Sturm im Wasserglas?
 

Sturm im Wasserglas?

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Die Funke Medien­gruppe versucht neuerlich Bewegung in Österreichs zweitgrößten Medienkonzern Mediaprint zu bringen. Außerdem: Was Sie schon immer über die Mediaprint wissen wollten

Ist die Kampfansage der Funke Mediengruppe der Anfang vom Ende der Mediaprint? Ein Insider sagt „niemals“, ein anderer munkelt „hoffentlich“, der dritte „das ist ein Sturm im Wasserglas“. Was ist geschehen? Funke hat Konsortialverträge aufgelöst, in denen einerseits eine Gewinngarantie für die "Krone" in Millionenhöhe wie auch Stimmrechte zugunsten der Verlegerfamilie Dichand Raum finden.

Natürlich ist anzunehmen, dass sich die Familie Dichand ­diesem Schritt vehement widersetzen wird, auch wenn von Christoph Dichand bisher schlicht „kein Kommentar“ zu hören ist. Die Ausjudizierung von Konflikten dieser Art dauert bekanntermaßen eine Zeit. Seit 2003 schwelen die Konflikte zwischen den Gesellschaftern der Mediaprint. Diese sind die Eigentümer der Mediaprint-Mutter "Krone", zur Hälfte also Funke (vormals WAZ) und zur Hälfte die Familie Dichand, und der zweiten Mediaprint-Mutter "Kurier", knapp mehrheitlich im Eigentum von Raiffeisen und ebenso Funke.

Der Frieden, der zuletzt Anfang 2013 zwischen den Eigentümern der Mediaprint geschlossen wurde, hat also nicht lange gehalten. 2013 hatte man sich nach langem Hin und Her auf Christoph Dichand als Chefredakteur der "Krone" und Georg Wailand als seinen Co geeinigt.

Weiters wurden gegen Dichands Willen von Funke wie auch "Kurier" und Raiffeisen (dezent) höhere Abopreise bei der "Krone" durchgesetzt. Das war nicht leicht, immerhin hatte die "Krone" in den zehn Jahren zuvor rund zehn Prozentpunkte ihrer Reichweiten (von 43,8 auf 34,3 Prozent) und damit an Marktwert und Ertragskraft verloren – Fellners "Österreich", Eva Dichands "Heute" und der Rückgang von Werbegeldern in Printmedien trugen ihren Teil dazu bei.

'Krone': Sehr sehr erfreuliche Geschäftsentwicklung

Wenn auch von Krone-Seite aktuell zu hören ist, dass das Geschäftsjahr 2013/14 „sehr sehr erfreulich“ sei und Umsätze wie Gewinn leicht über dem Vorjahr liegen würden. Mit der Kün­digung der Konsortialverträge durch Funke ist nun die Gewinngarantie in Millionenhöhe am Tisch, die Hans Dichand vor Jahrzehnten für die "Kronen Zeitung" ausgehandelt hatte. Diese Garantie wie auch das Thema Stimmrechte sind nun Inhalt des aktuellen Konflikts zwischen Essen und Wien.

Die jüngste Runde hat das Potenzial, zu einer Kräfteverschiebung zu führen und Bewegung in den mitunter blockierten und wenig handlungsfähigen Gesellschafterkreis der Mediaprint zu bringen. Eine mögliche positive Entwicklung ist dabei, dass sich der größte österreichische Medienkonzern zukunftsfit macht und einige dringend notwendige Reformen vorantreibt, damit, wie es ein Beteiligter anspricht, so „endlich Dynamik in den Ausbau neuer Geschäftsfelder“ kommt.

Natürlich bleibt auch die Variante eines Verkaufs diverser Anteile in den nächsten Jahren ein Thema. Zuletzt war allerdings der einzig interessierte Käufer Christoph Dichand, der Funke maximal 100 Millionen, so ein Insider, zahlen wollte. Auf der anderen Seite würde ein Ende der Sonderrechte die "Krone"-Gesellschafteranteile, so ein Eingeweihter zu HORIZONT, „zum hochinteressanten Gut machen“.

Und was will Funke?

„Alles ist möglich: Kauf, Verkauf, was immer“, so die kryptische Ansage von Funke-Sprecher Tobias Korenke. Von wohlinformierter Seite hingegen hört man: „Das alles ist ein Sturm im Wasserglas.“ Im operativen Management wird es ohnehin keine direkten Auswirkungen auf das Geschäft geben – wenn, dann frühestens in zwei bis drei Jahren, wenn die Sache ausjudiziert ist. Ob der Syndikatsvertrag überhaupt kündbar ist, werden jetzt Rechtsexperten feststellen.

Und weil die Materie Mediaprint so komplex ist, bereitet HORIZONT einige wesentliche Fragen auf:

Was ist die Mediaprint eigentlich – und warum ist immer so ein Getöse um sie?

