die Kritik der Arbeitsgruppe aber nicht werten. Vielmehr habe es bei einem großen Teil der Gruppe "eine klare inhaltliche Vorfestlegung" gegeben, "die wahrscheinlich auch durch weitere Argumente nicht so leicht zu entkräften gewesen wäre". Von Seiten der Belegschaftsvertretung habe es "natürlich" Bedenken gegen Synergieeffekte gegeben und andere hätten grundsätzliche Vorbehalte gegen ein Mietmodell gehabt. Grundsätzlich sei ihm klar, dass "Status quo immer einfacher ist als Veränderung", so Wrabetz.

"Zahlen vergleichbar"

Kritik an den vorgelegten Berechnungen zu den verschiedenen Standortvarianten will Wrabetz nicht gelten lassen: "Die Zahlen, die unsere internen und externen Experten errechnet haben, waren für mich schlüssig und vergleichbar". Es sei darüber hinaus auch immer transparent offengelegt worden, wo und aus welchen Gründen Veränderungen bei der Berechnung zustande gekommen sind. In Richtung der Arbeitsgruppenmitglieder meinte er: "Jeder kann klar sagen, dass er für oder gegen eine bestimmte Standortvariante ist, dann muss man das inhaltlich diskutieren oder zur Kenntnis nehmen." Ein "Herummäkeln an den Zahlen" halte er nicht für hilfreich.

Bei der Arbeitsgruppensitzung am Montag sei auch eine grundsätzliche Frage aufs Tapet gekommen, ob nämlich der Stiftungsrat, über dessen Ablöse die Regierung ja laut nachdenke, eine so weitreichende Entscheidung wie die des Standorts überhaupt treffen kann.

Häupl will ORF weiter in St. Marx sehen

Der Wiener Bürgermeister, Michael Häupl (S), hofft unterdessen weiterhin auf eine Ansiedlung des Medienriesen im Bezirk Landstraße. "Ich glaube, dass es für den ORF gut wäre - auch als jemand, der relativ lange im Kuratorium des ORF gesessen ist und die inneren Strukturen gut kennt", sagte er am Dienstag. "Ich kann nur hoffen, sie treffen die richtige Entscheidung, aber es ist nicht so, dass der Bürgermeister wünscht und der Küniglberg springt", versicherte er.

Ob die Sonderkonditionen, die bis zum Sommer gelten, noch verlängert werden sollen, beantwortete Häupl zurückhaltend: "Irgendwann werden sie sich ja wohl entscheiden müssen, und das demnächst." Schließlich dauere der Diskussionsprozess "mit Verlaub" ohnehin schon lange genug. "Ich möchte wissen, was Sie uns erzählen würden, wenn wir für Entscheidungen so lange brauchen", fragte der Bürgermeister die anwesenden Journalisten.

Grasl: Entscheidung muss bis zur Jahresmitte fallen


ORF-Finanzdirektor Richard Grasl will am Zeitplan für die Standortentscheidung des ORF festhalten. Die Entscheidung müsse noch im ersten Halbjahr fallen, um Verteuerungen bei der ohnehin anstehenden Sanierung des ORF-Zentrums am Küniglberg zu verhindern, sagte er am Dienstag. Die Berechnung jener Standort-Zahlen, die von der Arbeitsgruppe des ORF-Stiftungsrats Montagabend als "weder schlüssig noch vergleichbar" bewertet wurden, sind laut Grasl "korrekt". Ein Misstrauensvotum gegen die Geschäftsführung sieht der Kaufmännische Direktor in der Abfuhr durch die Arbeitsgruppe jedenfalls nicht.

"Chaostruppe"

Franz Medwenitsch, Leiter des ÖVP-"Freundeskreises", sowie der Kärntner FPK-Stiftungsrat Siggi Neuschitzer übten am Dienstag deutliche Kritik an Wrabetz und betrachteten das Projekt Neubau als gescheitert. In einem nächsten Schritt sei nun "ein Plan für eine möglichst rasche und kostengünstige Sanierung des Küniglbergs auszuarbeiten", sagte Medwenitsch. Neuschitzer sprach von einer "Chaostruppe am Küniglberg". BZÖ-Stiftungsrat Alexander Scheer und der Unabhängige Franz Küberl wiederum sahen den ORF-Chef nun noch stärker in der Verantwortung, seinen Standortantrag gut zu begründen.

Betriebsrat "geht das Geimpfte auf"

Zentralbetriebsratschef Gerhard Moser verlieh im "Standard" ebenfalls seinem Unmut Ausdruck. "Wenn ich noch einmal diesen Unsinn von der „Bequemlichkeit" der MitarbeiterInnen oder des im Funkhaus wehenden "Nostalgiestaubs" höre - meines Wissens wurde das von höchster ORF-Etage aus verbreitet -, dann geht mir - sorry - das wienerische 'Geimpfte' auf", erklärte er. "Jede Kollegin, jeder Kollege ist sofort dabei, einen attraktiven ORF für die nächsten Jahre und Jahrzehnte mitzugestalten. Keiner von uns wird sich aber für städtebauliche Experimente oder sogenannte Konzentrationslösungen hergeben, die - und das ist Faktum - massiven Personalabbau und eine wirtschaftliche Anbiederung des ORF an private Konkurrenten oder öffentliche 'Geldgeber' bedeuten."

(APA,red)
stats