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Tag des Qualitätsjournalismus: "Nächstes großes Ding"

Das dritte von VÖZ und Manstein-Verlag veranstaltete Symposium offenbarte unterschiedliche Ansichten zur Finanzierbarkeit und Onlineangeboten - Liessmann sprach von einem "kuratierten Gesamtauftritt"

Wie Qualitätsjournalismus in Zeiten von rückgängigen Werbeeinnahmen zu finanzieren ist, darüber gibt es unterschiedliche Ansichten. Während man laut Verleger Eugen Russ Österreich zwar noch als "Insel der Seligen" identifiziert könne, reiche ein Blick über die Grenzen, um zu erkennen: "Die Situation ist ernst." Pay-Walls, die Nutzung von User Generated Content (UGC) oder Onlineauftritte als kuratierte Angebote: Die Eröffnungsdiskussion beim dritten "Tag des Qualitätsjournalismus" am heutigen Dienstag in Wien streifte vieles, einig wurde sich das Podium allerdings selten.

So wurde etwa der Bereich des UGC einerseits als Chance, andererseits als klar überbewertet aufgefasst: "derStandard.at"-Geschäftsführerin Gerlinde Hinterleitner sah darin "das nächste große Ding, und zwar in ganz anderer Form, als wir es uns derzeit vorstellen. Das wird den gesamten journalistischen Prozess über den Haufen werfen." Thomas Götz von der "Kleinen Zeitung" verwies hingegen auf "unsägliche Postings", die man von den Webseiten herausfiltern müsse, und "überzogene Erwartungen", die sich in den vergangenen zehn Jahren nicht erfüllt hätten.

"Online den Onlinern"


Um die Innovation im Online-Bereich zu fördern, ist laut Kommunikationswissenschafter Josef Trappel jedenfalls "Online den Onlinern" zu übergeben: "Die experimentieren damit, spielen mit diesem Material." Ein Weg, den auch "derStandard.at" vorgegangen sei, als man Mitte der 1990er den Webauftritt startete. Das Erfolgsrezept definierte Hinterleitner allerdings recht radikal. "Wir haben uns rücksichtslos kannibalisiert", identifizierte sie das "von vornherein journalistisch verstandene Projekt" als Konkurrenz zum eigenen Printprodukt. Künftig werde auch aktuelle Berichterstattung in erster Linie online zu finden sein. "Gedruckt wird nur noch, was es auch wert ist, gedruckt zu werden."

Doch wer ist dafür zuständig? Wie viele Redakteure werden künftig noch vorhanden sein? Zwar könne man konstatieren, dass Qualität von Quantität abhängig sei, so "Presse"-Chefredakteur Rainer Nowak. "Aber mehr Redakteure bedeuten nicht sofort ein besseres Produkt. Es kommt auf die richtigen Leute an." Außerdem sei Qualitätsjournalismus "keine Domäne der Printzeitungen. Egal wo, es muss ihn geben." Um dies auch erkenntlich zu machen, regte er bei dem vom Verband Österreichischer Zeitungen (VÖZ) gemeinsam mit dem Manstein Verlag veranstalteten Symposium die Gründung eines Preises an, der das "Handwerk Journalismus" auszeichne.

Liessmann: "Kuratierter Gesamtauftritt"

Die Zustimmung aller fand an diesem Vormittag jedenfalls Philosoph Konrad Paul Liessmann. In seiner Keynote erläuterte er seine Vorstellung eines Qualitätsjournalismus als "kuratierten Gesamtauftritt", egal ob on- oder offline. Dabei gelte es auch ganz traditionelle Eigenschaften der Profession zu berücksichtigen, von der Recherche bis zur Selektion. "Ein Medium, das nur Nachrichten addiert und diese nicht aufeinander beziehen kann, ist nichts wert." Ebenso betonte Liessmann den Reiz eines eigenen Stils, einer eigenen Sprache, um Leser zu binden, sowie die Bedeutung der Redaktion als "in sich stimmiges System": "Wer Redaktionen schwächt, verkleinert, mag im ökonomischen Sinn sparen, aber es geht immer auf Kosten der Qualität. Es gibt keinen eingesparten Qualitätsjournalismus."

VÖZ-Präsident Thomas Kralinger warnte in seinem Eröffnungsstatement vor einer "Verzwergung der österreichischen Medienlandschaft" und forderte ein klares Bekenntnis der Politik zu einer höheren Presseförderung. „Es muss in unser aller Interesse sein, inhaltliche Vielfalt und journalistische Qualität am österreichischen Medienmarkt zu erhalten. Presseförderung ist eine gesellschaftspolitische Maßnahme und nicht Wirtschaftsförderung."

Mehr für die Inseratenkunden

Man müsse seinen Inseratenkunden heutzutage Dinge bieten, die man vor Jahren nicht bieten musste, konstatierte "Format"-Chefredakteur Andreas Lampl. Während Lampl diese Entwicklung "wertneutral" feststellte, kritisierte der Präsident des Staatsschuldenausschusses, Bernhard Felderer, die immer häufigere "Anpassung der Redaktion an das Anzeigenumfeld" und beanstandete, dass Werbung und redaktioneller Text oft nicht klar getrennt seien.

Georg Wailand, stellvertretender Chefredakteur und Wirtschaftschef der "Kronen Zeitung", warnte, dass die Situation der Medien "viel ernster" sei, als oft dargestellt und die Zeitungen gut beraten seien, sich auf die neuen Gegebenheiten einzustellen. In Zukunft werden Vertriebserlöse eine deutlich größere Rolle spielen und Inhalte müssten sowohl im Print- wie im Onlinesektor bezahlt werden. Allerdings werden sich nur jene Zeitungen durchsetzen, die unique Angebote bieten, zeigte sich Wailand überzeugt.

Wirtschaftsberichterstattung wichtiger

Auch Lampl meinte, den Medien stünde heute deutlich weniger Geld zur Verfügung als früher, was sich oft in reduzierten Umfängen wiederspiegle. Die schwierigere Übung sei es, den gleichen Umfang und die gleiche Qualität mit weniger Kosten zu produzieren. Grundsätzlich habe vor allem Wirtschaftsberichterstattung in den vergangenen Jahren enorm an Bedeutung gewonnen, konstatierte ORF-Magazinchefin Waltraud Langer. Dennoch gebe es aber noch immer eine große Unwissenheit unter Publikum und Journalisten zu Wirtschaftsthemen. Felderer sprach von einer "fantastisch geringen" Vorbildung der Bevölkerung in wirtschaftlichen Dingen. Hier sei der Staat gefragt, der für eine bessere wirtschaftliche Vorbildung in der Schule sorgen müsse.

Die Medien könnten für die Versäumnisse in der Schule nicht einspringen, meinten Lampl und Langer, sondern lediglich Hilfestellung geben. Wailand sieht die Verantwortung der Medien darin, spannende Wirtschaftsgeschichten zu erzählen und die Dinge in den richtigen Zusammenhang einzuordnen, Informationen könne sich heutzutage schließlich jeder aus dem Internet holen.

(APA)
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