Wochenzeitungen: ‚Falter‘ vor Relaunch
 

Wochenzeitungen: ‚Falter‘ vor Relaunch

Kaufwochenzeitungen sind eine rare Spezies am heimischen Medienmarkt. Wie man in diesem langfristig reüssiert und was sich konkret bei "Falter" und "NÖN" kurzfristig ändert, kompakt erklärt von den Geschäftsführern dieser beiden so unterschiedlichen Titel

Die regelmäßigen Reichweiten- und Auflagemessungen rattern gnadenlos durch die Print-Landschaft, Verlagshäuser ziehen ebenso regelmäßig Konsequenzen, meist personell, oft mit optischen oder inhaltlichen oder anderen Relaunches, Re­brushes oder Reloads – und hin und ­wieder hilft das alles nichts. 

Von derartiger Unbill in jüngerer Zeit verschont scheint die bisher mehr als 2.500-mal erschienene Wiener Stadtzeitung "Falter". Un­verschönt bleibt sie aber trotzdem nicht: „Es ist uns gelungen, den ge­nialen Artdirector Dirk Merbach ­zurückzuholen“, verrät "Falter"-Geschäftsführer Siegmar Schlager dem HORIZONT.

Merbach, in führender Funktion in den vergangenen 20 Jahren unter anderem bei "Die Welt", "Die Zeit" oder zuletzt zwei Jahre lang bei der "Süddeutschen Zeitung" tätig (an deren Wochenendausgabe er intensiv werkte), ist per 1. Juli wieder beim "Falter" an Bord. Von ihm stammte auch schon 2008 die letzte, einschneidende und immer noch gültige optische Überarbeitung des "Falter". „Er wird gemeinsam mit der Redaktion den 'Falter' weiterentwickeln, im Herbst werden wir bereits erste Ergebnisse sehen“, kündigt Schlager an. 

Kooperationen in Kultur und Sport

In den vorangegangenen Wochen war man eher damit beschäftigt, die Redaktion wieder auf quantitativen Normalstand zu ergänzen: Der "Falter" hatte binnen kurzer Zeit drei Journalisten an die Verlagsgruppe News verloren. „Wir vermissen die ­Abgänge, wir haben aber innerhalb von einem Monat alle Positionen durch erfolgversprechende und, wie man jetzt bereits lesen kann, erfolgreiche Journalisten nachbesetzt“, so ­Schlager. Die Wiener Wochenzeitung mitsamt ihrem Steiermark-Ableger steht längst nicht mehr bloß für umfassende Kultur-, Lebens- und Veranstaltungsberichterstattung, sondern darf auch investigativen Printjournalismus als einen ihrer USPs verbuchen. „Und im Marketing kooperieren wir heuer mit wahrscheinlich mehr als 100 verschiedenen Kulturveranstaltern, quer durch alle Genres. Wir wollen so den Falter in der Stadt noch sichtbarer machen, die Marke Falter soll eine Veranstaltung auch auszeichnen und dem Publikum zeigen, dass wir auch inhaltlich hinter der jeweiligen Veranstaltung stehen“, erläutert Schlager. 

Marktbedingte Abgänge in der Redaktion mit der gleichen Anzahl von Köpfen zu ersetzen, wie es der "Falter" praktizierte, das ist derzeit am Printsektor vermutlich die Ausnahme. Bei den Niederösterreichischen Nachrichten ging man im Vorjahr sogar darüber hinaus. „Wir haben 2014 um 23 Personen aufgestockt“, ruft NÖN-Chefredakteur und Geschäftsführer Harald Knabl in Erinnerung. Diese Quantität in der Redaktion soll einen neuerlichen Qualitätsschub zur Folge haben: „Lokales und Regio­nales bleibt klarerweise bei den Nieder­österreichischen Nachrichten im Fokus; und vor allem im Sport intensivieren wir die Berichterstattung, aber nicht nur dort.“ Dazu haben die "NÖN" mit dem Niederösterreichischen Fußballverband ein Portal für alle Kicker-Ligen des Landes ins Leben gerufen. „Sport wird immer wichtiger für uns“, begründet das Knabl, „speziell online.“ 

Subsidiär und regional

Die Mitarbeiter wurden und werden laufend auf das neue Content-­Management-System eingeschult. Damit einhergehen soll auch, dass insbesondere die vielen neuen Redakteure in allen Regionalbüros von selbst ein Gefühl entwickeln, welche Geschichten und Fakten sofort online gehen sollten oder welche Hintergründe und Erklärungen man sich für Print vorbehalten kann. „Wir in St. Pölten können ja nicht immer genau wissen, was für die jeweilige Regionen am relevantesten ist“, sagt Knabl. Daher halte man sich diesbezüglich an ein Subsidiaritätsprinzip. Zu schaffen macht Knabl allerdings ein gewissermaßen demografischer oder auch gesamtwirtschaftlicher Trend: „Es gibt immer weniger Nahversorger in Niederösterreich außerhalb der Städte, und damit werden auch unsere möglichen Verschleißposten geringer.“ Bezüglich der Anzahl der Abonnenten verweist der "NÖN"-Geschäftsführer auf eine stabile Entwicklung. Eine notwendige Preiserhöhung der vergangenen Wochen wurde für den zahlenden Leser durch die gleichzeitige Einführung eines Zwei-Jahres-Abos der "NÖN" abgefedert. „Es gibt jetzt sogar Umsteiger vom Jahres- auf das Zwei-Jahres-Abo“, erzählt Knabl (Letzteres kostet 50 Euro für den ­gesamten Zeitraum). „Wenn ein Printmedium seinem Leser ein Heimatgefühl geben kann und sein Profil entsprechend ständig schärft, dann wird es von einer möglichen Erosion am Zeitungsmarkt kaum betroffen sein“, lautet eine Konklusion Knabls angesichts digitaler Aufmerksamkeits- und Informationskonkurrenten. 

Auf mehreren Kanälen ausspielen

Dass der Printmarkt angesichts überbordender Online-Angebote und -Nutzungen zwangsläufig erodiere, relativiert auch Falter-Geschäftsführer Siegmar Schlager am Beispiel seines Blattes: „Wir haben im Vorjahr um rund vier Prozent mehr Exemplare verkauft“, sagt er. Eine Wochenzeitung müsse im Allgemeinen einen kompakten Überblick über die Geschehnisse geben und dem Leser ermöglichen, sich eine Meinung zu bilden; ideenreiche Optik mit stringenter Dramaturgie sind für Schlager ebenso Erfolgsfaktoren, die sich im gesamten Heft ausdrücken, wie „Texte in die Tiefe eines Themas.“ Insgesamt müsse der Leser zur Ansicht kommen, dass es sich ausgezahlt hat, das Printprodukt gekauft zu haben. Der Begriff „Printprodukt“ ist in diesen Zusammenhängen allerdings relativ zu sehen, so Schlager: „Es gilt der Grundsatz ,The customer does not care about the pipe‘, das heißt also, dass das Printprodukt auch auf allen digitalen Kanälen ausgespielt werden soll, sei es als App, sei es als E-Paper, aber eben kostenpflichtig.“
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