‚Wir nehmen es sportlich‘
 

‚Wir nehmen es sportlich‘

laola1.at beklagt sich über ungleiche Konkurrenten: Gebührenfinanzierter ORF bietet Bewegtbildwerbung auf TVthek, Google setzt sich über Urheberrechte hinweg und nascht mit YouTube-Vermarktung mit - Karl Wieseneder und Rainer Geier, Geschäftsführer der Laola1 Multimedia im Interview

HORIZONT: Kürzlich ging das neu gestaltete Laola1.tv on air. Neu dabei ist unter anderem das kostenpflichtige  Laola1 Premium. Sie wagen also einen Schritt in Richtung Paid Content?

Karl Wieseneder: Wir titulieren dieses Angebot nicht als Paid Content, sondern als Premium-Mitgliedschaft. Die Inhalte von Laola1.tv sind generell frei zugänglich. Viele User und auch Kunden haben den Wunsch nach einer höheren Qualität geäußert und im Gegenzug dazu die Bereitschaft signalisiert, dafür auch etwas zu bezahlen. Und: ­Einigen Sehern war die Werbung zu viel – aber das waren nur ganz wenige Stimmen. Gegen eine geringe Pauschale können Premium-User nun das Angebot in HD-Qualität genießen, in dem auch weniger Werbung zu sehen ist.

HORIZONT: Laola1 hat schon einmal vor ein paar Jahren Geld für Inhalte ­verlangt …

Wieseneder: Ja, von 2006 bis 2009 ­haben wir die internationalen Rechte an der Deutschen Bundesliga gehabt. Diese Inhalte  haben wir bewusst gegen Gebühr angeboten. Auch um die ­Übertragungsrechte unserer Fernsehpartner zu schützen. Die hatte damals ATV für Österreich. Das hat ganz gut funk­tioniert – obwohl wir keine Milli­onen damit verdient haben.

Rainer Geier: Wir sind auch Content-Dienstleister – beispielsweise für Fußballklubs wie HSV, VfB Stuttgart und so weiter. Diese Klubs verlangen für Content von den Usern Geld – so gesehen ist das Thema überhaupt nichts Neues für uns. Das neue Portal haben wir ja auch zu 100-Prozent inhouse entwickelt und umgesetzt. Ab 2010 haben wir Laola1.tv ganz bewusst „for free“ ­angeboten, um hier einfach Reichweiten aufzubauen. Wir haben bei Laola1.tv Zugriffe aus 150 verschiedenen Ländern. Die Laola1-Premium-Mitgliedschaft ist nun der nächste Schritt.

HORIZONT: Wie viel erwarten Sie sich vom Paid-Content-Angebot von Laola1.tv?

Wieseneder: Wir haben das nicht initiiert, um das große Geld zu machen. Wenn das passiert, dann ist das schön. Es ist mehr als Service-Angebot für die User gedacht: Content in hochwertiger Form zu bieten, wobei das dem User auch etwas wert sein muss. Wir haben keine Business-Pläne dahinter. Derzeit haben wir über 300.000 Mitglieder in unserem Laola1 Club. Denn schon ­bisher musste man sich für mobile ­Applikationen registrieren.

Geier: Wir gehen damit in die Richtung, nicht mehr alles über Werbung zu finanzieren. Für die Unternehmensgruppe insgesamt ist dieser Schritt ­allerdings nicht neu: Wir refinanzieren uns durch Sportrechte, Content Syndication, als Dienstleister für Drittan­bieter wie Sportklubs und -vereine und Ligen sowie für Wettanbieter, die Live-Streaming in ihr digitales Angebot ­einbauen. Laola1 Premium ist nur eine weitere Facette.

HORIZONT: Am heimischen Bewegtbildmarkt beziehungsweise bei der Vermarktung von Bewegtbild tut sich ja momentan sehr viel: Der ORF hat gerade die Vermarktung seiner TVthek gestartet. Wie beeinflusst das Ihr Geschäft?

