Start mit 'Misstrauensvorschuss': Weißmann wi...
 
Start mit 'Misstrauensvorschuss'

Weißmann will Interventionen 'ganz klar zurückweisen'

APA
'Ich empfinde Demut und Respekt vor der großen Aufgabe'
'Ich empfinde Demut und Respekt vor der großen Aufgabe'

Ab 2022 agiert Roland Weißmann als ORF-Generaldirektor an der Spitze des größten Medienunternehmens des Landes. Nach aufgekommener Kritik will der neue ORF-Chef 'an seinen Taten gemessen werden'.

Vergangene Woche setzte er sich im Stiftungsrat mit türkis-grüner Unterstützung gegen den langjährigen Amtsinhaber Alexander Wrabetz durch. Im APA-Interview erklärt der 53-jährige gebürtige Linzer, wie er die Wogen nach dem hitzigen "Wahlkampf" glätten will und was er von kritischen Fragen vonseiten ORF-Journalisten hält.

Wie fühlt man sich als frisch gewählter Alleingeschäftsführer des größten Medienunternehmens des Landes?
Roland Weißmann: Ich empfinde Demut und Respekt vor der großen Aufgabe, bin aber gleichzeitig zuversichtlich und voller Vorfreude.

Wenn Sie auf den Bestellvorgang und die damit verbundene Begleitmusik zurückblicken, kam das Ansehen des ORF im Zuge des "Wahlkampfs" zu schaden?
Weißmann: Die große Aufmerksamkeit zeigt, der ORF ist noch immer sehr relevant in Österreich. Natürlich ist es eine sehr verantwortungsvolle Position und natürlich wünscht man sich keine negative Berichterstattung. Wir werden alle gemeinsam ab sofort dran arbeiten, wieder mit dem in die Schlagzeilen zu kommen, wofür wir da sind: Nämlich das beste Programm im Radio, Fernsehen und online zu machen. Ich bin mir sicher, dass wir das auch schaffen werden.

Der ORF wurde nach der Wahl unverhohlen als "parteipolitisches Schlachtfeld" bezeichnet und von so manchem Gebührenzahler wohl auch so wahrgenommen. Gewichtige Bewerber aus dem Ausland trauten sich nicht aus der Deckung. Ist es Zeit für eine wahre Entpolitisierung des ORF?
Weißmann: Ich würde zum Beispiel Harald Thoma nicht als ungewichtigen Bewerber bezeichnen. Man muss die Kirche im Dorf lassen. Es war eine demokratisch und gesetzlich völlig legitimierte Bestellung eines Vorstands. Und alle fünf Jahre gibt es rund um diese Bestellung intensive, auch politische Debatten. Natürlich wird man sich, wenn man sich für so eine Position bewirbt, allen kritischen Fragen stellen - jetzt und in Zukunft.

Ist es zeitgemäß, dass ein "Freundeskreis" wie derzeit der bürgerliche mit wenigen ihm nahestehenden unabhängigen Stiftungsräten auf eine Mehrheit im obersten ORF-Gremium kommt und dann haargenau entlang der "Freundeskreis"-Grenze ein bestimmtes Konzept als das beste erachtet?
Weißmann: Es ist ein demokratisch legitimierter Vorgang. Es ist im Gesetz geregelt, das liegt auch nicht in der Sphäre des ORF oder seines Managements.

Sie wären bei der im Raum stehenden ORF-Gesetzesnovelle dafür, dass der Entsendemechanismus so beibehalten wird und politische Parteien weiterhin ein hohes Gewicht haben?
Weißmann: Darüber kann man diskutieren, aber es ist eine Frage des Gesetzgebers, nicht des ORF. Sollte es hier eine Diskussion geben, werden wir uns einbringen.

Wäre es für das Ansehen des ORF vorteilhafter, wenn nicht die Rede davon sein kann, dass es sich bei der Bestellung des künftigen ORF-Chefs um ein "parteipolitisches Schlachtfeld" handelt?
Weißmann: Schauen Sie sich die aktuellen Zahlen an. Für mehr als 90 Prozent der Österreicher ist der ORF täglich die wichtigste und vertrauensvollste Informationsquelle, und ich stehe dafür, dass das so bleibt. Das ist entscheidend. Darüber hinaus kann man über alles diskutieren.

