Terrorvideos: TV-Sender im Zwiespalt
 

Terrorvideos: TV-Sender im Zwiespalt

Prazis/Fotolia
Die meisten TV-Sender wollen kein Videomaterial von Terroristen zeigen - sind aber oft darauf angewiesen.
Die meisten TV-Sender wollen kein Videomaterial von Terroristen zeigen - sind aber oft darauf angewiesen.

Terrororganisationen wie der IS produzieren professionell Videos und Bilder und wollen so in europäischen Medien vorkommen. Wie heimische und internationale TV-Sender mit dem Material umgehen – oder lieber darauf verzichten.

Dieser Artikel erschien bereits in der HORIZONT-Ausgabe 38/2016 vom 23. September. Hier geht's zum Abo


Als der sogenannte Islamische Staat (IS) Mitte 2014 erste größere Gebiete in Syrien und Irak eingenommen hatte, wurde auch in den Medien immer öfter über die Terror-Organisation berichtet. Medien, allen voran die Fernsehsender, stehen dabei vor Problemen: Weil es für Journalisten zu gefährlich ist aus den Kriegsgebieten zu berichten, sie aber trotzdem auf Bild- und Videomaterial angewiesen sind, greifen sie oft auf die Produktionen des IS zurück. So produziert die Terrororganisation, rein von der Produktionsqualität gesehen, relativ hochwertige Videos, die Medien oft ohne viel Aufwand übernehmen können. Auf der anderen Seite verbreiten sie damit auch unzensuriert das Propagandamaterial von Terroristen. 


Beim heimischen TV-Sender PULS 4 will man nun gegensteuern und hat Guidelines entwickelt, wie man in Zukunft mit entsprechenden Videos umgehen wird. Der Sender hat sich selbst auferlegt, keine Terrorvideos in voller Länger zu zeigen, auch Kampfhandlungen von Terroristen oder Bilder von Opfern sind tabu. „Wir haben nun den Grundsatz, dass wir kein Propagandamaterial zeigen. Auch auf die Gefahr hin, langweilige Stockfotos zu nutzen“, sagt PULS 4-Infochefin Corinna Milborn. Man habe inzwischen ein Archiv mit Stockfotos aufgebaut, damit die Redakteure zur Bebilderung der Videos schneller Material zur Verfügung haben. Bislang habe man die IS-Videos als „Propagandamaterial“ gekennzeichnet, das mache es aber nicht besser und werde von den Zuschauern oft ausgeblendet.

„Die Videos des IS zu zeigen, ist komplett kontraproduktiv. Die Medien spielen da einfach das Spiel der Terroristen“, sagt Milborn. Um gängigen Klischees vorzubeugen, steht auch in den Guidelines, dass Beiträge über beispielsweise den IS nicht mit dem Koran oder betenden Muslimen zu bebildern sind. Erlaubt sind dagegen Nahaufnahmen der IS-Flagge, Karten vom Gebiet, in dem sich die Terroristen aufhalten, einzelne Terroristen oder Armeen, die den IS bekämpfen. Bei Breaking News, etwa bei Anschlägen, muss immer im Einzelfall abgewogen werden, welches Material gezeigt wird. Wenn es dem öffentlichen Interesse dient, könnte also auch weiterhin bei PULS 4 ein Video eines Anschlags zu sehen sein. Bei Bekennervideos will man sich in Zukunft nur noch darauf beschränken zu erwähnen, dass es eben ein solches Video gibt.


Ausschnitte ja, aber ...


Auch beim international agierenden Nachrichtensender CNN verhält man sich ähnlich. Dort werden keine Sequenzen oder Standbilder aus Videos des IS oder anderen militanten Gruppen veröffentlicht. Einzige Ausnahme: Es gibt einen überzeugenden redaktionellen Grund, um das zu tun. „Wir zeigten beispielsweise kurze Ausschnitte eines Videos von Boko Haram, welche ein Lebenszeichen der Chibok-Mädchen enthielten. Zudem nutzen wir hin und wieder Standbilder, wenn wir auf bestimmte Personen aus einem Video, ob Geisel oder militanter Kämpfer, verweisen“, sagt ­Tommy Evans, Vice President CNN und Londoner Bürochef des Nachrichtensenders. Was der Sender zeige oder nicht, entscheide man von Fall zu Fall. Das oberste Prinzip laut Evans: Eine Geschichte muss immer vollständig und korrekt erzählt werden.


