"Wir haben keine Visibilität des Marktes"
 

"Wir haben keine Visibilität des Marktes"

Anke Schäferkordt, Geschäftsführerin von RTL Television und verantwortlich für die Mediengruppe RTL Deutschland, stellte am 10. September in Wien die Programmseason von RTL für 2009/2010 vor – Ein Gespräch, auch über´s Programm.

Langfassung eines Gesprächs am 10. September am Dach des Haas-Hauses am Wiener Stephansplatz - Kurzfassung in HORIZONT 38-2009 am 18.09.2009.



HORIZONT: Sie haben am 8. Juli in Hamburg das RTL-Programm zur Season 2009/2010 bereits deutschen Journalisten vorgestellt – wieviele Präsentationen gab es bisher?



Anke Schäferkordt: Vier in Deutschland in den großen Agenturstädten und jetzt hier in Wien. Es ist immer wieder erfrischend – und ich bin immer wieder erfreut und erstaunt über unsere Trailer und Programme. Jedesmal. (lacht) Natürlich kenne ich die besten Stellen und kann die Titel alle mitsingen, aber das ist auch schön – Sie werden es nicht glauben, ich schau mir die Trailer immer wieder gern an!



HORIZONT: Noja, Sie haben es ja auch mit konzipiert. Zur heutigen Veranstaltung in Wien, ähnlich im Tenor wie schon in Hamburg: Die Zeiten sind angespannt – wie angespannt ist die wirtschaftliche Situation tatsächlich, jenseits der Brutto-Ausweisungen von Nielsen beziehungsweise Focus?



Schäferkordt: Für Österreich muss das Gerhard Riedler beantworten. Für den deutschen Markt gesprochen: Brutto ist nicht mehr wirklich ernst zu nehmen und gibt nicht das realistische Bild wieder, das sich heute im Werbemarkt zeigt. Wir haben eine Wirtschaftskrise und die ist in allen Ländern, die ich kenne, auch auf den Werbemarkt durchgeschlagen. Wir haben je nach Medium in Deutschland hohe einstellige oder zweistellige Rückgänge.



HORIZONT: Also roundabout um die zehn Prozent real?



Schäferkordt: Das ist unterschiedlich je nach Medium. Man kann es zum Teil auch nur abschätzen – aber der Fernsehwerbemarkt insgesamt wird von allen, die drüber schreiben, zweistellig im Minus geschätzt. Das ist wohl nicht verkehrt...



HORIZONT: Auch für die Sendergruppe beziehungsweise den Sender RTL?



Schäferkordt: An uns ist diese Entwicklung nicht vorbei gegangen. Auch wir sind nicht ungeschoren davongekommen, insbesondere vor dem Hintergrund, dass wir 2008 ein phantastisches Jahr hatten. Ich nenne keine Details, aber Fakt ist: jeder Sender muss damit umgehen und alle Medien müssen sich mit dieser neuen Situation auseinandersetzen. Denn so schnell wird das alte Level nicht wieder erreicht werden, wenn überhaupt. Egal wann der Aufschwung kommt und wie stark er ausfällt– um auch nur annähernd auf das alte Level zurückzukommen, braucht es Zeit.



HORIZONT: Stichwort Aufschwung: Die letzten Konjunkturdaten sehen ja wieder ein bisschen besser aus – erste Anzeichen einer Erholung spürbar?



Schäferkordt: Ehrlich gesagt ist das für mich ein kompletter Blick in die Glaskugel. Unsere Aufgabe ist es, uns auf schwierige Situationen einzustellen und dann das Beste daraus zu machen. Daran arbeiten wir, nicht erst seit gestern.



HORIZONT: Wie weit sind die Ziele für 2010 schon gesteckt?



