Versuchter Einfluss auf den ORF: Wo bleibt de...
 

Versuchter Einfluss auf den ORF: Wo bleibt der Aufschrei?

Screenshot ORF TVthek
Reinhold Mitterlehner spricht in der "ZiB 2" von "Bestellfernsehen".
Reinhold Mitterlehner spricht in der "ZiB 2" von "Bestellfernsehen".

Der ORF kann in seine Talkshows einladen wen er will. Auch Einzelinterviews sind erlaubt.

Werner Faymann ist am Sonntag zu Gast in der ORF-Sendung "Im Zentrum" (HORIZONT berichtete). Ganz alleine, nur Moderatorin Ingrid Thurnher wird die Fragen stellen. Was in anderen europäischen Staaten – in Deutschland hatte Angela Merkel zuletzt gleich zwei Einzelauftritte bei "Anne Will" – ganz selbstverständlich ist, sorgt hier für Empörung. "Skandal!" schreit die FPÖ, Vizekanzler Reinhold Mitterlehner kritisierte am Mittwoch in der "ZiB 2" gar das angebliche "Bestellfernsehen" und wollte Moderator Tarek Leitner in eine Diskussion über die "Im Zentrum"-Einladungspolitik verwickeln. ÖVP-Klubobmann Reinhold Lopatka bezeichnet ORF-Chef Alexander Wrabetz sogar als "Faymann-Wahlkampfhelfer". Lopatka droht Wrabetz ganz offen und legt ihm nahe, "seine Schlüsse zu ziehen". Wie bitte? 

Droht da ein Spitzenpolitiker dem Chef des ORF tatsächlich ganz unverholen und niemanden scheint es zu interessieren? Wo bleibt der große Aufschrei über das Verhalten der Politiker? Was ist das für ein seltsames Verständnis von Unabhängigkeit – und unabhängig soll der ORF laut Lopatka ja sein – wenn er der Redaktion in die Sendung dreinreden will? Einzelinterviews sind berechtigt. Wenn nicht mit dem Kanzler und wenn nicht zu dieser Zeit, bitte wann und mit wem dann? Es bleibt zu hoffen, dass der ORF standhaft bleibt und dem Druck der Politik nicht nachgibt. 

Das große Aber: Dass Faymann seinen Auftritt beim ATV-Format "Klartext" abgesagt hat, weil er offenbar nicht zusammen mit Vizekanzler Mitterlehner auftreten wollte, sondern lieber alleine, zeigt allerdings, dass es auch auf Seiten der SPÖ noch Nachholbedarf in Sachen "unabhängige Medien" gibt.
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