Die Mediaprint ist Österreichs marktbeherrschender Tageszeitungskonzern. Im Wort marktbeherrschend ist wohl auch die ganze Aufregung zu ­finden, denn Vormachtstellungen erregen immer Aufmerksamkeit, Widerstand und Kritik. Mit rund 430 Millionen Euro Umsatz im gebrochenen Geschäftsjahr 2012/13 und einem Gewinn, der laut Insidern in ebendiesem Jahr ein knapp zweistelliger Millionenbetrag war, lag die Mediaprint zuletzt deutlich hinter dem ORF (etwa eine Milliarde Euro Umsatz), aber auf Rang zwei der öster­reichischen Medienhäuser.

Die Mediaprint ist als Konstrukt ein höchst erfolgreiches medienwirt­schaftliches Modell. Warum? In der ­Mediaprint sind alle geschäftlichen ­Aktivitätender beiden Hälfteeigentümer "Kronen Zeitung" und "Kurier" gebündelt. Zu diesen zählen die Druckereien, IT, Vertrieb und Anzeigengeschäft, nur die Redaktionen und kleine Teile des Verlagsmarketings finden sich bei Krone und "Kurier" selbst. Die Mediaprint ist aber eben eine sehr starke Tochter, der praktisch, so in „Österreichs Medienwelt“ nachzulesen, bis zu den Stühlen im Haus alles gehört. Die beiden Tageszeitungen Nummer eins und zwei fusionierten ohne große Einsprüche, da das Kartellrecht im Mai 1988 wenig ausgeprägt war.

Wo kam die WAZ (heute Funke) plötzlich her?


Hans Dichand, der gleich zu Beginn Kurt Falk mit an Bord der "Krone" geholt hatte, wollte diesen nach einigen Jahren wieder loswerden, sprich auszahlen. Dafür hielt Dichand nach einem geeigneten Partner Ausschau – fast hätte man sich mit dem Heinrich Bauer Verlag (Cosmopolitan, Bravo, TV Movie, ...) ins Boot gesetzt, aber schließlich wurde kurzfristig im Enspurt die WAZ zum Partner auserkoren. 1988 beteiligte sich die WAZ auch beim "Kurier" und gemeinsam gründete man die Tochter Mediaprint.

Wer bestimmt denn nun in der Mediaprint?

Das relevante Entscheidungsgremium der Mediaprint ist der Gesellschafterausschuss (GAS), ein Ausschuss, zu dem keine Mitarbeitervertreter Zugang haben. So sitzen sechs Mitglieder im GAS, die sich fünf Mal jährlich treffen. Für die "Krone" sind dies Christoph Dichand und der langjährige Wegbegleiter von Hans Dichand, Wolfgang Altermann, für den "Kurier" Michael Grabner, Michael Grabner Media, und Erwin Hameseder für die Raiffeisen-Holding NÖ-Wien; für die Funke Mediengruppe der Rechtsanwalt Andreas Urban, Kanzlei Heuking Kühn Lüer Wojtek, sowie zuletzt Funke-­Manager Thomas Ziegler.

Ziegler wurde kürzlich von Aldi Süd in Deutschland abgeworben, seine Nachbesetzung ist offen. Im GAS wird diskutiert, gestritten, geschwiegen und, wenn alles gut geht, auch einiges beschlossen, in den letzten Jahren dürfte jedoch eine gewisse Lähmung vorherrschend gewesen sein.

Wie sieht die Gewinnaufteilung in der Mediaprint aus?


Hier gibt es eine vertragliche Vereinbarung, dass die Gewinne der Mediaprint im Verhältnis 70 zu 30 zwischen "Krone" und "Kurier" aufgeteilt werden. Ein Punkt, der viele Jahre der Unzufriedenheit auf "Krone"-Seite hervorrief, „allerdings inzwischen bei einem Schweizer Schiedsgericht endgültig ausjudiziert wurde“, so ein Informierter.

Wer streitet denn eigentlich?

Dazu zunächst ein Statement von Ex-Raiffeisen-General Christian Konrad, das im April im HORIZONT zu lesen war: „Die Mediaprint ist eine Konstruktion, die – obwohl sie ein Vertragswerk ist – sehr viel auf gegenseitigem Vertrauen und Verständnis aufgebaut ist. Das ging zunehmend verloren, und daher ist die gesamte Situation sehr schwierig.“ Zusätzlich dürften wirtschaftliche Veränderungen dem Vertrauen zusetzen.

