Tabubruch – nur für Destabilisation
 

Tabubruch – nur für Destabilisation

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Jenseits des HORIZONT.

Tabubrüche allenthalben. Von Trump über den Chefredakteur der Welt zum AfD-Führer Hocke, Tabubrüche in den sozialen Medien, in allen öffentlichen Diskursen. Was Privileg der Kunst und des kritischen Intellekts war, wird zur politischen Strategie des Populismus. Zur Rache des kleinen Mannes an den Eliten.

Was schert mich Anstand, was schert mich Rücksichtnahme?Tabubrüche manifestieren sich in der grausamen Verhärtung und Radikalisierung der Alltagssprache, bis sie zur Gewohnheit werden: Von der Flüchtlingswelle über die Überbevölkerung und die Mauer bis zur schamlosen Negation demokratischer Prinzipien. Populismus schert sich nicht, was Recht ist.

Erdogan setzt das Sultanat wieder ein, in Frankreich sprechen sich 80 Prozent der Bürger dafür aus, demokratisches Recht zu beugen, wenn es ein/e starke/n Mann/Frau so möchte, in Polen schaltet die herrschende Regierung, scheinbar basierend auf dem Rechtsstaat, konsequent die Opposition aus. Regionalpolitiker dürfen kein drittes Mal zur Wahl antreten, der Oberste Gerichtshof wird nicht einberufen.

In Österreich versucht man das Wahlsystem zu ändern, weniger, um es gerechter zu machen, eher um die Starken unter den Mittelmäßigen zu stärken und deren Macht zu erhalten, obwohl sie auf keiner demokratischen Basis mehr beruht.

Tabubrüche als politisches Statement und uneingeschränkter Narzissmus. Gemeinwohl gilt nicht mehr. Die persönliche Freiheit – ohne eine Chimäre des Konsumzwangs zu sein – steht über allem.Medien geraten in ein Dilemma: Radikalisierung der Sprache oder weiterhin Aufklärung, die zwanghaft scheitern muss. Kann man negieren, was sich in den sogenannten sozialen Medien ereignet?

Soll man den klassischen Prinzipien der Wahrheit und Aufklärung treu bleiben, oder muss man mitmachen beim Eskalationsspiel – auf die Gefahr hin den Tabubruch öffentlich zu legitimieren, nur indem man auf ihn hinweist? Paul Watzlawick hätte das „selbsterfüllende Prophezeiung“ genannt. Ein Paradox.

In Deutschland hat unlängst ein Urteil des Verfassungsgerichtshofes eine Diskussion ausgelöst. Ein Verbot der NPD wurde abgelehnt, da diese eine zu vernachlässigende Größe sei. Optimistisch interpretiert: Die Demokratie und Mündigkeit der Bürger sind stark genug, um sich gegen die NPD zu wehren. Das Urteil scheint bemerkenswert in Zeiten des Tabubruchs. Es ist ein mutiges Urteil. 

Vielleicht würde es Medien guttun, Fake News und ähnliche Shitstorms zu negieren und bei dem zu bleiben, was Sache ist: Informieren, unterhalten, manchmal auch zerstreuen. Stellen wir uns vor, auf Hetze wird nicht mehr mit Gegenhetze reagiert. Dann geht die Rechnung jener Populisten – deren einziges Ziel das Brechen von Tabus und zu destabilisieren ist – nicht mehr auf.Einen Versuch wäre es wohl wert. Und einen Aspekt, den man bei der neuen Presse- und Medienförderung bedenken könnte. Auch ein Tabubruch. Oder?
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