Screenshots belegen, dass Sie gleichzeitig mit dem Medienbeauftragten im Kanzleramt, Gerald Fleischmann (ÖVP), bei einem Treffen des bürgerlichen "Freundeskreises" waren. Sie meinten, dass es ganz normal sei, sich mit Stakeholdern auszutauschen. Wo enden "ganz normale Gespräche mit Stakeholdern" und beginnen politische Interventionen oder Begehrlichkeiten, die man öffentlich machen sollte?
Weißmann: Ich habe es von Anfang an klargestellt. Natürlich spricht man mit Stakeholdern, seien es Aufsichtsorgane oder auch politische Entscheider. Da geht es in aller Regel um Dinge, die der ORF will und nicht umgekehrt und es gibt keine Absprachen. Ich führe wie alle ORF-Manager vor mir Gespräche im Interesse des Unternehmens.

Als Reaktion auf Ihre Bestellung las man, Sie seien nun mit einem "Misstrauensvorschuss" konfrontiert und stünden unter genauer Beobachtung. Wie wollen Sie dem begegnen und die Unabhängigkeit der Redaktion wahren?
Weißmann: Die Unabhängigkeit der Redaktion wahre ich, indem ich darauf achte, dass die Eckpfeiler im Redaktionsstatut und ORF-Gesetz - Unabhängigkeit, Objektivität und Binnenpluralismus - auf Punkt und Beistrich eingehalten werden. Die Redaktionen sind weisungsfrei. Sollte jemand intervenieren, wird man sich anschauen, ob ein Fehler passiert ist. Ist das der Fall, wird man im Sinne einer Fehlerkultur darauf reagieren. Politische Interventionen werde ich ganz klar zurückweisen.

Und der Misstrauensvorschuss?
Weißmann: Ich habe in den vergangenen Tagen und Wochen auch viel Zuspruch und Vertrauen erfahren. Und dort, wo das noch nicht der Fall war, werde ich ab sofort daran arbeiten, das Vertrauen zu gewinnen. Ich fühle mich den tollen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Hauses und dem Publikum verpflichtet und im Rahmen der Geschäftsführung auch dem Stiftungsrat. Was in den letzten Wochen zu lesen war, sind im Wesentlichen Spekulationen. Ich sage, messen Sie mich an meinen Taten.

Im Anschluss an Ihre Bestellung wurden Sie in Interviews mit den ORF-Journalisten Armin Wolf als auch Stefan Kappacher nicht geschont. Ein gutes Zeichen?
Weißmann: Es ist der Beweis dafür, was ich immer sage: Der ORF ist unabhängig, die Journalisten sind weisungsfrei und berichten objektiv. Das wird es jetzt und auch in Zukunft geben, und ich werde mich weiterhin Diskussionen stellen, öffentlich und auch intern.



Die Mediensprecherin der Grünen, Eva Blimlinger, hat im "Standard" preisgegeben, dass mit der Zustimmung zu Ihrer Bestellung sich die Möglichkeit, bei Führungsteams ein gewichtiges Wort mitzureden, ergebe und so der Einfluss der ÖVP möglichst geschmälert werden solle. Betrachtet man das Wahlergebnis - alle drei grün-nahen Stiftungsräte haben für Sie gestimmt -, drängt sich der Verdacht auf, dass es so abgelaufen sein könnte.
Weißmann: Es haben mich 24 Stiftungsräte aus drei politischen Fraktionen gewählt. Es waren Unabhängige und Betriebsräte dabei. Ich kann auf sehr breite Unterstützung zurückgreifen, das war auch immer mein Ziel. Das ist das Einzige, was ich dazu sagen kann.

Es gab keine Absprachen mit Frau Blimlinger?
 Weißmann: Mit mir nicht.

Hätten Sie für Ihre Mitbewerber Thomas Prantner und Lisa Totzauer Platz im Management?
Weißmann: Ich habe mit beiden immer gut zusammengearbeitet und denke, dass es auch in Zukunft so sein wird.

Bietet es sich mit Inbetriebnahme des multimedialen Newsrooms an, dass die Radiodirektion adaptiert wird?
Weißmann: Das ist eine Möglichkeit, die ich mir offen lasse.

Setzen Sie in Hinblick auf den ORF-Player auf Kooperation? Bekommen die privaten Marktteilnehmer ein Fenster, wie es Wrabetz mal skizziert hat, oder schwebt Ihnen eher ein großer Austro-Player vor?
Weißmann: Die Richtung ist seit einiger Zeit eingeschlagen. Ich sehe es so wie der amtierende Generaldirektor, also eine ORF-Plattform, die aber in vielfacher Hinsicht für Kooperationen mit anderen Medien offen ist. Wir müssen gemeinsam nachdenken, wie wir künftig noch besser kooperieren können. Wir sollten uns keine Schranken auferlegen.

