Wo gehen all die Medien hin?
 

Wo gehen all die Medien hin?

Seb Braun/www.sebbraun.co.uk

Diesmal geht's bei Walter's Weekly um die Meinungsforschung, den Medienzirkus und Marketing im Rahmen des US-Präsidentschaftswahlkampfs.

Tote brauchen keine Nachdenkpausen. Was mich betrifft, ist politische Meinungsforschung das erste Opfer der US-Präsidentenwahl. In den vergangenen zwei Jahren gab es vier große politische Ereignisse – die schottische Unabhängigkeitsabstimmung, die britischen Parlamentswahlen, den Brexit und jetzt Trump. Alle vier von den Meinungsforschern katastrophal falsch eingeschätzt.

Zur Veranschaulichung: Kurz vor der Wahl beurteilte die „New York Times“ Hillarys Gewinnchancen mit 86 Prozent, die Blogger von „Daily Kos“ kamen auf 92 Prozent und das „Princeton Election Consortium“ war sich zu 98-99 Prozent sicher, Frau Clinton würde gewinnen.

Warum funktioniert Meinungsforschung nicht mehr? Vielleicht weil Verleumdung und Rufmord in Sozialmedien zum täglichen Ereignis geworden sind und sich Viele hüten, ihre wahre Meinung kundzutun!?

Die staatstragende Presse, die so gut wie geschlossen gegen den wild herumfuchtelnden Trump war, vermochte am Ende wenig gegen ihn ausrichten. Seine Ein-Mann-Show war in der Lage, den gesamten Medienzirkus vor sich herzutreiben – eine bemerkenswerte Leistung, die einige Milliarden Dollar an Wahlwerbung wert sein dürfte. Die Marketinggeschichte des Jahres.

Als Trumps Gattin Melania im Sommer eine ‚staatstragende‘ Ansprache hielt, kam bald heraus, dass sie bloß eine Rede von Michelle Obama wiederholte. Jede Menge aufgebrachter Kommentare, besonders, als die erhoffte Zerknirschung ausblieb. Wie wurde der Skandal beendet? Donald T. twitterte: „Die gute Nachricht ist, dass Melanias Rede mehr Aufmerksamkeit erhalten hat als jede andere in der Geschichte der Politik, besonders wenn man glaubt, dass jede Öffentlichkeit gute Öffentlichkeit ist.“

Die Behauptung ist blanker Unsinn. Aber Negativ-PR hat sich als enorm wirksam erwiesen, weil sie den ‚Helden‘ unablässig im Mittelpunkt behielt. In Zeiten kultureller Instabilität und eines viel zu raschen Wandels suchen gestresste Bürger emotionale Bestätigung, nicht Vernunftgründe, warum sie sich mit ihrer Situation abfinden sollten. Genau das vermittelte der Donald seinen Wählern: donnernde Zustimmung.

Wahlentscheidend war vermutlich das Fernsehen, jedenfalls sind US-Kabel-TV-Sender dankbar für Reichweiten- und Werbezuwächse. Trumps Aufstieg zum nationalen Star begann mit der Serie „The Apprentice“. Trumps Bekanntheit wiederum war entscheidend, dass er trotz fehlender Politerfahrung bis zum Präsidentschaftskandidaten aufsteigen und als ‚Marke‘ in Erscheinung treten konnte… 

[Walter Braun]
stats