‚This is CNN!‘
 
2014 Cable News Network. A Time Warner Company. All Rights Res
CNN-Präsident Jeff Zucker war einer von vielen hochkarätigen Top-Speakern, die bei den 25. Österreichischen Medientagen vertreten waren.
CNN-Präsident Jeff Zucker war einer von vielen hochkarätigen Top-Speakern, die bei den 25. Österreichischen Medientagen vertreten waren.

In Zeiten des Irakkriegs Pionier und Unikat, kämpft CNN heute gegen Mitbewerber, die Meinung zur Nachricht erheben, und Fake-News-Vorwürfe samt Angriffen des US-Präsidenten. Selbst zum Politikum geworden, verhilft Jeff Zucker dem Sender zu Wachstum.

Dieser Artikel ist zuerst in Ausgabe Nr. 39/2018 des HORIZONT erschienen. Noch kein Abo? Hier klicken!

Zucker muss weg! Jeff Zucker, Chef des weltweiten Nachrichtensenders CNN, habe seinen Job furchtbar gemacht und habe schlechte Zuschauerwerte, so US-Präsident Donald J. Trump. Schlimmer noch. Unter „Little Jeff Z“, wie Trump den CNN-Chef wenig liebevoll nennt, werde der Sender „von innen heraus zerrissen“, weil er „einer großen Lüge überführt“ worden sei und sich weigere, „den Fehler einzugestehen“. Hintergrund ist ein CNN-Bericht über ein Treffen von Trump-Vertrauten mit einer russischen Anwältin im Präsidentschaftswahlkampf 2016. Der CNN-Bericht wurde später in Frage gestellt, nachdem eine der Quellen ihre Aussagen zurückzog. Der CNN-Mutterkonzern, der Kommunikationsriese AT&T, „sollte ihn sofort feuern, um die eigene Glaubwürdigkeit zu retten“, ist auf dem weltweit bekanntesten Twitter-Account zu lesen. Jeff Zucker, 53, war zuvor langjähriger Chef des Networks NBCUniversal, ist seit Jänner 2013 Präsident von CNN und beaufsichtigt alle Geschäfte von CNN, darunter CNN in den USA, CNN International, HLN (Headline News, vormals „CNN2“), alle Digitalgeschäfte von CNN und das Studio Great Big Story. Erst im Juni dieses Jahres wurde der Vertrag bis 2020 verlängert. Detail am Rande: als NBC-Boss war Zucker zuständig für die Donald-Trump-Show „The Apprentice“. Noch 2012 gratulierte Trump CNN ebenfalls via Twitter zum „great move“, Zucker zu sich zu holen. Zucker habe schließlich seine Show zur Nummer eins gemacht. Heute führt Zucker CNN durch kritische Zeiten, vielleicht auch durch die spannendsten. Nachrichtenfernsehen im Zeitalter von Fake News, polarisierten Gesellschaften in den USA und weltweit, Digitalisierung und zahllosen Mitbewerbern im Netz. Und einem Präsidenten, der CNN und Zucker den Krieg erklärt hat.

Die Bilder zu den Krisen

Wofür steht CNN? Ein Blick zurück. Das Image des Senders gilt als ambivalent. Lange Zeit galt Ted Turners Newskanal außerhalb der Vereinigen Staaten als Schmuddelkind. Die Art und Weise amerikanischer Berichterstattung wirkte auf viele Zuschauer außerhalb der USA befremdlich. Noch in den 90ern, als sich die meisten TV-Sender eigene Korrespondenten in den Brennpunkten der Welt leisteten, setzte CNN frühzeitig auf „fliegende Berichterstatter“. Bei Krisen, Kriegen und Katastrophen flogen CNN-Reporter schnell einmal per Flugzeug oder Hubschrauber von außerhalb heran, berichteten in Action-reichen Bildern im CNN-typischen Infotainment von den Frontverläufen. Hauptsache es krachte und blitze. Hintergründe und Analysen blieben oft auf der Strecke, so eine damals häufig gehörte europäische Kritik. Gleichzeitig hatte CNN stets die besten Bilder, nah dran, live, alle wollten sie haben. Als 2001 in New York zwei Flugzeuge in die Zwillingstürme rasten, übertrug CNN den ganzen Tag die brennenden und letztlich einstürzenden Wolkenkratzer live. Die völlig überraschte und mit den Ereignissen überforderte Fernsehwelt schaltete sich ins Programm von CNN, unter ihnen auch zahlreiche öffentlich-rechtliche Fernsehanstalten in Europa. Damit war CNN auch für eine breite europäische Öffentlichkeit als Newsplayer angekommen. CNN veränderte auch die Beziehung von Medien und Politik nachhaltig. Medialisierte Propaganda und Gegenpropaganda wurden zu einem Teil des Geschehens. Man sprach vom „CNN-Effekt“, wenn die Macht der Bilder Regierungen zum Handeln zwingen konnte. Inzwischen hat CNN nachgerüstet. „Wir sind in der Lage, aus allen Blickwinkeln der Welt ein objektives Bild zu zeichnen“, so Matthias Heinze, CNN-Vice President Commercial Central and Eastern Europe. CNN unterhält aktuell 36 Redaktionen. Damit könne man innerhalb kürzester Zeit überall schnell vor Ort sein, das mache CNN zur schnellsten Quelle für objektive Berichterstattung.