Das Verhältnis ‚Krone‘, ‚Kurier‘, Raiffeisen

Gestritten wird seit Jahren, es gibt eine Vielzahl von Fronten. Ein Thema, das zwischen "Krone" und "Kurier" beziehungsweise dessen Hälfteeigentümer (50,56 Prozent) Raiffeisen jahrelang für miss­liche Stimmung sorgte, war die Gewinnaufteilung. Im Grunde ist der "Kurier" ganz gut ausgestiegen, er hat deutlich weniger Reichweite als die "Krone" und ist nicht so ertragreich, erhält aber 30 Prozent des Gewinns.

Seine Mitgift für das gemeinsame Abenteuer Mediaprint im Jahr 1988 war die damals hochmoderne Druckerei in Wien-Inzersdorf. Der "Kurier" profitiert aber nicht nur in der Konstellation, schließlich muss er wiederum die teuren Hauszustellungen für täglich knapp 700.000-"Krone"-Abonnenten mittragen und wurde immer wieder auch in seiner Entwicklung gehemmt, etwa was die Offensive in westlichen Bundesländern betrifft. All das scheint allerdings derzeit kein Thema zu sein. „Wir sind mit den Verträgen sehr zufrieden“, ist von "Kurier"-naher Seite zu hören.

Das Verhältnis Funke zu 'Krone'


Wesentlich emotionaler und verkrusteter ist das Verhältnis zwischen der Funke Mediengruppe und den Dichand-Erben. Noch ist allerdings der 2010 verstorbene Hans Dichand Firmenbesitzer, was wiederum auf Uneinigkeit im Hinblick auf sein Erbe hindeutet. Übrigens hat man in Österreich für die Abwicklung von Erbschaften nahezu unbegrenzt Zeit, in Deutschland würde innert kurzer Zeit ein Testamentsvollstrecker eingesetzt.

Die Erben sind jedenfalls Dichands Frau Helga Dichand und die Kinder Michael Dichand, der Älteste und Bio-Landwirt, die kunstversierte ­Johanna Dichand, die Mittlere, und "Krone"-Chefredakteur Christoph Di­chand. Man streitet mit Funke über alles Mögliche und das meist vor Schweizer Schiedsgerichten. Eine Rolle spielt wohl auch der Wandel der Zeit oder besser der Umstand, dass die Mediaprint ein Produkt der „fetten Jahre“ ist.

Jährliche Umsätze deutlich über 500 Millionen und Gewinne jenseits der 30 Millionen waren bis tief in die 2000er-Jahre normal. Wer Geld ins Haus bringt, der kann sich mitunter einiges herausnehmen. Auch daran mag es gelegen haben, dass Hans Dichand diverse Sonderrechte und -verträge ohne großen Widerspruch durchsetzen konnte. Zu diesen zählen die letzte Woche von Funke gekündigten Konsortialverträge. „Ja, wir haben diese gekündigt, und ja, wir haben das getan, weil wir uns von diesem Schritt Erfolg versprechen“, so Unternehmens­sprecher Korenke.

Worum geht es in den von Funke nun gekündigten Verträgen?


Eine Person mit Einblick meint, dass vor allem zwei rechtliche Themen wesentlich seien: einerseits die Bindung des Abstimmungsverhaltens, will heißen, die Dichand-Seite konnte davon ausgehen, dass sie gemeinsam mit Funke ihren Standpunkt innerhalb der Mediaprint im Regelfall gegen Raiffeisen durchsetzen konnte. Das bedeutete aber auch eine Schlechterstellung von Raiffeisen im Gesellschafterausschuss.

Der zweite Punkt betrifft eine von Hans Dichand ausgehandelte Gewinngarantie. Diese wurde in den ­Gesellschafterverträgen der WAZ den "Krone"-Gründern zugesichert, auch wenn die "Krone" möglicherweise nicht ausreichend erfolgreich wirtschaftet. Zu Dichands Lebzeiten betrug diese rund zehn Millionen Euro jährlich. Ein Eingeweihter glaubt, dass sie derzeit bei der Hälfte liegt.

Wie geht’s weiter?

Jetzt wurden einige wesentliche vertraglichen Vereinbarungen von der Funke-Gruppe einseitig aufgekündigt: Die wesentlichsten sind die Gewinngarantie an die Dichands und die eben erwähnte Stimmbindung im Gesellschafterausschuss der Mediaprint. In jedem Fall wird die Kündigung eine Reihe von Gerichtsverfahren und/oder Schiedsgerichten nach sich ziehen. Regulär aufgelöst werden können übrigens die Gesellschafterverträge der Mediaprint im Jahr 2017, allerdings nur zum Buchwert, es sei denn, man einigt sich anderweitig. Eine Auflösung zum Buchwert wäre aber „wirtschaftlicher Selbstmord“, wie eine Quelle HORIZONT gegenüber betont.

Dieser Artikel erschien bereits am 10. Oktober in der HORIZONT-Printausgabe 41/2014. Hier geht’s zur Abo-Bestellung.

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