Wiesenender: Nur einmal zur Rollenverteilung: Wir sind seit über zwölf ­Jahren auf dem Markt und eine Gesellschaft in privater Hand. Wir haben noch nie einen einzigen Cent Förderung bekommen. Jedes Jahr schreiben wir Gewinne und liefern unsere Steuern in Österreich ab, obwohl wir über 90 Prozent unseres Geschäftes im Ausland machen. Es gebe da auch andere, steuersparende Konstruktionen, auf die etwa viele unserer internationalen Mitbewerber zurückgreifen. Aber: Mit laola1.at verdient der Staat ganz gut. Der ORF auf der anderen Seite bekommt Sonderbudgets, etwa für Olympische Spiele oder Fußballweltmeisterschaften. Zu den Werbeeinnahmen, die der ORF erzielt, kommen noch die Rundfunkgebühren und außerordentliche Zuwendungen wie die Gebührenrefundierung. Das ist eine Schieflage, und die Politik ist gefordert, hier für Gleichberechtigung zu sorgen. Dann natürlich ist der ORF ein Konkurrent, wenn es um Übertragungsrechte geht. Und mit all dieser finanziellen Ausstattung kann sich der ORF damit Rechte sichern, die er sich bei einer fairen Rollenverteilung nicht leisten könnte. Nur ein konkretes Beispiel: Der ORF erhält eine millionenschwere Zuwendungen, um den Breitensport zu fördern. Damit finanziert er ORF Sport +. Wir haben das kürzlich analysiert: Der ORF übertrug auf ORF Sport + laut eigenen Angaben im Jahr 2012 etwa 860 Live-Stunden. Im Zeitraum von 1. August 2012 bis 30. Juni 2013 haben wir hingegen 7.943 Stunden live gestreamt. Dafür bekommen wir aber keinen Cent Förderung. Da muss man sich schon fragen, ob der ORF zur Förderung des Breitensports der richtige Partner ist.

HORIZONT: Rechnen Sie durch die TVthek-Vermarktung mit einem Abfluss an Werbegeldern? Zumal die Zeitungsportale ja auch ORF-TVthek-Inhalte einbinden und selbst vermarkten ­können.

Wieseneder: Die Bewegtbildwerbung wird ja meist gemeinsam mit TV-Werbung im Paket verkauft. So wie auch das Web schon in der Vergangenheit verkauft, ja eigentlich mit verschleudert wurde. Das vom Gesetzgeber vorgeschriebene Recht auf Kurzbericht­erstattung ist in Wahrheit ja auch ein Wahnsinn. Der ORF bekommt Rechte gratis und kann sie vermarkten. Mehr Wettbewerbsungleichheit kann es gar nicht mehr geben. Die gesetzlichen ­Bedingungen für die Medien sind katastrophal, was die Mediengleichheit ­betrifft. Der ORF macht mit dem VÖZ, der ja in diesem Bereich überhaupt nicht tätig ist, über Dritte, nämlich beispielsweise uns, hinweg Deals, und wir werden nicht einmal in die Diskussion mit einbezogen. Hier sind wirklich ­Ahnungslose am Werk, die von der Branche nichts verstehen. Als Wettbewerbsteilnehmer ist die Vorgehensweise schon sehr fragwürdig.

HORIZONT: Google startete auch kürzlich in Österreich mit der Vermarktung der YouTube-Inhalte. Auch ein Konkurrent?

Geier: Das Geschäftsmodell von YouTube basiert letztendlich auch sehr stark auf Urheberrechtsverletzungen. Das trifft Laola1 natürlich. Auf YouTube ­finden Sie etwa eine spanische Liga, eine Erste Bank Eishockey Liga, die Fußballbundesliga. Allesamt hochwertige Inhalte, an denen YouTube oder Google keine Rechte haben und uns als Rechtehalter, die dafür viel Geld bezahlt haben, kannibalisieren. Das ist rechtswidrig. Das muss man ganz klar sagen. Nun ist Google in Österreich in die Videovermarktung eingestiegen. Das führte zu einem Preisverfall für Bewegtbild­werbung – das bestätigen uns auch die Agenturen. Dieser Preisverfall wird 2014 noch stärker werden, und die Spirale dreht sich nach unten. Es wird immer schwerer, Premium-Content in Österreich zu finanzieren: Auf der einen Seite der ORF mit seiner Doppelfinanzierung und der Erlaubnis, die TVthek zu vermarkten. Auf der anderen Seite globale Player, die Urheberrechte verletzen.
Wieseneder: Noch einmal: Die Politik ist gefordert. Aber sie setzt sich mit neuen Medien ja überhaupt nicht ­auseinander. Wie Sie vielleicht wissen, zahlt Google in Europa etwa ein Prozent Steuern und in Österreich null.

HORIZONT: Wie wehren Sie sich gegen Google?

Geier: Google bietet zwei Wege an: Entweder man sucht selbst auf Google die Inhalte, an denen man die Rechte hält, und informiert YouTube, damit die Videos gelöscht werden. Oder man tritt die Rechte an Google ab und bekommt einen Teil der Werbeein­nahmen, die mit dem rechtswidrig ausgespielten Material erzielt werden. Das ist in keinster Weise akzeptabel.