Deutsche Märkte sprechen Englisch

Schnelle Bilder vom Weltgeschehen sind heute kein CNN-Alleinstellungsmerkmal mehr, vor allem im Internet sind private Wackelbilder via YouTube eine schnelle Quelle für News-TV. Das CNN-Logo ist inzwischen immer seltener im Sendematerial von ZIB 2 und Tagesschau in Deutschland zu finden. Gleichzeitig sind die Content- und Affiliate-Beziehungen zu mehreren Publishern und Sendern aus der D-A-CH-Region gewachsen, dazu zählen beispielsweise RTL, oe24.tv sowie CNNMoney Switzerland – dieser wurde in diesem Jahr als CNN-gebrandeter Multimedia-Wirtschaftskanal eingeführt. CNN erreicht in sieben Sprachen weltweit mehr als 475 Millionen Haushalte auf TV-Bildschirmen, Computern und Mobilgeräten. Über Lizenzmodelle senden CNN Türk oder CNN México. Nach einigen Experimenten hat man sich für den deutschsprachigen Markt für Programm auf Englisch entschieden. Ein Lernprozess. Zunächst stieg CNN 1994 bei dem nur zwei Jahre zuvor gegründeten Nachrichtensender n-tv ein, zeitweise sogar mit einem Anteil von 50 Prozent. (Heute im Alleineigentum der RTL-Gruppe). 1997 wagte CNN ein weiteres Deutschland-Experiment: ein regionales Programmfenster in deutscher Sprache im englischsprachigen Umfeld von CNN International. Die 15-minütige Nachrichtensendung „CNN Deutschland“ wurde dreimal täglich im Programm von CNN ausgestrahlt. „Wir hatten beim damaligen Programmfenster auf Deutsch festgestellt, dass es unsere Zuschauer irritiert hat, wenn ein englischsprachiges Programm plötzlich von einer Sendung auf Deutsch unterbrochen wurde“, so Matthias Heinze. CNN wende sich heute bewusst an eine internationale Zielgruppe – die Top-Entscheider aus Politik und Wirtschaft, die erwarteten ein englischsprachiges Programm. Studien wie die Ipsos Business Elite Survey bestätigen seit Jahren, dass CNN in Europa in der Kernzielgruppe der Top-Manager der meistgenutzte Sender unter den internationalen Sendern sei. „Durch eine starke Distribution und Reichweite in Kombination mit einer hohen Markenbekanntheit verfügt CNN über ein großes Publikum in der D-A-CH-Region – sowohl im TV- als auch Digitalbereich. Die D-A-CH-Region zählt zu den wichtigsten Regionen für das CNN-Publikum in Europa“, so CNN gegenüber HORIZONT.

TV sinkt, Digital steigt

CNN international und CNN in den USA sind zwei voneinander getrennte Programme. Die internationale Redaktion ist unter anderem in London angesiedelt, von dort kommt der Großteil der Programme, der für den internationalen Markt bestimmt ist. Auf dem Heimatmarkt USA hat der US-Kanal seine unangefochtene Marktführerschaft längst einbüßen müssen, und befindet sich im Zangengriff von Mitbewerbern, die das Feld der unvoreingenommenen Berichterstattung längst verlassen haben. Im Vergleich zum erzkonservativen und den Republikanern nahestehenden Fox News (2,4 Millionen Zuschauer), erreicht CNN nicht einmal mehr die Hälfte der Zuschauer (1,07 Mio.; Werbefinanzierte Sender in den USA, Nielsen/NPM). Von der anderen Seite drückt das bei den Wählern der Demokraten beliebte MSNBC, das mit 1,6 Millionen Zuschauern ebenfalls vor CNN steht. CNN wirbt weiter mit Fakten statt mit Meinung für sich. Ansprüche, die nicht leicht zu halten sind, wenn das Weiße Haus CNN-Reporter vor die Tür setzt und einen ganzen Kanal der Lügen bezichtigt.

Trump hilft Zucker doch

Als Meinungskanäle zeichnen sich die Mitbewerber vor allem durch Pro- und Contra-Trump-Verständnis aus. Bei CNN besteht man darauf, der Kanal sende als erstes ein objektives Bild, vor allen anderen. Inzwischen ist die Talsohle durchschritten, CNN profitiert in Sachen Quote deutlich von Trump und dessen Politik. Obwohl auf Platz drei der US-News-Network zurückgefallen, verfolgten im Jahr 2017 rund 76 Millionen Zuschauer den Nachrichtensender, davon knapp 29 Millionen Zuschauer in der Zielgruppe der 25- bis 54-Jährigen. Seit der Wahl Trumps konnte das Programm in der Primetime bei der Zielgruppe der 25- bis 54-Jährigen um 44 Prozent zulegen. Zuckers Wachstumsplan trägt Früchte. Im Bemühen, mehr Zuschauer von Kabelkanälen wie Discovery Channel und A&E zu gewinnen, setzt der CNN-Chef auf Dokus, die den Zuschauern „einzigartige Einstellung und Aufnahmen“ bieten sollen. Nachrichten, so Zucker, müssten auf CNN weiter oberste Priorität genießen. „Wir können aber gleichzeitig laufen und Kaugummi kauen. Wir können Nachrichten machen, und wir können unsere Shows und Programme unterbrechen, wenn es Neuigkeiten gibt“, so Zucker auf einer Pressekonferenz. In einem Interview mit der New York Times erklärte der CNN-Chef, dass man verstanden habe, dass Politik auch Sport sei. Mit diesem Verständnis habe man CNN wieder zu neuer Größe verholfen. Vor allem die Stärkung der Marke im Netz geht auf Zuckers Konto. CNN Digital läuft geradezu blendend, denn online übertrifft die Marke CNN jedes Jahr alle Wettbewerber und blieb auch im Juli 2018 führend in den digitalen Nachrichten. So verweist CNN heute mit 115 Millionen Unique Visitors in den USA auf eine höhere Reichweite im Netz als jede andere Nachrichtenquelle. [Danilo Höpfner]

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