Von TV zu Total Video – auf allen Channels
 

Von TV zu Total Video – auf allen Channels

Johannes Brunnbauer
Medientage 2017 Tag1 am Erste Campus, am 20.09.2017 | (c) Medientage/Brunnbauer
Medientage 2017 Tag1 am Erste Campus, am 20.09.2017 | (c) Medientage/Brunnbauer

Im bis auf den letzten Platz gefüllten Saa1 1 der neuen Location diskutierten unter der Moderation von Chefredakteurin Marlene Auer Alexander Wrabetz (ORF), Wolfgang Fellner (oe24-TV), Markus Breitenecker (ProSiebenSat1Puls4), Benjamin Reininger (DAZN) und Christoph Schneider (Amazon Video) über die Zukunft von TV- und Streaming-Anbietern.

Passend zu diesem Artikel finden Sie Interviews mit Alexander Wrabetz (ORF), Michael Stix (ProSiebenSat.1-Puls 4-Gruppe) und Wolfgang Fellner (Mediengruppe Österreich) in der aktuellen Ausgabe des HORIZONT, und in wenigen Tagen auch online. Noch kein Abo? Hier klicken!

Markus Breitenecker betont gleich zu Beginn die weiterhin große Bedeutung des linearen Fernsehens, zu welchem selbstverständlich auch die online bzw. Streaming-Nutzung zählen müsse und verweist auf „Zappn“ - eine App, mit der man verschiedenste Sender livestreamen kann. Auch der ORF erreicht seine Zielgruppen vorwiegend mit linearem TV, Alexander Wrabetz will sich aber auf die Diskussion Video gegen TV nicht einlassen. „Wir sind alle keine Videomacher, die Home-Clips produzieren. Wir sind dazu da, professionelle Videos zu machen. Da sind alles Fernsehinhalte. Ob linear, non linear oder auf verschiedenen Plattformen. Man muss uns aber auch gestatten, auf den unterschiedlichen Plattformen präsent zu sein.“ Wolfgang Fellner sagt, dass 85 Prozent der Zugriffe auf seinen TV-Sender bereits digital erfolgen, außerdem habe jede Marketingaktivität digital einen riesigen Response.

Amazon und DAZN: Mehr Komplementärprogramm als Konkurrent

„Amazon Prime wendet sich an ein breites Publikum“, so Christoph Schneider: „Wir versuchen „everyones favourite film“ und Serie anzubieten, haben jedoch auch Eigenproduktionen und Nischenprodukte im Programm. Benjamin Reiningers Zielgruppe vom Sportportal DAZN ist eher jung und überwiegend männlich: „Wir machen nicht Programm, wir bilden Sport ab. Ob Live, On-Demand oder in Zusammenfassung.“ Der ORF will als Gegengewicht zur internationalen Konkurrenz mehr auf eigene Serien setzen, Wrabetz sieht allerdings bei den immer teurer werdenden Sportübertragungsrechten Handlungsbedarf, denn „bestimmte Inhalte im Interesse der Allgemeinheit sollten für den Sender frei zugänglich bleiben.“ Apropos Sport: DAZN sei da gar kein Konkurrent sondern ein Komplementärprogramm. „Wir sind gewachsen mit Sportarten, die im TV so nicht stattfinden, aber natürlich interessieren wir uns auch für breitere Mainstreamrechte“, so Reininger.

Unfaire Konkurrenz aus Silicon Valley?

„Wir sind in direkter Konkurrenz zu Google und Facebook. Diese Plattformen müssen endlich als Medien definiert werden“, fordert einmal mehr Markus Breitenecker und sieht die Politik in der Pflicht. Fellner hingegen hat mit diesem "widerlichen Verstaatlichungsappeal" ein Problem. Alleine der ORF sitze auf Archivschätzen, da könne man ein eigenes Amazon aufstellen. Marlene Auer: Wie sieht Amazon seine Rolle? „Als ein weiteres Angebot, das mehr High-End-Serial-Dramas bringt. Außerdem arbeite man mit öffentlich rechtlichen Sendern an zahlreichen Produktionen. Könnte Amazon ins lineare TV einsteigen?

Für Schneider ist das kein Thema; er meint aber, der ORF könnte bestimmte Inhalte auch auf einem Channel von Amazon spielen. Wrabetz darauf: "Auf welcher Plattform, müsste man noch diskutieren."

Lernen von Amazon

Klassische Medien stehen in ständigen Zwiespalt zwischen Kooperation und Konkurrenz mit Google, Facebook, Amazon & Co., so Breitenecker. „Wir vermarkten ja Amazon, was ein gutes Nebengeschäft ist. Auf der anderen Seite ist Amazon ein Konkurrent. Wir haben mit Maxdome eine eigene Plattform, die Nr. 3 ist nach Amazon und Netflix. Wir versuchen, von Amazon zu lernen. Fellner verweist auf eine unglaubliche Umwälzung des Marktes und das Potenzial von Adressable-TV, sieht aber auch große Chancen für den österreichischen Markt, beispielsweise mit einem regionalen Digital-TV in jedem Bundesland.

Breitband und eigene Plattformen

Eine Schlüsselfrage für die reibungslose Verfügbarkeit von Digital-TV-Inhalten und Streaming-Diensten ist die Verfügbarkeit von Breitband-Anschlüssen, wobei hier eine Infrastruktur zu finden sei, die diese Mega-Akkumulation der Inhalte möglich macht, meint Benjamin Reininger und ergänzt: „Streaming ist der Übertragungsweg der Zukunft.“ Schneider von Amazon verweist auf die offene Plattform Fire-TV, die Eigentümern die Möglichkeit bietet, Content an unsere großen Zielgruppen zu vermarkten. „Wir stehen allen Anbietern offen“, so Reininger. Wrabetz fordert in diesem Zusammenhang eine verstärkte Kontrolle der digitalen Plattformen, sowie eine klare Regelung, wer was mit Daten machen kann. Fellner: „Da stimme ich zu. Europa hat das verschlafen. Silicon Valley hat den Europäern hier die Unterhose ausgezogen. Wir haben hier in Europa keine eigenen Plattformen. Breitenecker: „Wir müssen selber was tun. Eigene Produkte machen. Wir versuchen, mit unserer Video-Exchange Plattform Inhalte und Vermarktung auf europäischer Ebene auszutauschen. „Wir brauchen und dürfen aber unsere Inhalte nicht herzuschenken“, betont er. 

[Marko Locatin]
stats