Wozu braucht die Welt Österreich?
 

Wozu braucht die Welt Österreich?

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Welche Rolle spielt Österreich im internationalen Vergleich, welchen Beitrag kann unser Land leisten? Über ein „ungeheures Auseinanderklaffen zwischen Höchstleistungen und Defizit“ diskutierte das Podium am zweiten Tag der Österreichischen Medientage

Unter der Moderation von Charles Ritterband, lange Zeit als NZZ-Korrespondent in Wien tätig, diskutierten am zweiten Tag gleich nach der Mittagspause in Saal Eins Kurier-Chefredakteur Helmut Brandstätter, ÖBB-Chef Christian Kern, Berater und Medienmanager Hans Mahr, Ursula Plassnik, Österreichische Botschafterin in Frankreich, Wolf D. Prix, Gründer und CEO von Coop Himmelblau sowie Martha Schultz von der Wirtschaftskammer Österreich.

Das Thema "Die Marke Österreich und ihre Identität" polarisierte: Durch das Gespräch führte Charles Ritterband, der sich immer wieder an seiner Heimat Schweiz orientierte und versuchte, Parallelen zu Österreich zu ziehen, dann gab es noch Optimisten auf der einen Seite und erklärte Pessimisten auf der anderen. Die Frage nach der Bedeutung Österreichs auf globaler Ebene sowie die Thematik, ob man Österreich als Marke vermitteln könne, lieferte jedenfalls genug Stoff für Diskussionen.

Helmut Brandstätter (Kurier)

"Es gibt 121 österreichische Unternehmen, die in ihrem Bereich Weltmarktführer sind. Im wirtschaftlichen Bereich sind wir viel besser, als wir uns selber ausmalen."

"Im Bereich der Bildung sind wir auf Platz 50 bei den Industriestaaten abgesunken, und wenn wir so weitermachen, sind wir bald auf Platz 100."

"Historisch gesehen ist unsere DNA eine zumindest drei Mal gebrochene innerhalb von hundert Jahren. Das alles ist Jahrzehnte lang nicht aufgearbeitet, sondern durch wirtschaftliche Erfolge überlagert worden."

"Wir sind stolz auf unsere vielen multikulturellen Einflüsse, haben aber zeitgleich Angst vor ein paar Türken - und das wird auch noch von den Medien unterstützt."


Hans Mahr (mahrmedia)

"Es gibt so viel Wunderbares in diesem Land und wir alle verschweigen es de facto. Auf der einen Seite überschätzen wir uns maßlos und denken, wir sind immer noch eine Weltmacht, auf der anderen Seite bezeichnen wir uns selbst als ‚abgesandelt‘ und machen uns permanent schlecht - da muss man ein gutes Mittelmaß finden."

"Wir hier in Österreich lieben es, in unserem eigenen Unsinn zu wühlen."

"Lieber Herr Ritterband, ich muss hier ihr großes Schweizer Vorbild zerstören - da gibt es nicht so viel, das man als Vorbild nehmen kann."

"Es ist die Aufgabe der Politik, Wege aufzuzeigen und Menschen zu überzeugen - und das funktioniert nicht mehr und das schon seit langer Zeit. Es gibt keine Politikverdrossenheit, es gibt eine Politikerverdrossenheit. Wir brauchen wieder Leute, die führen können, die die Menschen überzeugen, dass sie stolz sein können – auch auf Österreich."

"Wir müssen das Haus Österreich öffnen, es auslüften und wir müssen uns klar werden, dass wir Talente haben und etwas erreichen können."


Ursula Plassnik, Österreichische Botschafterin in Frankreich

"Österreich hat in der Europäischen Union und in den Vereinten Nationen einen Platz als der erfolgreiche, starke Mittelstand. Als ein Land das wirtschaftlich und gesellschaftlich erfolgreich ist, in manchem sogar musterhaft. Wir sind ein leistungsstarkes Mitglied in diesem europäischen Orchester."

"Wir haben inzwischen an Selbstbewusstsein gewonnen und eine deutliche Identitätsstärkung erfahren, das darf man nicht vergessen."

"Was das neu ins Leben gerufene Nation Branding Austria betrifft: Wir wissen, dass das Image eines Landes in Wirklichkeit nicht groß beeinflussbar ist, daher habe ich da grundsätzlich eher ein Fragezeichen im Gesicht."

"Wir haben eine Gefahr der Selbst-Provinzialisierung, der es entgegenzuwirken gilt, auf allen Ebenen."


Wolf D. Prix (Coop Himmelblau)

"Ich weiß nicht, wozu die Welt Österreich wirklich braucht. Auf meinem Gebiet haben wir Spitzenleistungen, nur weiß das niemand, weder hier noch im Ausland."

"Wenn ich die Frage beantworten müsste, ob die Welt Österreich braucht, würde ich sagen: die Welt braucht Österreich nicht."

"Die Österreicher sind gegen Spitzenleistungen, gegen Profilierung, sie haben's gern ruhig, nur keine Wellen, ist eh wurscht - Österreich fährt Nicht-Strategien."

"Ich glaube das Markenzeichen der Österreicher ist Ignoranz."


Martha Schultz (Wirtschaftskammer Österreich)

"Ja, wir haben sicherlich Aufholbedarf. Wir sind vielleicht oft unerkannt in vielen Dingen führend, aber in vielen Rankings bleiben wir stehen. Die wenigsten überlegen sich: Wo soll Österreich 2025 sein?"

"Sechs von zehn Euro verdienen wir in Österreich mit Export. Ich glaube nicht, dass Mittelmäßigkeit das Richtige für Österreich ist."
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