,Wer fragt, der führt‘
 

,Wer fragt, der führt‘

Rollentausch: Neos-Gründer Matthias Strolz interviewte die Journalistin Corinna Milborn bei der zehnten Auflage der Tafelrunde von Carola Purtschers PR-Agentur

Dieser Artikel erschien bereits am 19. Juni in der HORIZONT-Printausgabe 25/2015. Hier geht's zur Abo-Bestellung.

„Wie willst Du dieses Niveau halten?“, lautete die besorgte Frage an Agenturchefin Carola Purtscher nach der Premiere ihrer Tafelrunde im September 2012 mit Christian Konrad und Ingrid Thurnher. Keine drei Jahre später ist diese Frage nach dem „wie“ nach wie vor unbeantwortet. Fest steht aber, dass es ihr gelungen ist, dieses Niveau zu halten. Mitte Juni feierte Purtscher ein kleines Jubiläum, die zehnte Auflage ihrer Tafelrunde, ein Eventformat, dass sie mit der Gründung ihrer PR-Agentur Purtscher Relations ins Leben gerufen hat.

Das Konzept des „Perspektivenwechsels“ ist mittlerweile bekannt: Vor einer handver­lesenen Gästeschar interviewen Persönlichkeiten aus Politik oder Wirtschaft Jour­nalisten. Dabei offenbaren beide Seiten – oft ungewollt – viel über sich selbst. Gerade bei Politikern sind zarte Rachegelüste selten zu verbergen, den Journalisten – stellvertretend für den ganzen Berufsstand – ein bisschen ins Schwitzen zu bringen. Sebastian Kurz tat es mit Armin Thurnher, Karlheinz Kopf mit Wolfgang Ainetter und Rudolf Hundstorfer mit Martina Salomon. Keine Frage, stets geprägt von Wertschätzung und Höflichkeit, aber doch auch mit der jeweils unterschiedlich ausgeprägten Boshaftigkeit des Heimzahlen-Wollens. Nicht so an diesem Abend.

Mediales Crossover

Matthias Strolz, Gründer und Vorsitzender der Neos, interviewt an diesem brütend heißen Abend in der Beletage des Palais Todesco Corinna Milborn, Infochefin bei Puls 4. Doch bevor er das tut, zieht er sein Sakko aus, krempelt sich die Hemdsärmel hoch und bedankt sich bei der Gastgeberin für die „steile Auflage“. Das Image des Anpackers muss schließlich bedient werden. Und jenes des Organisationsberaters. „Wer fragt, der führt“, gibt Strolz eine alte Coaching-Weisheit von sich, bevor er loslegt. Und: „Das wird jetzt ein Crossover aus ,Frühstück bei mir‘ und ,ZIB 2‘“, verspricht er, und er sollte dieses Versprechen einhalten: Informationsgehalt mit dem ­„Human Touch“.

,Die toten Kinder‘

Strolz erzählt zunächst aus Milborns Leben, von ihrer Schulzeit, die sie großteils im Ausland erlebt hat, und auch von ihrer Zeit als Menschenrechtsbeobachterin während der ­Militärdiktatur in Guatemala Mitte der Neunzigerjahre. Da unterbricht ihn Milborn: „Das wird aber jetzt kein sehr lustiges Gespräch.“ Was der tiefste Eindruck aus dieser Zeit sei, will Strolz wissen. „Die toten Kinder“, sagt Milborn in die Stille hinein. „Die vergisst man nicht.“ Und plötzlich wird den Gästen klar: Hier steht keine typische Journalistin oder TV-Moderatorin Rede und Antwort, sondern eine, die weiß, wie es ist, vor Luftangriffen in den Dschungel zu fliehen, monatelang ohne fließendes Wasser zu leben und, was es heißt, um Leib und ­Leben zu bangen. Abgereist ist sie übrigens, nachdem ihr offen damit gedroht wurde, ein Sackerl mit weißem Pulver bei ihr zu verstecken, um sie sodann an die ­Polizei zu verraten.

Journalistin und Aktivistin

Als Strolz sie als „Journalistin, Au­torin und Aktivistin“ tituliert, protestiert sie nicht. Mit Guatemala befasste sich ihr erstes Buchprojekt, weitere mit Waries Dirie („Schmerzenskinder“) sowie Natascha Kampusch und Heike Gronemeier („3096 Tage“) sollten folgen. Bereits 2006 behandelte Milborn in ihrem Buch „Gestürmte Festung Europa“ das Flüchtlingsthema an Europas Grenzen, das derzeit so gnadenlos die Nachrichtenlage dominiert. Es ist – wenig überraschend – das Buch mit dem derzeit größten Nachhall, was Milborn wiederum ein wenig über den Medienzirkus schmunzeln lässt: „Das Problem war damals ­keineswegs neu. Und das Buch ist heute schon fast zehn Jahre alt. Und dennoch werde ich deshalb sehr oft als Gesprächspartnerin zu dem Thema aufgesucht.“ Was subkutan mitschwingt: Angesichts der ­Dimension dieses Problems ist es ­eigentlich armselig, dass es offenbar wenig andere Ansprechpersonen neben ihr gibt, die vor zehn Jahren einmal ein Buch darüber geschrieben hat.

Wenig Zynismus, großer Respekt

So weit das Intro, währenddessen Strolz keinen Hehl aus der Hochachtung macht, die er Milborn entgegenbringt. Das war in dieser Form etwas Neues im Reigen der Tafelrunden. Was er damit auch erreicht hat: Das Publikum hatte einen deutlich genaueren Eindruck vom Menschen Milborn. Und sie selbst fühlte sich sicher und war in der Folge mehr dazu bereit, Fragen zu beantworten, die sie sich eigentlich vorgenommen hatte, nicht zu beantworten. Nur einmal versucht Strolz, Milborn ein wenig in die Ecke zu drängen, nämlich mit der Frage, wie es denn sei, unter dem Quotendruck des Privatfernsehens Journalismus zu machen. Quotendruck gebe es überall, auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen – Milborn moderierte auch einige Jahre lang den „Club 2“ im ORF – das sei per se nichts Schlechtes, konterte sie trocken.

So entpuppt sich die zehnte Tafelrunde als besonderer Glücksfall. Da stehen sich zwei Exemplare einer Generation gegenüber, die dieses Land in den kommenden Jahren beeinflussen werden – jedes auf seine Art, jedes in seinem Metier. Was auffällt: wenig Zynismus, große Wertschätzung vor dem Gegenüber, aber auch Selbstbewusstsein, was die eigene Arbeit anbelangt.
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