HORIZONT: Man hat also die Wahl zwischen Pest und Cholera.Geier: Ja, es wäre ja der Job von Google, jenes Material, das Urheberrechte ­verletzt, auf YouTube zu finden und zu löschen. Google verlangt von den Rechtehaltern, den eigenen Job zu ­erledigen. Aber ich bin davon überzeugt, dass Google diese Politik zumindest im Sportbereich nicht lange durchhalten wird. Wir sind mit Google International wegen der Rechteverletzungen jedenfalls in ständigem Kontakt – und natürlich auch mit anderen Rechteinhabern. Das sind allerdings Prozesse, die recht lange dauern, da selbst die internationale Rechtsprechung nicht den Anforderungen der modernen, digitalen Zeiten entspricht.HORIZONT: Nach der Wahl wird es aber wohl ein neues Leistungsschutzrecht geben, das ebendiese Problematik auch lösen soll. Haben Sie konkrete ­Erwartungen an das Regelwerk?Wieseneder: Von der Politik erwarten wir uns überhaupt nichts mehr. Medienpolitik in Österreich ist ein trauriges Kapitel: Sie besteht darin, den Öffentlich-Rechtlichen als Kommunikationsmittel für die Politik zu schützen. Eine breite Berichterstattung wird nicht ­gefördert – wohl auch deshalb, weil man die dann nicht mehr kontrollieren könnte. Da sind wir noch ein bisschen ostblockmäßig unterwegs. Obwohl die Privaten in Österreich schon etwas ­erreicht haben. Dies aber nicht mithilfe, sondern eher trotz der Medien­politik. Ich glaube, dass die die Privaten anfangs etwas unterschätzt hat.

HORIZONT: Noch einmal TVthek. Viele meinen ja, dass es dem Online-Werbemarkt schadet, wenn man die nicht vermarkten darf. Stimmt das?

Geier: Diese Frage kann man recht ­einfach mit einem Blick über unsere Grenze beantworten. Schauen Sie nach Deutschland. Dort dürfen die Öffentlich-Rechtlichen weder auf ihren ­Mediatheken noch ihren Webseiten Werbung verkaufen. Der deutsche Markt ist bekanntlich sowohl im Display- als auch im Bewegtbildmarkt um einiges entwickelter als der österrei­chische. Also: Auch ohne TVthek-Vermarktung würde sich der Digitalmarkt gut entwickeln. Aber das Kapitel ist ­gegessen. Das Urteil ist gefällt – und als gelernter Österreicher sind wir darüber nicht einmal überrascht.

HORIZONT: Jetzt haben wir viel über Österreich als Standort gesprochen. Sprechen wir einmal über die Hosnedlgasse im 22. Wiener Gemeindebezirk – also Ihren Firmensitz. Fühlen Sie sich hier wohl? Und: Warum zieht es Sie nicht nach St. Marx?

Wieseneder: Wir fühlen uns hier wohl. Wir sind gefragt worden, ob wir nach St. Marx wollen. Wir waren nicht abgeneigt. Allerdings wäre es dort ein Problem geworden, Sat-Schüsseln auf dem Dach zu montieren. Und ­dieses Equipment brauchen wir nun einmal. Wie ein Medienstandort ohne Sat-Schüsseln am Dach funktionieren kann, das sei nun einmal dahingestellt. Das Thema Laola1 und St. Marx war aber damit erledigt. Wir wachsen sehr stark und brauchen mittelfristig eine größere Bleibe. Die Frage des neuen Standorts wird sich in den nächsten drei Jahren beantworten.

HORIZONT: Die Ergebnisse der ÖWAplus 2. Quartal sind ja gerade präsentiert worden. Welchen Stellenwert hat die ÖWAplus für Laola1?

Geier: Die ÖWAplus ist im  Werbebereich absolut etabliert. Wenn man am österreichischen Digitalwerbemarkt agiert, muss man damit arbeiten. Inhaltlich hätten wir schon einige Verbesserungsvorschläge was die ÖWA als Ganzes betrifft.  Zum Beispiel im Bereich der mobilen und der Bewegtbild-Messung. Bei der Mobilen Messung waren wir Vorreiter und natürlich einer der Ersten, die dabei waren. Mittlerweile ziehen die Medien sukzessive nach. Im Bereich Bewegtbild tut sich leider nicht sehr viel. Wir versuchen bei der ÖWA und auch bei der AGTT das Thema Bewegbild und online zu pushen. Aber da gibt es Kräfte, Mechaniken, die das Thema eher verzögern, denn beschleunigen.