Schäferkordt: Ziele haben wir – aber die Visibilität des Marktes fehlt. Wenn Sie mit Agenturchefs und Kunden sprechen – und das wird hier in Österreich auch nicht anders sein – bekommen Sie komplett unterschiedliche Aussagen. Es gibt Werbekunden, die sagen, auf jeden Fall werden sie im nächsten Jahr ihre Spendings erhöhen – und es gibt jetzt schon Kunden, die sagen, dass sie im nächsten Jahr ihre Spendings noch einmal senken. Es gibt also die ganze Bandbreite. Tatsache ist, dass es noch immer keine Visibilität des Marktes gibt –  wir spekulieren heute, Anfang September, immer noch über das vierte Quartal!



HORIZONT: Wie weit voraus schauen Sie als Programm-Planerin?



Schäferkordt: Natürlich stecken wir unsere Ziele dort weiter in die Zukunft, gleichzeitig müssen wir mit den Gegebenheiten des Momentes umgehen. Wenn Sie ein Programm planen oder auch an die langfristige Verbreitung unserer Programme denken, an die strategische Positionierung unserer Mediengruppe als Inhalteanbieter oder an neue Geschäftsfelder – dann müssen Sie natürlich über die nächste Jahresgrenze deutlich hinausdenken. Wir entwickeln heute Programme, die teilweise nicht vor Herbst 2010 ins Programm kommen, vielleicht auch erst 2011.



HORIZONT: Reden wir also über das Programm: Sie haben bei der Vorstellung der neune Real Life-Formate berichtet, dass Themen aus Zuschauerreaktionen auf entsprechende Berichte in Magazinen oder auch Nachrichtensendungen entstanden sind – wie kann man sich das vorstellen?



Schäferkordt: In einem täglichen Magazin wie ,Punkt 12´ finden alle möglichen Themen statt. Das sind gesellschaftlich relevante Themen, die wir in Magazinbeiträgen oder längeren Reportagen aufbereiten. Wir sehen sowohl an der Zuschauerresonanz, sprich Einschaltquote und daran, wie sie sich auf- oder abbaut, aber auch sehr stark an der Interaktion unserer Zuschauer mit unserer Zuschauerredaktion, welche Themen zu einem vermehrten Reaktionen führen. Wenn ein Thema also interessant ist, überlegen wir, ob es auch für ein eigenes Format trägt. Manchmal schauen wir im internationalen Markt, ob es ein entsprechendes Format gibt, oder wir entwickeln selber. Diese tagtägliche Beobachtung hilft einfach, noch näher dran zu sein am Zuschauer.



HORIZONT: Sie haben den Zielkonflikt zwischen populärer US-Serienware und der Problematik, deutsche Serien und deutsche Stars zu zu etablieren, angesprochen … das dauert im zweiten Fall alles viel länger. Dennoch sind Eigenproduktionen in den Rankings in der Regel mit ganz vorne – hat das aus Sendersicht nicht auch etwas mit den Kosten zu tun?



Schäferkordt: Natürlich sind Eigenproduktionen immer teurer als eingekaufte Serienware. Aber im deutschen Markt ist die mit Abstand erfolgreichste Serie eine US-Serie – das ist Dr. House bei RTL. Wir sehen jedoch auch, dass die junge deutsche Serie wieder ihre Chance beim Zuschauer bekommt. So ist Doctor´s Diary in der 2. Staffel erfolgreich gelaufen, Staffel 3 ist in Auftrag gegeben. Auch „Lasko“ in diesem Sommer lief gut. Wir sind auf dem richtigen Weg.



HORIZONT: Sie haben sehr deutlich gemacht, dass „me-too“ absolut zu vermeiden ist…



Schäferkordt: Ja. Wenn Sie schon eine amerikanische Serie im Markt haben, dann sollten sie nicht versuchen, eine Kopie in Eigenproduktion zu machen.



HORIZONT: Warum erinnert mich dann Doctor´s Diary an Grey´s Anatomy oder Der Vulkan an Vulcano oder Die Lanze an Dan Brown…?



