Klage & Konter: Massive Vorwürfe zu Radiotest...
 
Klage & Konter

Massive Vorwürfe zu Radiotest: kronehit klagt Marktforscher GfK

David Bohmann
Not amused: kronehit-Geschäftsführer Ernst Swoboda.
Not amused: kronehit-Geschäftsführer Ernst Swoboda.

"Der schon bisher stark belastete Radiotest ist durch diesen letzten Aspekt endgültig aus der Spur geraten" - kronehit-Geschäftsführer Ernst Swoboda klagt das Marktforschungs-Institut auf Rückzahlung und Schadenersatz. Er ortet Mängel bei der GfK. Diese kontert: "Vorwürfe schwer nachvollziehbar und entsprechen obendrein auch nicht den tatsächlichen Gegebenheiten"

Ernst Swoboda und die GfK werden wohl keine Freunde mehr. Schon in der Causa Radiotest im Jahr 2016 prägte ein öffentlicher Schlagabtausch mit massiver Kritik des kronehit-Geschäftsführers die Debatte um die manipulierten Daten. Nun stehen wieder der Radiotest und die GfK im Mittelpunkt der Kritik, bloß der Vorwurf ist anders gelagert. "Wir als kronehit und gleichzeitig Auftraggeber des Radiotests klagen jetzt die GfK auf Rückzahlung dessen, was wir für den Radiotest bezahlt haben, aber auch auf Schadenersatz – denn unsere Reichweiten sind massiv niedriger dargestellt, als sie eigentlich dargestellt sein müssten", so Swoboda gegenüber HORIZONT.


Dahinter ortet Swoboda mehrere Probleme, hält allerdings auch fest: "Dafür kann zunächst das erhebende Institut GfK nichts." So sinke schon seit längerem die Bereitschaft vor allem junger Menschen, Telefoninterviews zu geben. Gleichzeitig sei Repräsentativität ein wachsendes Problem: "Wir verzeichnen in der Bevölkerung eine viel größere Diversifizierung der Lebensstile und -gewohnheiten. Hier werden erhobene Daten von Leuten hochgerechnet, die für die Gruppe der nicht erreichten Personen gar nicht mehr repräsentativ sind." Um gegenzusteuern, wurde das Zufallsprinzip der Befragten im Radiotest vor einigen Jahren laut Swoboda aufgeweicht, jetzt werde bewusst die jüngste Person im Haushalt abgefragt: "Das verzerrt die Stichprobe etwas."

'Folgend wird basierend von diesen zu wenigen erhobenen Daten hochgewichtet'

Ein weiterer Vorwurf – hier werde es "extrem kritisch": Das Institut sei "sehr stark in Richtung Kostenminimierung unterwegs und versucht, nur genau das zu liefern, was sie unbedingt müssen, ohne selbst Probleme zu bekommen, und das sind im Radiotest Mindestquoten – die nicht als Ziel dienen, sondern als Markierung, ab der Mindererfüllungen absolut inakzeptabel sind." Das führe laut Swoboda dazu, dass oft nur noch drei Viertel etwa der jungen Menschen, die erreicht werden müssten, auch tatsächlich erreicht würden, damit der Anteil an den Gesamtinterviews jenen an der Gesamtbevölkerung entspricht. In kleineren Bundesländern sei das teils noch viel dramatischer. "Folgend wird basierend von diesen zu wenigen erhobenen Daten hochgewichtet – im Extremfall bis zum Faktor 17. Das heißt, dass statt 17 Personen nur noch eine Person interviewt wird und deren Daten hochgewichtet werden. Auch Gewichtungen von acht oder neun sind aus meiner Sicht schon ein Problem". Man wisse aus parallelen Erhebungen wie Onlinebefragungen, dass die Gruppe, die man im Radiotest nicht erreiche, eine sehr hohe Radionutzung aufweise. "Der Radiotest weist daher zu niedrige Reichweiten für quasi jeden Sender aus – jünger formatierte Sender sind allerdings in höherem Ausmaß betroffen", kritisiert Swoboda.

Problemfall Betrugswarnungs-Software

Und dann ist da noch ein Problem mit Betrugswarnungs-Software – ein Tropfen, der für Swoboda das Fass zum Überlaufen brachte. Solche Softwares wie etwa HIYA warnen vor potenziell betrügerischen Anrufen am Smartphone. "Ende des dritten Quartals 2019 wurden diese auf allen neu verkauften Samsung-Handys automatisch und aktiviert mitausgeliefert", erörtert der kronehit-Chef das Problem. "Andere Institute haben als Antwort darauf rasch Abwehrmaßnahmen getroffen und das etwa mit einem Whitelisting erledigt. Die GfK hat nichts getan. Wir sind zufällig über einen Interviewteilnehmer darauf gestoßen, die Gfk hat mit kontaminierten Nummern weitertelefoniert."

Swoboda sieht den "schon bisher stark belasteten Radiotest" durch diesen letzten Aspekt "endgültig aus der Spur geraten", das treffe Sender wie seinen enorm. "Ich habe daher schon 2020 verlangt, dass der Radiotest 2020/2 nicht publiziert wird, weil er schlicht zu mangelhaft ist. Dem ist nicht entsprochen worden." Auftraggeber des Radiotests sind kronehit, der ORF sowie Privatradio-Vermarkter RMS. Swoboda verlangt jedenfalls rasche Adaptionen: "Als eine Reaktion auf die dargestellten Probleme, insbesondere um die bisher nicht erreichte Personengruppe auch zu erfassen, muss der Radiotest unbedingt zu einem wesentlichen Teil eine Online-Befragung mit einbeziehen, wobei ich stark dafür eintrete, dass das unbedingt noch heuer passiert."

GfK: 'Methodik entspricht den Richtlinien'

Auf Anfrage von HORIZONT heißt es von einem Sprecher der Zentrale in Nürnberg, dass solch eine Klage - Stand Mittwoch Abend - nicht bekannt sei. Angesprochen auf die Vorwürfe Swobodas hält der Sprecher fest: "Die Methodik bzw. die Art der Erhebung der Radiotest-Daten seitens GfK entsprechen durchweg den anerkannten Regeln der Markt- und Meinungsforschung sowie den Richtlinien der Markt- und Sozialforschungsverbände (z.B. den ESOMAR-Standards), die verbindliche Vorgaben enthalten. Darüber hinaus selbstverständlich auch den Vereinbarungen und Vorgaben unserer Auftraggeber." In Summe seien die Vorwürfe schwer nachvollziehbar und "entsprechen obendrein auch nicht den tatsächlichen Gegebenheiten."

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