"Web ist verseucht von Wirtschaftsinteressen"
 

"Web ist verseucht von Wirtschaftsinteressen"

Philosoph Richard David Precht über die Schutzbedürftigkeit von Jugend und Demokratie.

"Moral ist in Wirtschaftssystemen nicht relevant". Mit diesen Worten enthebt Philosoph Richard David Precht die privatwirtschaftlich organisiserten Medien vor der gesellschaftlichen Verantwortung. Denn: "Marktnormen stülpen sich immer über Sozialnormen", so sein Dogma. Deshalb habe weder das Privat-Fernsehen noch die Konvergenz-Diskussion irgenein relevantes wirtschaftliches Ergebnis gebracht, außer Umverteilungseffekte - "quasi ein gesellschaftlich weitreichendes Hobby ohne Gewinn". Dehalb richtet sich seine Forderung nach einem entpolitisierten öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der sich mit mehr Selbstbewußtsein der Trivialisierung und dessen Beschleunigung durch den ständigen Abgleich mit den Privaten entzieht - und somit seiner gesellschaftlichen - und damit demokratiebildenden Verantwortung gerecht wird. Denn Demokratie brauche Öffentlichkeit und Öffentlichkeit entstehe, wenn viele Menschen über das gleiche reden - das Gegenteil von dem, was seiner Beobachtung nach derzeit im Web passiere: jeder sagt seine Meinung und das möglichst oft. "Das ist aber noch keine Demokratie", so Precht.

Kritik übt er auch am Internet wegen seiner geringen Tiefe und seiner schnellen Taktung in der Breite. "Die Aufmerksamkeitsspannen werden immer kürzer, die Empathie hingegen immer höher", meint der Philosoph, "es dominiert Verfügungswissen statt Orientierungswissen". Die Bedrohung liege hier sowohl in der Oligarchie als auch in der Anarchie.
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