Schäferkordt: Am Beispiel des Vulkan: Richtig ist, in beiden Filmen spielt ein Vulkan eine Rolle, das ist es dann aber auch. Das wäre ungefähr so, als wenn Sie sagen: Wien erinnert Sie an Köln, weil beide Städte eine große Kirche haben. Und Doctor´s Diary ist ungleich mehr im Komödiantischen verankert als Grey´s Anatomy.



HORIZONT: Bei der Programmpräsentation heute haben Sie mehrmals den versammelten Mediaagenturvertretern die „von Ihnen nachgefragte Zielgruppe“ der 14-49jährigen nahe gebracht – ist das nicht in Anbetracht der demoskopischen Entwicklung eine zu kurz greifende Einschränkung?



Schäferkordt: Mit dieser von der Werbewirtschaft getroffenen Definition lebt es sich zunächst ganz gut. Aber wir im Sender selbst schneiden nicht bei den 49jährigen ab und sagen, die über 50 wollen wir nicht mehr´ - wir machen natürlich auch für die über 50jährigen Programm! Die Zielgruppe 14-49 ist nichts anderes als eine Währung, auf die man sich mal geeinigt hat, nicht weniger, aber auch nicht mehr. Diese Währung macht es einfacher, unterschiedliche Sender in ihrer Leistung miteinander zu vergleichen. Aber wir machen nicht danach Programm. Wir versuchen als Marktführer im deutschen Fernsehen natürlich die ganze Familie zu erreichen – und ich habe überhaupt kein Problem damit, wenn neben der Oma auch die Uroma dabeisitzt. Das stört uns nicht die Bohne, im Gegenteil. Der Unterschied ist, dass jemand, der heute 70 oder 80 Jahre alt ist, im Zweifelsfalle nicht mit dem Privatfernsehen aufgewachsen ist und entsprechend mit dem Privatfernsehen sozialisiert wurde. Während die Generationen, die jetzt kommen, sicherlich mit dem Privatfernsehen auch älter werden. Das sehen wir jetzt auch. In der Zielgruppe 50 bis 59 ist Privatfernsehen absolut selbstverständlich. So ist dann auch die Fernbedienung programmiert. Bei den Älteren ist es in Deutschland noch so, dass normalerweise die ARD auf Programmplatz eins ist. Wir haben keinen 20jährigen gefunden, der die ARD auf eins gehabt hat. Das verändert sich. Unsere Aufgabe ist es,  junge heranwachsende Zuschauer immer neu zu erschließen. Aber noch einmal: 12 bis 49 hier in Österreich würde ich als eine Währung bezeichnen, auf die man sich einmal geeinigt hat, um die unterschiedlichen Sender vergleichbar zu machen. Sie ist eine übergeordnete Kategorie. Und wenn sie der Altersentwicklung angepasst werden soll, in Österreich oder Deutschland, sind wir die letzten, die dem im Wege stehen. Es gibt allerdings eine zweite Zielgruppe, die wirklich relevant ist für die werbungtreibende Industrie und auf die der Großteil der Budgets geplant wird, und das sind die Haushaltsführenden.


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Gerhard Riedler: Diese Frage nach der Zielgruppe ist für die Mediaagenturen überhaupt kein Thema. Keine Agentur interessiert sich nur für 12-49. Es geht nur darum, eine Richtlinie zu haben, nach der man Sender über einen gewissen Zeitablauf vergleicht. Es gibt keinen Kunden, keine Mediaagentur, die einen Plan ausschließlich nach der Zielgruppe 12 bis 49 macht. Da hat jeder seine eigene Zielgruppe, die kann auch 50 und älter heißen … . Für die Planung ist diese Währung völlig obsolet. Wenn Walter Zinggl für die ORF-Programme die Zielgruppe auf 12 bis 55 Jahre ausdehnt, ist uns das völlig egal. Er wird keinen Cent mehr verdienen – er steht vielleicht im Vergleich etwas besser da…



HORIZONT: Fußball WM in Südafrika – RTL hat die Rechte für 18 Spiele auch für Österreich. Die Auslosung dazu erfolgt im Dezember, wie schnell wird dann über eine allfällige Weitergabe entschieden?



