Tod des Journalismus - oder?
 

Tod des Journalismus - oder?

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Anlässlich der Präsentation des neuen Buches von Reinhard Christl "Ist der Journalismus am Ende? Ideen zur Rettung unserer Medien." lud der Autor und der Falter Verlag zur Podiumsdiskussion an die FHWien.

Zur Präsentation seines neuen Buches "Ist der Journalismus am Ende? Ideen zur Rettung unserer Medien." lud der Autor, Reinhard Christl, gemeinsam mit dem Falter Verlag zur Podiumsdiskussion über Journalismus an die FHWien.

In der Diskussion nahmen Reinhard Christl, noch* Leiter des Instituts für Journalismus & Medienmanagement an der FHWien, die Journalistin und FHWien-Dozentin Anneliese Rohrer und ORF-Anchorman Armin Wolf, teil. Als Podiumsleiter stellte sich Armin Thurnher, Gründer und Herausgeber, der Wochenzeitung Falter - der wohl lieber mitdiskutiert hätte, als nur das Wort zu erteilen.

"Weltuntergangsverbreitung"

Christl kritisierte, dass die Stimmung im Journalismus über die letzten Jahre immer schlechter wurde. "Eine Branche wird schlecht geredet - es wird Weltuntergangsstimmung verbreitet", stellte er fest, allerdings sei doch die "Lage besser als die Stimmung", und dies sah er als Anlass für sein "optimistisches Buch".

Eine wirkliche Buchrezension folgte nicht, jedoch Einblicke in das Werk anhand von fünf Thesen:

1) "Es gibt mehr guten Journalismus als je zuvor", jedoch fehlt es dem Publikum an Medienkompetenz. Es sei "nicht mehr in der Lage herauszufinden was gut ist".

2) Es soll möglich sein, über private Finanzierungen Journalismus zu finanzieren. Sprich ein "Mäzenatentum". Christl ist überzeugt, dass es genug Menschen gäbe, die Interesse daran - und das notwendige Kleingeld - hätten.

3) Der ORF soll werbefrei sein und aus Steuern finanziert. Dies "würde den ORF vom Quotendruck befreien und Privatsenderprogramme wären besser, weil sie mehr Geld zur Verfügung hätten."

4) Verlage sparen zu viel Kosten ein - "Journalismus soll in Medienunternehmen wieder Oberhand bekommen - anstelle von Erbsenzählern."

5) Gute Journalisten haben Zukunft - "Junge Leute müssen nur wirklich wollen, Talent haben und hart arbeiten - das war aber immer so", erklärt Christl.

Man kann sich´s also denken - für Diskussionsstoff war gesorgt.

Für Anneliese Rohrer galt es zuerst zu klären, was denn guter Journalismus sei. Sie habe etliche Diplomarbeiten gelesen, die ihr "auf unterschiedlichste Weise erklärten was Qualitätsjournalismus ist", daher ließe sich "guter Journalismus" nicht einfach so verallgemeinern. Jeder definiere ihn anders. Für Rohrer ist "guter Journalismus der Versuch der Wahrheit so nahe wie möglich zu kommen", allerdings gab sie zu bedenken: "Wer in Österreich hat wirklich Interesse daran, dass Österreich die Wahrheit erfährt?" und spielte darauf an, dass es kein Interesse der Finanzierung danach gäbe.

Opponent Wolf ist besorgt

Eine gänzlich andere Position als Christl nahm Armin Wolf ein. Er sei "pessimistisch aus ökonomischen Gründen". Es stimme zwar, dass zum Beispiel Fernsehen immer besser werde, allerdings läge das schon alleine daran, dass der "Konsument heute 100 verschiedene Kanäle hat und auf Vielen hochintelligentes Programm vorfinden kann - das gab es ja früher nicht." Wolf ist allerdings um die Medienbranche besorgt, da Technologien und ökonomische Veränderungen die Branche erheblich verändern werden.

Reinhard Christl ist "uneinig bei der ökonomischen Krise". So gäbe es in den USA eine wirkliche Medienkrise, hier aber nicht. "Wir glauben alles da drüben wird hier auch Trend werden" - dem sei nicht so. Im Gegensatz: Hier gäbe es eine "andere Demographie, andere Tageszeitungskultur" und die "amerikanischen Zeitungen waren faul und daher noch schlechter vorbereitet auf die Technologien als österreichische". Christl warnt daher dezidiert nur vor einer negativen "Self-fulfilling prophecy".

Rohrer entgegnete, dass sich die finanziellen Voraussetzungen gar nicht vergleichen ließen - in den "USA gibt es eine Vergeschäftlichung - der Journalismus ist nicht mehr das Hauptgeschäft". In Österreich glaubt sie "an guten Tagen an eine Interessensgemeinschaft zwischen Verleger und Politik, an schlechten Tagen an eine Verschwörung zwischen Verleger und Politik".

Stattdessen fordert Rohrer zum Beispiel "Live-Übertragungen vom Untersuchungsausschuss" und schockierte Armin Wolf mit ihrer Aussage "der ORF kann sich hier nicht stark machen", was sie mit "politischem Willen" begründete.

