Tirol 4.0
 

Tirol 4.0

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Für die Agenturen hat sich der Tirolissimo in den letzten Jahren gut entwickelt und konnte auf hohem Niveau die heimische Werbebranche fordern – nicht zuletzt mit einer hochkarätigen Jury aus internationalen Kreativen.
Für die Agenturen hat sich der Tirolissimo in den letzten Jahren gut entwickelt und konnte auf hohem Niveau die heimische Werbebranche fordern – nicht zuletzt mit einer hochkarätigen Jury aus internationalen Kreativen.

Die vierte industrielle Revolution stellt alle vor neue Herausforderungen. Tiroler Agenturen sehen darin aber auch neue Chancen für ihre Kunden.

Dieser Artikel erschien ebenso in der HORIZONT-Ausgabe 43/2016 vom 28. Oktober. Hier geht's zum Abo.

Industrie 4.0 und ihre neue Arbeitswelt verändern auch die Werbebranche – und nicht nur in Tirol sieht man sich den neuen Geschäftsfeldern der Kunden gegenüberstehen. Denn bestimmt durch das Internet als Infrastruktur und natürlich der Verbindung physikalischer Objekte mit dem Internet durch Cyber-physikalische Systeme, kommen Unternehmen heute in die Lage, ihre Maschinen, Lagersysteme und Betriebsmittel so zu vernetzen, dass diese eigenständig Informationen austauschen.

Ein Fakt, der nicht zuletzt Kommunikation immer wichtiger werden lässt und neue Geschäftsmodelle ins Spiel bringt. „Der Markt konfrontiert uns mit sehr viel Komplexität, speziell durch die Arbeitswelt 4.0 und die zunehmende Digitalisierung. Dafür muss man als Agentur neue normbrechende Wege gehen. Wir sind sehr gefordert, um den Kunden eine entsprechende Orientierung für deren Kommunikation zu geben.

Das machen wir bestmöglich mit integrierten Kommunikationslösungen“, erklären Florian Bissert, CEO von impalawolfmitbiss, kurz iwmb, und Matthias Lechle von iwmb.now, der digitalen Unit der Agentur mit Sitz in Kitzbühel. Die beiden sehen sich in einem globalen System eingebunden, in dem jeder von jedem abhängig ist – national wie international. 

Mehr als nur Website und Co

Spricht man von Digitalisierung, geht es schon lange nicht mehr nur um Websites, Onlineshops oder Adwords-Kampagnen. Die beiden Geschäftsführer, Alexander Dresen und Bernhard Greil von ACC und ACC Digital, mit Sitz in Innsbruck, zeigen sich sogar überzeugt von einem Paradigmenwechsel: „In Österreich, aber auch Europa, sind wir es gewohnt alles auf Sicherheit aufzubauen. Das höchste Ziel dabei: Null Fehler. Daher sind wir in den Unternehmen vertikal perfekt vernetzt.

Jeder weiß, wer was zu welcher Zeit warum getan hat. Das führt zwar zur perfekten Qualität, vernichtet aber Dynamik beziehungsweise Initiative.“

Horizontale Vernetzung

Das Resultat daraus sind für Dresen und Greil zu lange Wege und somit die Schwierigkeit, sich als Unternehmen nach draußen zu öffnen – sich also horizontal zu vernetzen.

Wenn sich ein Unternehmen auf altbewährte Systeme beruft, kann es ihrer Meinung nach schnell eng werden. Daher ihr Gebot der Stunde: Programmatic Advertising, das sogenannte „neue Betriebssystem der Werbung“. Es gibt Unternehmen die Möglichkeit, Onlinekampagnen möglichst effizientzu buchen, auszuspielen und zu optimieren.

Erfolg durch Marketing Automation

iwmb und die Digitaltochter iwmb.now hingegen sehen die Chancen der Digitalisierung vielmehr im Bereich der Marketing Automation und die neuen Geschäftsfelder der Produktentwicklungen, die sich daraus erschließen. In erster Linie steht Marketing Automation aber für den Zugewinn an Effizienz in der Planung und Umsetzung von Marketingkampagnen. Dabei wird Erfolg endlich messbar und zieht daher bisher besonders Kunden aus dem B2B-Bereich an. 

Markus Erler, Geschäftsführender Gesellschafter und Creative Director der Agentur Spectrum, ist überzeugt, dass die Zahl neuer Verbreitungswege und –formen immer mehr neue Kontaktpunkte mit einer Marke erzeugt und dabei jeder zum Contentlieferanten wird.

Der Tiroler Werber erklärt: „Die Digitalisierung eröffnet viele neue Chancen für den Kommunikationserfolg und kann gleichzeitig viele Probleme der Internationalisierung und Globalisierung beseitigen oder zumindest entschärfen. Allerdings nicht ohne Risiken und Nebenwirkungen. Die Geister, die man ruft, wird man viel schwerer wieder los.“ 

Digital-Spezialist oder Full-Service

Mit neuen Antworten für den Markt beschäftigen sich Florian Bissert und Matthias Lechle bei iwmb und iwmb.now. Denn für sie läuft die Zeit klassischer Full-Service-Agenturen schlichtweg ab: „Wir müssen weiterdenken und uns den Bedürfnissen des Kunden stärker annehmen.“ 

Der Frage, ob es künftig einen Trend zum Spezialistentum etwa im digitalen Bereich geben wird, will man bei ACC und ACC Digital hingegen nicht zustimmen. Sie sehen die Größe des Kunden und des Marktes als entscheidenden Parameter.