Schäferkordt: Also wie ich heute gelernt habe, hat ja Österreich noch eine Chance auf die Qualifizierung … . Wenn wir die Spiele selber ausstrahlen, muss Gerhard Riedler sagen, welchen Vorlauf er braucht, um das angemessen zu vermarkten. Da richten wir uns nach ihm. Auch die Qualifizierung Österreichs spielt sicher eine Rolle. Alles wartet zunächst auf die Auslosung der Spiele im Dezember. Dann  werden wir entscheiden, was für uns wirtschaftlich mehr Sinn macht. Bringt uns das einen ordentlichen Quotensprung, wenn wir diese Spiele exklusiv haben oder macht es für uns mehr Sinn, diese Spiele oder zumindest Teile davon am österreichischen Markt zu verkaufen.



HORIZONT: Das wäre die deutsche Version mit Günther Jauch und dessen noch ungenannten Co-Kommentator oder eine mit österreichischen Kommentatoren?



Schäferkordt: Wir werden sehen …



HORIZONT: In Deutschland wird seit Jahresmitte via Teletest die TV-Nutzungsmessung ausgedehnt…



Schäferkordt: Die neuen Geräte werden erst in einem Teil der Haushalte abgefragt. Was neu erfasst wird ist zum einen die Ausser-Haus-Nutzung, also die Gästenutzung. Das ist nach Einschätzung des Marktes in der Größenordnung des Reichweitengewinns der relevantere Faktor im Vergleich zum digitale Videorecorder,  der noch nicht so weit verbreitet ist. Ich denke, dass die Ausser-Haus-Nutzung den größeren Effekt haben wird. Wir haben erste Erkenntnisse, aber erst aus wenigen Haushalten. Damit kommen wir dem einen kleinen Schritt näher, was Fernsehen eigentlich ist, wie und wo es heute genutzt wird.  Aber das kann erst der Anfang sein. Derzeit hinkt die Erfassung und Ausweisung der TV-Nutzung - etwa im Internet oder unterwegs - der Realität nach wie vor weit hinterher.



HORIZONT: Welche Rolle spielen die Erfassung von abrufbaren Programmelementen, Stichwort „Der Zuseher als Programmdirektor“?



Schäferkordt: Wir sehen, dass im Netz die Nutzung von Bewegtbild deutlich steigt – sprich von Fernsehen. Unser Problem ist – und da sind wir noch gar nicht bei ,Ich bin mein eigener Programmdirektor´, sondern noch bei der linearen Nutzung – dass weder Verbreitungswege wie IPTV noch die Nutzung über den DVB-T-Stick am PC, wie sie beispielsweise bei Studenten oft üblich ist, noch gar nicht gemessen wird. Wir haben also, weder in Deutschland noch in Österreich, die komplette lineare Nutzung des Fernsehens über neue Verbreitungswege gemessen. Der nächste Schritt ist: Wann werden etwa die Daten aus der VoD-Nutzung bei RTL NOW auch als TV-Nutzung erfasst und ausgewiesen, um die Frage beantworten zu können, wie oft unser Programm, egal auf welcher Plattform, gesehen wurde. Das ist es, was uns interessiert.



HORIZONT: Der Übertragungsweg DVB-H – aufgrund der Nutzungssituation, dem Bildschirmformat, verändert das wohl auch die Sehgewohnheiten…



Schäferkordt: Tut es das schon? Es gibt natürlich schon bestehende Kooperationen mit Mobilfunkpartnern in Deutschland und auch Ideen für ,Made für Mobile´-Kanäle, die darauf basieren, dass die Inhalte deutlich kürzer sind. Um das Ganze zu finanzieren, braucht es funktionierende Geschäftsmodelle und entsprechende technische Verbreitung. Ich glaube, dass Mobiles Fernsehen vor allem etwa für Nachrichten-Formate attraktiv ist – bei Fußballspielen hätte ich da Zweifel. Heute wird eher lineares Fernsehen übertragen – DVB-H ist ja auch ein Broadcast-Standard. Wenn Sie hingegen über ein mobiles Endgerät Video on Demand nutzen, geht das eher über den UMTS-Standard – da sind Sie ihr eigener Programmdirektor und können Clips abrufen.



