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Suche nach ORF-Radio-Wirtschaftschef lässt Wogen hochgehen

Beim Hearing für die Besetzung des Radio-Wirtschaftsressortleiters soll es zu Unregelmäßigkeiten, unter anderem wurden Juroren kurzfristig durch andere Vertreter ersetzt, und einem überraschenden Sieger gekommen sein - Zentralbetriebsrat will die Causa in den nächsten Tagen prüfen

Die Suche nach einem Wirtschaftsressortleiter im ORF-Radio lässt die Wogen hochgehen. Grund dafür ist nach einem "Standard"-Bericht das offizielle ORF-Hearing, bei dem es zu Unregelmäßigkeiten und einem überraschenden Sieger gekommen sein soll. Die ORF-Geschäftsführung weist dies zurück. Radiodirektor Karl Amon ließ ausrichten, dass er dazu derzeit nichts sagen wolle. Kritik kam vom Redakteursrat.

Seit Ende 2014 ist der Posten des Radio-Wirtschaftschefs vakant, als der bisherige Ressortleiter Michael Csoklich im Zuge der ORF-Handshake-Regelung aus dem öffentlich-rechtlichen Sender ausgeschieden war. Bürgerliche ORF-Stiftungsräte hatten der ORF-Führung geraten, den Planposten nicht nachzubesetzen, so lange die neue ORF-Organisationsstruktur und das neue Ö1-Channel-Management nicht feststehen. Vor diesem Hintergrund wurde der Posten, zu dem auch die Leitung der Ö1-Sendereihe "Saldo" gehört, befristet ausgeschrieben.

Juroren ausgetauscht

Mitte März stimmte die Redakteursversammlung der Radio-Information nach einem informellen Hearing über die Kandidaten ab und empfahl Christian Williwald als neuen Wirtschaftsressortleiter. Williwald, Nadja Hahn und Volker Obermayr gelten auch als Favoriten von Radiodirektor Amon und Radio-Chefredakteur Hannes Aigelsreiter. Das Votum der Redakteursversammlung ist bei der Bestellung für Radiodirektor und ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz freilich nicht bindend. Die ORF-Geschäftsführung trifft ihre Entscheidung auf Basis eines offiziellen ORF-Hearings, das schließlich in der Vorwoche stattfand.

Dabei sollen laut "Standard" kurzfristig und auf Initiative der zentralen Hauptabteilung Human Resources zwei Juroren ausgetauscht worden sein. Statt TV-Wirtschaftsressortleiter Christoph Varga wurde der steirische Landesdirektor Gerhard Draxler nachnominiert und statt der Wiener Landesdirektorin Brigitte Wolf ORF eins-Infochefin Lisa Totzauer. Als weitere Assessoren fungierten TV-Magazinchefin Waltraud Langer sowie Radio-Chefproducer Werner Dujmovits. Das Ergebnis des Hearings brachte schließlich eine Überraschung. Ö3-Chef vom Dienst Rupert Kluger schnitt nach Meinung der Juroren am besten ab. Kluger begann als Redakteur, Redakteurssprecher und Moderator im Landesstudio Oberösterreich und wechselte mit Kurt Rammerstorfer 2002 nach Wien, als dieser unter der ÖVP-nahen Generalin Monika Lindner Radiodirektor wurde.

ORF-Chefetage: Korrektes Hearing

Während die ORF-Geschäftsführung von einem korrekten Hearing spricht, gehen im ORF-Radio die Wogen hoch. Von einer "geschobenen Partie" sprach ein Radiojournalist gegenüber der APA. Als Hintergrund werden ÖVP-Begehrlichkeiten auf den Posten vermutet. "Die Redakteursvertretung hat schon mehrfach diese Form von Hearings kritisiert", meinte Redakteursratsvorsitzender Dieter Bornemann am Montag. "Kriterien und Besetzung sind nicht nachvollziehbar und am Ende gewinnt offenbar immer der Kandidat, den sich die Geschäftsführung wünscht. Da mag man nicht an Zufälle glauben", kritisierte Bornemann.

"Das stimmt natürlich nicht", wies ORF-Kommunikationschef Martin Biedermann die Vorwürfe zurück. Bei der Auswahl der Hearing-Juroren wurde demnach darauf bedacht genommen, dass nicht potenzielle Vorgesetzte oder Mitbewerber um Posten in einer künftigen multimedialen Organisationsstruktur bei der Beurteilung der Bewerbern mitentscheiden. Sowohl TV-Wirtschaftschef Varga als auch der neue Radio-Wirtschaftschef sind mögliche Kandidaten für den künftigen Multimedia-Ressortchef Wirtschaft. Und der ORF dementiert auch Parteibegehrlichkeiten in der Causa. "Es gibt keine Personalwünsche von irgendeiner Partei", so Biedermann.

Parteieneinfluss deutete vergangene Woche hingegen der vom Hearing ausgeladene Christoph Varga an. "Redakteursvertreter berichten mir und ich selbst beobachte, dass der Appetit der Parteien bei Mitbestimmung bei Jobs im ORF gerade wieder größer wird. Diesen Appetit gilt es zu verderben. Große Nähe zu einer Partei und kritischer Journalismus schließen sich aus. Der ORF gehört den Österreicherinnen und Österreichern und nicht einzelnen Parteien", sagte Varga bei der Auszeichnung mit dem Horst-Knapp-Preis für Wirtschaftspublizistik.

Moser ortet "massives Problem"

ORF-Zentralbetriebsratsobmann Gerhard Moser ortet um die Suche nach einem neuen Wirtschaftsressortleiter für das ORF-Radio ein "massives Problem" und will die Causa in den nächsten Tagen prüfen. "Leider ist es nicht der erste Fall, dass es bei ORF-Hearings fragwürdig zugeht", erklärte Moser.

"Auch diesmal wurden entgegen allen Verpflichtungen Hearing-Ergebnisse öffentlich gemacht. Das ist der eine Punkt, der zweite Punkt ist zumindest ebenso problematisch, wenn nicht noch gravierender. Sollte auch nur ein Bruchteil der öffentlichen Vermutungen über dieses Personalauswahlverfahren zutreffen, und auf den ersten Anschein ist es mehr als das, stehen wir im ORF vor einem massiven Problem", meinte der Betriebsratschef.

"Hier werden sowohl Glaubwürdigkeit und Seriosität der Personalauswahlverfahren beschädigt, als auch Ruf und Integrität von Kollegen sowie letztlich die Unabhängigkeit der Berichterstattung in Zweifel gezogen, wenn hier parteipolitische Begehrlichkeiten im Spiel sein sollten." Der Zentralbetriebsrat werde sich in den nächsten Tagen "bis ins Detail mit den Vorgängen rund um dieses Hearing befassen und dann die notwendigen Konsequenzen ziehen", erklärte Moser.
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