Die Geschäftsführer Dresen und Greil schätzen den Versuch, alles zu beherrschen, genauso gefährlich ein, wie den Wunsch nach einer zu starken Spezialisierung: „Für alles ist die Dichte aufgrund der digitalen Kommunikation zu komplex. Man wird unglaubwürdig. Und für eine zu enge Spezialisierung wird Innovation zu gefährlich. Das beste Beispiel dafür ist Flash. Da gab es reine Spezialisten. Heute braucht die keiner mehr.“

Richtet sich nun alles nach der kommunikativen Beratungsleistung beim Kunden, dann geht es für ACC besonders um persönliches Vertrauen in der Zusammenarbeit: „Man muss in der Umsetzung nicht alles selber können, aber man muss wissen, was der Kunde braucht und woher man es bekommt.“ 

Fehlender Nachwuchs 

„Mit unseren Ideen wollen wir vor allem den wirtschaftlichen Wert der von uns betreuten Marken langfristig erhöhen“, so Markus Erler. Seine Agentur Spectrum betreut rund 60 Kunden aus Industrie, Gewerbe, Handel, Sport und Dienstleistung in Österreich, Deutschland und Südtirol. Zusammen mit Joseph Hauser, Markengeschäftsführer der Agentur, betreut das Unternehmen etwa Persönlichkeiten wie Schifahrerin Anna Veith – ehemals Anna Fenninger.

In Zusammenarbeit mit dem Veith-Manager Florian Krumrey erarbeitete Spectrum eine Neupositionierung für den Ski-Star und brachte ein Image-Booklet heraus. Einmal mehr präsentiert man sich bei der Kampagne 2017 für Vital Verwöhnschuhe mit einer Gesamtweltcupsiegerin aus dem Ski-Alpin-Bereich und wartet mit Testimonial Eva-Maria Brem auf. 

Elf Neukunden gewann Spectrum in diesem Jahr – Unternehmen großteils aus Österreich. Doch die Agentur sieht sich mit ihrem Tiroler Standort vor speziellen Herausforderungen: Guter Nachwuchs sei hier kaum zu kriegen, die spezifischen Fachausbildungen rar.

„Es gibt etwa keine Texter-/Konzeptionistenausbildung. Da haben Ballungszentren definitiv einen Vorteil“, so Markus Erler und weiß: „Tirol lebt sehr stark vom Tourismus, die Struktur der heimischen Wirtschaft ist tourismusgeprägt. Sich diesem Kundenportfolio zu entziehen ist mutig.“ Doch Erler ist siegessicher: „Die besseren Ideen, Konzepte und Strategien setzen sich auf Dauer durch.“

ACC macht Digital zum Klassiker

In Sachen Fachkräftemangel stimmen die Geschäftsführer von ACC und ACC Digital mit ein. „Um weiter zu wachsen, benötigen wir qualifiziertes Personal. Daher sind wir ständig auf der Suche nach Mitarbeitern mit Potenzial.“ Mitarbeiter mit Erfahrung zu bekommen, gleiche der berühmten Suche nach der Nadel im Heuhaufen, lautet es aus der Geschäftsleitung. Klassik und Digital zu vereinen sei weiter das Ziel. Intern setzt man hier nun auf bestimmte Lernziele für Mitarbeiter und baut diese weiter aus. 

Doch nach 36 Jahren am Markt, habe man als klassische Agentur schon bessere Zeiten gesehen und mache sich auch keine Hoffnung, dass diese wiederkehren könnten. Vor bereits 16 Jahren ist man bei ACC ins Digital-Agentur-Geschäft eingestiegen und feiert mit ACC Digital Erfolge. Die Grenzen zwischen klassischen und digitalen Jobs scheinen zu verschwimmen.

So bietet man digitale Mediapläne und Werbemittel selbstverständlich auch als Standard an. Mit der digitalen, programmatischen Winterkampagne – wie die Agentur sie bezeichnet – wartet ACC zum Beispiel für seinen Kunden Turracher Höhe auf. Und zur Neueinführung von Alpinamed, eine OTC-Arzneimittelmarke des Tiroler Familienunternehmens Gebro Pharma, kreierte die Agentur ACC eine neue Kampagne für einen der größten Pharmaproduzenten Österreichs.

Herausforderung ‚Tirolissimo‘ 

Großer Abräumer bei den Nominierungen des Tiroler Landespreises Tirolissimo 2016 ist iwmb + iwmb.now. Einer der sechs Einträge auf der Shortlist des regional begehrten Tiroler Preises (Preisträger siehe Folgeseiten 28 und 29) gehen auf das Konto der Imagekampagne für den Kunden Sillpark.

Dazu realisierte man auch das Editorial-Design für diesen Kunden, aber auch die Kampagne für das Amt der Tiroler Landesregierung, mit der Bürger aufgerufen wurden, von ihrem Wahlrecht Gebrauch zu machen. 

Für die Agenturen hat sich der Tirolissimo in den letzten Jahren gut entwickelt und konnte auf hohem Niveau die heimische Werbebranche fordern – nicht zuletzt mit einer hochkarätigen Jury aus internationalen Kreativen. Auf seinen Erfolgen ausruhen will man sich im Westen Österreichs trotzdem nicht.

[Sonja Blümke]

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