HORIZONT: Wieweit ist Online für TV-Sender-Marken eine neue Option? Die Werbe-Wachstumsraten sind ja gewaltig…



Schäferkordt: Brutto, wohlgemerkt. Online mag hier und da schon ein Geschäftsmodell sein, aber ein Modell, das noch in den Kinderschuhen steckt. Im Bereich Video on Demand probieren die Sender noch nach dem Prinzip Trial and Error. Es gibt sowohl Pay-Angebote als auch Free-Angebote, die natürlich werbefinanziert sind. Es hat sich ein Modell im Markt herauskristallisiert, das sich im Moment sowohl bei den Zuschauern als auch im Werbemarkt etabliert: Angebote vor der Free-TV-Ausstrahlung sind pay und in den ersten sieben Tagen nach der Ausstrahlung als sogenanntes ,catch-up-TV´ gratis und werbefinanziert über pre-rolls und mid-rolls. Nach sieben Tagen geht das Programm in die Library und ist dann wieder Pay. Das scheint sich nicht nur in Deutschland sondern in einigen anderen Ländern als funktionierendes Modell herauszukristallisieren.



HORIZONT: Werbe-Größenordnungen…?



Schäferkordt: Wir sprechen an der Stelle noch von eher homöopathischen Dosen – aber mit einem enormen Wachstumspotential. Der Treiber der Nutzung ist das Bewegtbild. Der Treiber im Online-Werbemarkt ist ebenfalls Bewegtbild – weil der Werbekunde ein Interesse hat, das effizienteste und effektivste Medium, also Bewegtbildwerbung als Kombination aus Bildern, gesprochenem Wort, Musik und vor allem Emotion, als Umfeld für seine Werbung zu nutzen. Deshalb wächst derzeit im Markt am Stärksten die Online-Bewegtbildwerbung. Da sehen wir uns für die Zukunft gut aufgestellt.



HORIZONT: Sind wir wieder bei homöopathisch – trotz zweistelliger Wachstumsraten?



Schäferkordt: Wenn man sich das Wachstum der Sites ansieht und der Online-Nutzung, dann hält das Wachstum im Werbemarkt mit der Nutzung überhaupt nicht Schritt. Wenn man also heute davon spricht, dass Online das Geschäftsmodell der Zukunft soll, dann muss man ganz genau hingucken, in welchen Segmenten das Geschäftsmodell funktioniert - und sich entsprechend gut aufstellen in der Vermarktung. Wir haben das getan. Ich glaube sehr an Bewegtbild, denn da liegt unsere Kernkompetenz.



HORIZONT: Auf inhaltlicher Ebene ist es zwischen den privaten und den öffentlich-rechtlichen TV-Anbietern in den letzten Monaten in Deutschland zu einer heftigen Auseinandersetzung über die Begrenzung der Aktivitäten der öffentlich-rechtlichen im Netz gekommen…



Schäferkordt: Derzeit wird im sogenannten Drei-Stufen-Test geprüft, was bereits im Angebot ist. Alles, was neu entsteht, geht auch durch den Drei-Stufen-Test. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk muß sich damit auseinandersetzen, klar zu umreißen, was man Online will, welche Legitimation es dafür gibt  und welche Mittel dort hineinfließen. Das ist auch richtig so, denn am Ende zahlt der Gebührenzahler. Wie wirksam der Drei-Stufentest tatsächlich ist, müssen wir noch abwarten.



HORIZONT: Die Position der Privaten in Deutschland ist klar: Es darf nur Online sein, was die öffentlich-rechtlichen schon on-air ausgestrahlt haben.



