Wer steuert hier wen?
 

Wer steuert hier wen?

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Leitartikel von Marlene Auer, Chefredakteurin.

Nach dem Wahltag war von vielen zu hören: Die Meinungsforschung habe wieder einmal versagt. Manche ­gaben ihr indirekt die Schuld am Ergebnis und meinten, die Meinungsforschung würde gar manipulieren. Das mag ja sein. Aber dazu benötigt sie Verstärker und Auftraggeber. Und das sind wiederum fatalerweise die Medien, die immerzu nach neuen Zahlen gieren, teilweise fragwürdige Umfragen in Auftrag geben, mit Samples und Methoden, die jedem Kundigen Angst einflößen.

Wie jedes Mal wurde der Vorschlag unterbreitet, dass man eine Woche vor der Wahl keine Umfrageergebnisse mehr veröffentlichen soll. Wegen des vermuteten Einflusses auf den Wahlausgang ist das in verschiedenen europäischen Ländern sogar untersagt. In Deutschland existiert zwar kein solches Verbot, allerdings verzichten manche Medien wie ARD und ZDF dort, bis auf wenige Ausnahmen freiwillig, eine Woche vor einem Urnengang, auf die Veröffentlichung von Umfragen. In Österreich taten das auch einige Medienhäuser, aber eben nicht alle lückenlos.

Meinungsforschung beschädigt sich selbst, wenn sie mit fragwürdigen Methoden erhebt und das Ganze noch als Prognose tituliert – aber sich weigert, Rohdaten auszuweisen und zu veröffentlichen, wer nicht erreicht wurde. Und Medien beschädigen sich und ihre Glaubwürdigkeit nachhaltig, wenn sie mit scheinbar exklusiven Daten herum­lavieren und künstliche Quellen beschreiben, sie wieder revidieren und dann nochmals hochkochen lassen – und zum Schluss auch noch die Meinungsforschung kritisieren. Das ist weder seriös noch erhellend.

Das politische Erdbeben des vergangenen Sonntags gibt genügend Anlass und Raum für solide, kritische Überlegungen von Journalisten – darauf warten die Leser. Im ­Gegensatz zu Berichten, die die Meinungsforschung brüskieren.
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