Tanz auf dem Friedhof der Printmedien
 

Tanz auf dem Friedhof der Printmedien

US-Blogger Jeff Jarvis glaubt an die Werte der durchlässigen Link-Economy und nicht an die alten Modellen von Besitzen und Bezahlen.

„Wenn Sie nicht weiterwissen, überlegen Sie sich, was Google tun würde“. Mit dieser These hat der Autor und Blogger Prof. Jeff Jarvis allen alteingesessenen Printvertretern auf den Münchner Medientagen einen gewaltigen Tritt in den Hintern verpasst – übrigens via Skype live von seinem Arbeitszimmer in New York. „Lernen Sie verstehen, warum Google so erfolgreich ist und folgen Sie diesem Modell“, so seine Worte. Jarvis gab sich besorgt über Versuche der Old Economy an ihrem alten Geschäftsmodell festzuhalten, darüber, dass sie Google und Aggregatoren als ihre Feinde betrachten: „Sie verstehen nicht, was hier wirklich abgeht. Und sie sehen die Chancen nicht“. Schließlich habe das Internet eine komplett neue Business-Realtität hervorgebracht. Vorbei die Zeiten, als viele Kopien unserer Werke verkauft werden konnten. „Jetzt gibt der Link dem Content seinen Wert“, so Jarvis. Oder andersherum: Content ohne Links hat keinen Wert.

Regeln für die Linkeconomy
Jarvis stellte drei Regelen für die Linkeconomy auf: Der Content muss der Welt frei zugänglich sein und nicht hinter Bezahlwänden versteckt werden – nur wer gesucht werden kann, kann auch gefunden werden.  Zweitens: Medienhäuser müssen sich spezialisieren nach dem Motto: do what you do best und link to the rest – Medienhäuser könnten heute nicht mehr alles für alle an bieten, ist der Professor überzeugt. Und schließlich soll nicht Google dafür zur Kasse gebeten werden, dass er den Content anderer nutzt, denn: „Google bringt Links. Was Sie damit tun, ist Ihre Sache. Sie könnten sie zum Beispiel monetarisieren“.

Neue europäische Leistungsschutzrechte würden nur die alten Modelle verteidigen. Denn seiner Meinung nach werde die Zukunft nicht aus Besitzen und Bezahlen bestehen, sondern in der kollaborativen Zusammenarbeit zwischen Medien, Plattformen und Öffentlichkeit. Bisher hätte man darauf gewartet, bis die Menschen auf die Plattformen kommen. Heute jedoch gelte: Wenn die News für mich wichtig genug ist, wird sie mich auch finden. Stichwort: „hyper personal news streams“. Was nichts anderes heißt, als dass eine Nachricht ihren Wert für den einzelenen aus der persönlichen Relevanz zieht, gespeist aus den diversen persönlichen Netzwerken.. „Wir sind es gewohnt, uns über Print zu definieren. Aber unsere Leserschaft definiert uns über den Wert einer News für sich selbst“.

„Google ist verdammt smart“
Deshalb fordert Jarvis auch den Abschied von der Produktwelt: „Wir sind es gewohnt, täglich Produkte herauszubringen. Journalismus ist aber keine Produktwelt sondern ein Prozess – ohne Anfang und Ende. Wenn Sie das begreifen, sind Sie bereit für kollaborativen Journalismus“. Das werde zwar ein kleineres Business sein, aber auch ein billigeres und damit profitableres.

Google jedenfalls gibt er keine Schuld an der aktuellen Medienmisere, „Google ist einfach verdammt smart, sie sehen Chancen, die wir nicht sehen“. Also sollten wir von Google lernen, Google nutzen, die Links nutzen und kostengünstige Publishing-Plattformen entwickeln. Die Zukunft gehöre dabei nicht den Institutionen, sondern dem Entrepreneurship, dem Jungunternehmertum,  das es gelte zu fördern und zu unterstützen. „Jugend war bisher etwas, was vorbeigehen soll. Heute ist Jugend ein Asset“, meint Jarvis und lädt zu einem Imaginationsspielchen: Welches Business könnten die Kids von heute, die Facebook, youtube und twitter nutzen, gerade in ihrer Garage kreiieren?

Den Vorwurf, auf dem Friedhof der Printmedien herumzutanzen wiegelt Jarvis mit den Worten ab: „Nein, ich will nicht, dass Print stirbt, aber es ist kein nachhaltiges Business. Die Zukunft liegt im Internet.“ Journalismus könne nur profitabel und nachhaltig werden, wenn die Veränderung zugelassen wird. „Schauen Sie dieser Zukunft mutig ins Auge, dann können Sie überleben“, so der Medienprofessor.


Mehr zum Thema Paid Content versus freie Linkeconomy: "Content unter Verschluss", erschienen im Trend/BESTSELLER Medienspezial 2009.
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