Schäferkordt: Es steht die Frage, inwieweit es üppige Angebote der öffentlich-rechtlichen im Internet etwa zur Sicherung der Vielfalt braucht. Die Antwort ist einfach: Nirgendwo ist die Vielfalt so hoch wie im Netz – es gilt also sehr genau zu prüfen, ob eben diese Vielfalt nicht zerstört wird durch gebührenfinanzierte Angebote, für die marktwirtschaftliche Regeln bisher in keiner Weise gelten. Allerdings ist die grundsätzlich Entscheidung  längst gefallen – man wird dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk einen sehr breiten Auftritt auch in der Zukunft gewähren. Aber dennoch: Es muss Regeln geben, die für den ganzen Markt gelten. Warum stellt sich - völlig zu Recht - nicht die Frage einer öffentlich-rechtlichen Zeitung? Weil es in diesem Bereich Vielfalt gibt. Im Endeffekt müssen wir also immer wieder die gleiche Frage stellen: Warum gibt es den öffentlich-rechtlichen Rundfunk und warum gibt es öffentlich-rechtliche Einrichtungen? Die gibt es vor allem zur Vielfaltssicherung. Und wenn wir im Internet nicht das Problem der mangelnden Vielfalt haben: Warum muss der Gebührenzahler dann herangezogen werden, um eine Leistung zu erbringen, die es im Markt schon gibt?



HORIZONT: Wie wirkt sich die eigentlich die EU-Mediendiensterichtlinie in Deutschland auf die Privaten aus?



Schäferkordt: Die EU-De-Regulierungen sind hinter unseren Erwartungen zurückgeblieben. Wir hatten natürlich gehofft, dass in einer Welt, die so fragmentiert ist, die so von Vielfalt geprägt ist und in der der Zuschauer der einzige ist, der entscheidet, die Anzahl an quantitativen Werberegulierungen in ihrer überholten Form nicht mehr bestehen bleiben. Sie sind aber weitgehend bestehen geblieben, Die Liberalisierung kommt im deutschen Markt eher im Bereich des Product Placement, das aus unserer Sicht nach wie vor eine untergeordnete Rolle spielt.



HORIZONT: Quantitativ heißt der Anteil der Werbeminuten an der Stunde, die Anzahl und Abstände der Blöcke in der Stunde…?



Schäferkordt: Das ist alles reglementiert. Ich meine: Die Hoheit hat der Zuschauer, und er wird entscheiden und tut das schon heute. Die Frage ist ja: Wofür gibt es diese Richtlinien? Um eine solche Richtlinie zu begründen, muss es ja ein zu schützendes Gut geben. Wer ist der zu Schützende? Ist das der Zuschauer, der mit der Hoheit der Fernbedienung sowieso jede Sekunde für sich entscheidet und 40, 50, 60 Programme oder mehr zur Auswahl hat? Kein Fernsehsender wird auf längere Sicht etwas tun, was den Zuschauer verärgert. Das würde sich im Zweifelsfalle selbst regulieren – dafür braucht es in einer Zeit, in der die Auswahl so groß ist und weiter wächst, weder die EU noch den Rundfunkstaatsvertrag.



HORIZONT: Die ewige Frage zuletzt: Zwar ist die RTL-Gruppe mit der IP seit 1. April 1996 mit Werbefenstern in Österreich on air – ihr seid das am längsten bestehende Werbe-Fenster…



Schäferkordt (entschlossen): …und wir machen immer noch kein Programmfenster! Und jetzt fragen Sie mich: Machen Sie es bald? Und ich sage wieder: Nein, wir machen das nicht.



HORIZONT: Was macht SevenOne Media Austria anders – oder falsch, oder vielleicht richtiger?