Balance finden


Beim ORF hat man keine Guidelines, die den Umgang mit Videomaterial von Terroristen regeln. „Guidelines zielen auf etwas Allgemeines ab, die Entscheidungen fallen aber jeden Tag im Einzelfall. Es sind nie zwei Fälle gleich. Das ist Work in progress“, sagt Chefredakteur Fritz Dittlbacher. Man müsse jeden Tag aufs Neue die richtige Balance finden – zwischen der Berichterstattung, um die Glaubwürdigkeit zu wahren, und der Verantwortung, die man als öffentlich-rechtliches Medienunternehmen trage. 


Grundsätzlich hat man beim ORF eine klare Linie: „Wir zeigen keine Toten“, sagt Dittlbacher. Sehr wohl zeige man aber die „Vorgeschichte eines Ablaufs“ – wie etwa die Anfangssequenzen eines IS-Videos, bei denen Geiseln getötet werden. „Man kann nun natürlich sagen, dass das pharisäerhaft ist. Aber man muss auch die Gesetzlichkeiten des Fernsehens berücksichtigen. Wir können schwer über Sachen berichten, bei denen wir nichts herzeigen können. Wir müssen einen Weg finden, um mit so heiklem Material umzugehen.“ Tatsächlich werde man immer strenger mit Videomaterial, das von Terroristen komme – aber auch bei der Identität der Täter. „Wir dürfen nicht dazu beitragen, dass aus Attentätern Subkulturhelden werden.“


Auch Tommy Evans von CNN sagt, dass die Latte für redaktionell relevante Inhalte in den vergangenen Jahren nach oben gewandert sei. „2003, als das erste Al-Qaida-Video auftauchte, war schon die Existenz des Videomaterials eine Story wert. Heutzutage reicht das nicht mehr aus“, sagt er. 


Terror nicht verschweigen


Dieser Meinung ist auch ATV-Infochef Alexander Millecker. Doch auch er verweist auf das grundsätzliche Problem von TV-Sendern: „Für ein Bildmedium ist es schwierig zu berichten, wenn man sonst gar kein Bildmaterial hat.“ Dennoch bemühe man sich, so wenig IS-Videos zu zeigen wie möglich. Auch Millecker plädiert für detaillierte Prüfungen im Einzelfall: „Man muss immer genau abwägen, was man zeigen kann und was nicht. Wir wollen ja nicht das Verlautbarungsorgan des IS sein.“

In Zukunft werde es für Journalisten immer wichtiger, Dinge einzuordnen, das gelte allerdings grundsätzlich für Informationen und nicht nur für Videos von Terrororganisationen. Am Anfang sei es noch wichtig gewesen, Bilder und Videos des IS zu zeigen –„um klar zu machen, welche Barbarei dort herrscht“. Das heiße aber nicht, dass man das heute auch immer noch so machen müsse.

Doch die Medien müssen auch aufpassen, den Terror nicht zu verschweigen, warnt ­Millecker. „Wenn Medien überhaupt keinen Terror mehr zeigen, schießt das über das Ziel hinaus.“ Einige europäische Medien haben sich mittlerweile darauf verständigt, gewisses Video- und Bildmaterial gar nicht mehr zu zeigen. So sollen etwa die Täter gar nicht mehr gezeigt werden. „Es ist wichtig, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Das ist auch wichtig für das Verständnis der Motive. Es ist nötig, sich mit den Tätern zu beschäftigen. Das heißt nicht, dass man jedes Foto zeigen muss. Man darf aber auch nicht alles ignorieren“, so der ATV-Infochef.


Problemfeld Social Media


Das Problem für die TV-Sender: Social Media. Hier sind alle Terrorvideos in voller Länge zu sehen. Verschweigen die Journalisten Videos oder die Details daraus, wird ihnen Zensur vorgeworfen. Zeigen sie das ganze Material, kommt ebenfalls Kritik. Hier können die Sender nichts tun: Sie sind nur Gatekeeper in ihrem eigenen Medium und müssen sich auf ihre eigenen moralischen Grenzen verlassen. Darin sind sich alle Befragten einig. Das zeigt auch, wie sehr sich die Medienwelt geändert hat. Vor zehn Jahren, sagt CNN-Manager Evans, seien solche Videos noch den Medien zugespielt worden.
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