"Zeitungen machen Gewinne weil sie sparen."

Für Armin Wolf liegt das Problem am herkömmlichen Geschäftsmodell vieler Verlage. Es funktioniere schlicht nicht mehr. "Wenn Inserate und Kleinanzeigen ins Internet wandern, wird's irgendwann eng", gab er zu bedenken. So verdiene der Springer Verlag online zwar Geld mit Jobportalen und Autoportalen, aber online nicht mit Journalismus. "Man könnte meinen sie würden mehr verdienen, wenn sie die Zeitung zu machen würden", witzelte der Anchorman.

Einspruch von Christl: "Zeitungen machen noch schöne Gewinne" gefolgt von einem Konter von Wolf: "Die Entwicklung hier in Österreich ist einfach zeitverzögert. Die Verlage machen keine Gewinne, weils ihnen ach so gut geht, sondern weil sie unglaublich sparen." So wird es laut Wolf immer "Elitemedien geben - wie theEconomist - denn diese können sich alleine über den Vertriebsweg finanzieren - andere werden es aber schwer haben". Auch werden regionale Zeitungen Relevanz behalten.

Brauchen wir Massenmedien?

Thurnher hinterfragte, "ob Massenmedien denn überhaupt gebraucht werden?" - woraufhin Wolf einwarf: "Ich glaube der ORF war essentiell für demokratische Entwicklungen" und er stellte in den Raum, dass zum Beispiel "Die Zeit" einem großen Konzern gehöre und sie könnte jederzeit geschlossen werden, "nur weil sie kein Geld mehr verdient". So sei auch das "Weltklassemedium" Ö1 nicht frei marktwirtschaftlich finanzierbar - "das ist nur in einem öffentlich-rechtlichen Konstrukt möglich." Es gäbe daher Medien, deren Kerngeschäft gar nicht mehr der Journalismus wäre, sondern zum Beispiel Weinhandel.

Wolf betonte allerdings, dass in so manchen österreichischen Redaktionen ein Bruchteil der Redakteure säßen wie in Deutschland und dennoch erstklassige Medien produziert würden.

"Jo eh, klingt super, aber...?"

Von diesem Pessimismus will Christl wenig hören. "Ich bin hier gnadenlos optimistisch", konstatiert er und daher glaube er, dass es Mäzenen gäbe, "Leute mit viel Geld", die grundsätzlich an gutem Journalismus interessiert seien. Armin Wolf antwortete, dass er gar nicht bezweifle, dass es Geld gäbe, lediglich, dass viele Menschen Interesse hätten dahingehen zu investieren.

So macht "Mateschitz schöne Naturdokus, hat aber keine relevanten Nachrichten. Das ist ein Hobby und damit als Grundbasis für eine mediale Versorgung in Österreich zu wenig", daher gilt für Wolf: "jo eh, klingt super, aber..." Für Christl gilt jedoch der Optimismus, denn: "Wenn wir pessimistisch denken, dann werden wir das nicht schaffen."

Das Podium

Reinhard Christl war unter anderem Gründungs-Chefredakteur des Industriemagazins, stellvertretender Ressortleiter des Nachrichtenmagazins Format und Wirtschaftsredakteur im Nachrichtenmagazin profil. Seit 2003 war er Leiter des Instituts für Journalismus & Medienmanagement an der FHWien. *Mit Ende des Jahres wird Christl das Department für Wirtschaft an der FH St.Pölten leiten.

Anneliese Rohrer ist eine österreichische Journalistin. Sie leitete zuerst das Ressort Innenpolitik, und anschließend das Außenpolitik-Ressort bei der Presse. Später schrieb sie für den Kurier und dann wieder für die Presse. Sie ist Dozentin an der FHWien. 2003 wurde ihr der österreichische Kurt-Vorhofer-Preis für Politikjournalismus verliehen.

Armin Wolf war zuerst außenpolitischer Journalist beim Radiosender Ö1 und ist nunmehr stellvertretender Chefredakteur im ORF. Er moderiert das Nachrichtenmagazin ZiB 2. Die Liste der Auszeichnungen ist lang: 2004: Österreichischer Journalist des Jahres, 2005: Concordia-Preis für Pressefreiheit, 2006: Robert-Hochner-Preis, 2006: Goldene Romy Beliebtester Moderator, 2007: Prof. Claus Gatterer-Preis, 2007: Goldene Romy Beliebtester Moderator, 2008: Ehrenbürger der Universität Innsbruck, 2012: Goldene Romy Beliebtester Moderator.

Armin Thurnher ist Gründer, Chefredakteur und Herausgeber der Wochenzeitung Falter. Die Liste der Auszeichnungen ist ebenfalls lang: 1991: Preis der Stadt Wien für Publizistik, 1999: Ehrenpreis des Vorarlberger Buchhandels, 2001: Kurt-Vorhofer-Preis, 2002: Dr.-Karl-Renner-Publizistikpreis, 2010: Ehrenpreis des österreichischen Buchhandels für Toleranz in Denken und Handeln.
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