Schäferkordt: Ich habe keinen Einblick in die Zahlen um zu beurteilen, ob sie es richtig oder falsch machen…



HORIZONT: Sie sehen aber Zuschauerzahlen, die vorzeigbar sind…



Schäferkordt: …ich sehe die Zuschauerreaktionen. Aber das sagt ja noch nichts über die wirtschaftliche Vernunft. Gerhard Riedler kann sicher mehr dazu sagen…



Riedler: Das ist ja mit ein Grund, warum wir Private und namentlich IP-Österreich darauf drängen, die Rahmenbedingungen zu ändern. Wir wären froh, könnten wir Programm machen. Wenn die Rahmenbedingungen so passen, dass wir damit Geld verdienen können, würden wir sofort Programm machen. Derzeit ist es einfach nicht möglich.



Schäferkordt: Wir haben uns das mehrere Male genau angeschaut, nicht nur mit hoher Kreativität in der Programmentwicklung, sondern auch in der Berechnung, wie sich ein Engagement langfristig auch als Geschäftsmodell aufstellen lassen könnte. Selbst die größte Kreativität hat nicht ausgereicht, um nachzuweisen, dass das nachhaltig etwas werden kann, nicht nur auf der programmlichen, sondern auch auf der wirtschaftlichen Seite.



RTL und IP-Österreich



Anke Schäferkordt ist seit September 2005 Geschäftsführerin von RTL Television und hat damit die Gesamtverantwortung für die Mediengruppe RTL Deutschland (RTL, RTL II, Super RTL, VOX).



Gerhard Riedler ist seit 204 Geschäftsführer von IP Österreich, dem Vermarkter der Werbefenster der RTL-Gruppe in Österreich (IP Österreich hat auch Austria 9, Kinowerbung in 145 Kinosälen österreichweit und die Online/Teletextvermarktung im Portfolio). RTL in Österreich und RTL Österreich – also das deutsche RTL-Programm mit den österreichischen Werbefenstern – können rund 82 Prozent aller Haushalte empfangen. In Kabel-Sat-Haushalten hat RTL im 1. Halbjahr 2009 im Tagesdurchschnitt bei der Gruppe 12-49 Jahre einen Marktanteil von 8,5 Prozent (außer dem ORF nur übertroffen von Pro7 mit 9,1 Prozent), in der Gruppe der Haushaltsführenden 20-49 Jahre führt RTL als stärkster Privatsender in Österreich mit einem Tagesmarktanteil von 9,4 Prozent.



Im ersten Halbjahr 2009 waren die Top-Sendungen von RTL in Österreich „Ich bin ein Star – holt mich hier raus“ (19,6 Prozent Marktanteil, 234.000 Zuseher), „Deutschland sucht den Superstar“ (16,5 Prozent MA, 207.000), „Raus aus den Schulden“ (10,6 Prozent MA, 161.000 Zuseher).



Bei der Programmpräsentation von RTL am 10.09. kündigte Riedler für 2010 „eine moderate TKP-Steigerung im Einklang mit den steigenden GRPs“ an – „Sie wissen, alles was wir tun bewegt sich in einem sehr vernünftigen Rahmen!“.



Anke Schäferkordt präsentierte die Programmentwicklung von RTL unter sechs Prämissen, die aus dem Zuschauerverhalten abgeleitet sind:



Etablierte Original (vor allem aus USA – Ihr Credo: „Kein ,me-too´“),



Boom im Non-Fiction-Bereich (Show, Real-Life-Formate),


mehr Info-Magazine zu Politik und Wirtschaft,



komödiantisch geprägte Formate,



Dauerbrenner sind und bleiben US-Fiction Filme & Serien,



junge Serien mit deutschen Stars.



Daraus leitet Schäferkordt für RTL ab: Bedarfsorientierte Programmentwicklung, Konzentration auf serielle und lang laufende Formate – weniger Einzelevents, Konzentration auf Sendeplätze mit Optimierungspotential wie den Nachmittag, wo die Oliver Geissen Show durch neue Real-Life-Formate speziell an Haushaltsführende gerichtet, ersetzt wird.
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