Weniger Nabelschau gefordert
 

Weniger Nabelschau gefordert

Johannes Brunnbauer
Medientage 2015 Tag1 am WU Campus, am 22.09.2015 | (c) Medientage/Brunnbauer
Medientage 2015 Tag1 am WU Campus, am 22.09.2015 | (c) Medientage/Brunnbauer

Diskussion bei den Österreichischen Medientagen zum Thema "Digitale Agenda - schön und gut. Wo bleibt die Wertschöpfung für Österreich?"

Staatssekretär Harald Mahrer hat in seinem Impulsreferat bei den Österreichischen Medientagen weniger Selbstbeschäftigung der Medienbranche mit sich selbst gefordert (HORIZONT berichtete). In der anschließenden Diskussion kam es dann zu interessanten Konstellationen. So lud ORF-Finanzchef Richard Grasl Puls-4-Geschäftsführer Markus Breitenecker und VÖZ-Präsident Thomas Kralinger dazu ein, bei der ORF-Start-up-Initiative dabei zu sein. "Reden wir nicht nur über Schulterschluss, sondern machen wir das auch." Zur Erinnerung: Der ORF hat unlängst angekündigt, sich mehr im Start-up-Bereich zu engagieren.

Gleichzeitig beschwert sich Grasl: "Als Netflix in den Markt gekommen ist wurde ihnen ein roter Teppich ausgerollt, alle haben sich gefreut." Als der ORF aber Flimmit gekauft habe, gab es große Diskussionen, ob der Medienkonzern das überhaupt dürfe. Hier war die viel diskutierte Schrebergartenmentalität wieder kurz zu spüren.

Breitenecker sprach sich einmal mehr dafür aus, vorhandene Gelder (er meint damit vor allem die ORF-Gebühren) neu zu verteilen, etwa in eigene, digitale Journalismus-Start-ups. Man müsse endlich vom Reden ins Tun kommen, so der Puls-4-Geschäftsführer. Gleichzeitig kritisiert Breitenecker, dass heimische Top-Moderatoren und Journalisten Konkurrenten fördern. Er meint damit Facebook und Twitter, die von vielen Journalisten zur aktiven Kommunikation genutzt werden. Am liebsten hätte Breitenecker eigene Social-Media-Kanäle und weitere "Projekte im Schulterschluss".

Markus Wagner, Businessangel bei i5invest, fragte in Richtung Breitenecker, wieso Gelder für Start-ups erst in die Medien fließen sollten, damit diese dann in Start-ups investieren. Applaus bekam er dafür aus dem Publikum. Breitenecker antwortete ihm, dass das Geld ja ohnehin derzeit in den Medien stecke. Es gehe nun darum, mediennahe Start-ups zu fördern.

Untätige Politik?



Ein großes Defizit sehen die Diskussionsteilnehmer, na klar, in der Politik. Gesetze würden für die analoge Welt gemacht und dann in die digitale Welt adaptiert, so Bettine Lorentschitsch von der Julius Raab Stiftung. Daher gäbe es Wettbewerbsnachteile für Österreich. "Die Politik kann da schon etwas machen, sie tut es nur nicht." Die in den vergangenen Monaten besprochene Reform des nationalen Urheberrechts sei "hirnrissig", so Lorentschitsch. "Wir brauchen ein globales Denken." VÖZ-Präsident und "Kurier"-Geschäftsführer Thomas Kralinger betonte, dass man trotz der schlechten Rahmenbedingungen gut unterwegs sei. "Die österreichischen Unternehmen verschlafen gar nichts", so Kralinger. Allerdings passiere in Europa zu wenig, viele andere Teile der Welt seien schon weiter.

Aber noch einmal zurück zum Thema Schulterschluss: Um eben diesen tatsächlich Realität werden zu lassen, fordert Markus Breitenecker, die US-Giganten (Facebook, Youtube etc.) in die nationale Reichweitenmessung mit einzubeziehen. Dann wäre, so die Denke, der ORF nicht mehr Marktführer und man könnte sich darauf konzentrieren, die echten Leader im Medienmarkt zu beschränken bzw. zu bekämpfen. In Deutschland ist man da schon etwas weiter, hier steht Youtube kurz vor der Aufnahme in die offizielle TV-Quotenmessung.
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