HORIZONT: Wann glauben Sie, wird es erste Ergebnisse beim Bewegtbild geben?

Gaier: Ich hoffe, dass es 2014 zumindest erste Tests geben wird. Diese hätte es zwar schon heuer geben sollen. Als Laola1 haben wir natürlich unser eigenes Messinstrumentarium. Allerdings bedarf es einheitlicher Messinstrumente und dass das Thema bei der AGTT angesiedelt ist.

HORIZONT: Wer sind Ihre Konkurrenten? Im engeren Sinn.

Wieseneder: Wir haben keine Konkurrenten. Wir haben so viele verschiedene Standbeine, dass es eigentlich niemanden gibt, der so aufgestellt ist. Es gibt verschiedene Player, die ähnliche Services und Produkte anbieten, die auch wir im Programm haben. Aber das ist auch nicht so wichtig, denn wir müssen auf uns schauen, unser Produkt muss das Beste und erfolgreich sein. Wenn andere mit ähnlichen Produkten auch Erfolg haben, dann ist das auch gut. Soweit die Bedingungen fair sind.

Geier: Für den Mediasales-Bereich sind unsere Konkurrenten im weitesten Sinne Medien, die auch Werbegelder mit Sportberichterstattung lukrieren – ob im Print, im TV oder auch Online. Am ehesten – von der Reichweite her – ist der ORF unser Konkurrent. Aber auch Google spielt rein. Mobile hingegen kann keiner so viel Inventar bieten, wie wir.

HORIZONT: Wann wird Laola1.tv an handelsüblichen TV-Schirm zu sehen sein?

Geier: (Lacht) Drehen Sie sich einfach um (hinter dem Interviewer befindet sich ein riesiger Flachbildschirm, auf dem das Laola1.tv – Angebot zu sehen ist).

HORIZONT: Punkt für Sie. Die Frage zielte eher auf einen klassisch, linearen TV-Kanal ...

Wieseneder: Unsere Philosophie war es immer, dass sich Bewegtbild über flexible Verbindungen – also Web oder mobile – durchsetzen wird. Mit einem ordentlichen Breitbandanschluss hat unser Bewegtbildangebot bereits TV-Qualität. Premium-Mitglieder steht auch Air Play zur Verfügung. (Zur Erklärung: Mit AirPlay von Apple kann der User Inhalte von seinem iOS-Gerät; also iPhone, iPad oder iPod; via Apple TV drahtlos an einen HD Fernseher und Lautsprecher streamen). Wir sind also hier schon wirklich weit. Was wir sicher nicht machen werden, ist Satelliten-Space zu kaufen, um dort klassisch unser Programm abzuspulen. Das ist nicht mehr zeitgemäß. Auf Laola1.tv laufen teilweise 10 bis 15 Programme gleichzeitig. So ein Angebot könnte ich auf einem klassischen TV-Sender gar nicht abbilden. Die Menschen wollen immer mehr selbst bestimmen, was sie wo und wann sehen wollen. Wir arbeiten daran, dies mit noch mehr Komfort möglich zu machen. Etwa mithilfe einer Playlist, die man gemütlich am Sofa ansehen kann. Heute ist das Zusammenstellen von Inhalten noch eine Sache für Freaks. In zwei bis drei Jahren wird das ganz einfach möglich sein.

Geier: Klassisch, lineare Programm könnten Laola1.tv jetzt sofort anbieten – unsere Infrastruktur und unsere Produktion würde das ohne weiteres zulassen. Wir haben einen solchen Sender zum Beispiel schon im Jahr 2008 anlässlich der Fußball-Europameisterschaft in Österreich und in der Schweiz über DVB-H angeboten.

HORIZONT: Wie geht es Laola1 geschäftlich?

Geier: Wir verzeichnen jedes Jahr ein Wachstum. In den geraden Jahren eines im zweistelligen Prozent-Bereich in den ungeraden Jahren ein einstelliges. Warum? Weil wir in den geraden Jahren, in denen Sportgroßereignisse wie Olympia oder Fußball-Weltmeisterschaft an Budgets herankommen, die es in den normalen Jahren gar nicht gibt. 2014 wird sicher wieder spannend – mit den Olympischen Winterspielen in Sotchi und der Fußballweltmeisterschaft in Brasilien. In Wien beschäftigen wir 185 fix Angestellte; dazu kommen noch 100 freie Mitarbeiter dazu. Die Gesamte Holding hat etwa 300 Mitarbeiter.
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