Die privaten Marktteilnehmer haben die ORF-Gesetzesnovelle und deren Auswirkung auf den Markt genau im Blick. Wo sind Zugeständnisse an VÖZ (Verband Österreichischer Zeitungen) und VÖP (Verband Österreichischer Privatsender) denkbar, und wo werden Sie nicht nachgeben?
Weißmann: Ich wäre ein schlechter Verhandler, wenn ich das jetzt über die Medien ausrichten würde. Tatsächlich habe ich gute Signale von VÖZ und VÖP bekommen. Sie freuen sich auf die gemeinsame Zusammenarbeit und sind positiv gestimmt.

Sie treten für ein Ende der Streaminglücke ein. Wrabetz hat gemeint, man darf sich das Ende dieser nicht als "Handysteuer" vorstellen. Wie stellen Sie es sich konkret vor?
Weißmann: Jeder wird verstehen, dass der ORF für das Streaming seiner Produkte eine gewisse Finanzierung braucht, zumal dieser Anteil der Nutzung stetig zunimmt. Es geht darum, dass Medien immer mehr auf Smart-TV und Computern konsumiert werden. Hier soll angesetzt werden, nicht am Handy.

Es hat praktisch jeder einen Computer. Dann könnte man ja gleich von einer Haushaltsabgabe sprechen.
Weißmann: Früher hatte praktisch jeder ein konventionelles Fernsehgerät, und man nannte es auch nicht Haushaltsabgabe. Wie man es im Detail löst, ist wieder eine Frage des Gesetzgebers. Wir werden die Diskussion mit der Politik und anderen Stakeholdern führen.

Erwartet die Gebührenzahler ein "GIS-Hammer", wie oe24.at befürchtet?
Weißmann: Nein, die Gebühren liegen auch international im Rahmen und finanzieren die Lieblingsprogramme der Österreicherinnen und Österreicher. Der ORF hat in den letzten Jahrzehnten immer weniger als die Inflation abgegolten bekommen, das heißt, die Gebühren sind real gesunken. Ich setze mich für eine nachhaltige Finanzierung des ORF ein.

Wären Sie offen für ein drittes großes Showformat neben "Dancing Stars" und dem zuletzt revitalisierten "Starmania"?
Weißmann: Auf jeden Fall. Zwei kleine Einschränkungen dazu: Es ist auch eine Frage des künftigen Programmdirektors oder der künftigen Programmdirektorin. Zweitens ist es eine Frage der Finanzierung. Events kosten viel Geld, das wir woanders wegnehmen müssten.

Bahnt sich ein Konflikt in Hinblick auf die Führungspositionen im multimedialen Newsroom an?
Weißmann: Ich kann alle beruhigen: Es wird sicher keinen Konflikt geben. Der amtierende Generaldirektor und ich werden diesen Punkt sehr konsensual im Sinne des unabhängigen Journalismus lösen.

Wrabetz hat nach seiner Abwahl Armin Wolf, Matthias Schrom und Gabi Waldner als äußerst kompetente Personen ins Spiel gebracht, die sich aus seiner Sicht für eine Führungsposition im Newsroom anbieten würden.
Weißmann: Ich kenne alle drei persönlich und halte alle drei für exzellente Journalisten und Journalistinnen. Es kann ja nichts Besseres passieren, als dass sich möglichst viele für die Jobs bewerben.

Sie können auf eine lange Karriere im ORF blicken. Was hat Sie ursprünglich motiviert, Journalist zu werden? 
Weißmann: Ich hab schon als kleines Kind bei meinen Eltern alle Tages- und Wochenzeitungen, die wir zuhause hatten, verschlungen - und das waren viele. Während meines Studiums habe ich immer wieder Praktika bei einer Linzer Regionalzeitung gemacht. Dabei habe ich es sehr spannend gefunden, über Ereignisse für ein großes Publikum zu berichten, sozusagen der Transmitter zu sein. Diese Sehnsucht hat mich bis heute nicht verlassen.

Welches Bild hatten Sie damals vom ORF?
Weißmann: Ehrlicherweise war es so, dass ich meine Zukunft bei einer Tageszeitung gesehen habe. Dann stand ich vor der Möglichkeit, ein einmonatiges Praktikum im Radio und Fernsehen zu machen. Ich hab mir gedacht, na gut, damit du das auch kennenlernst, machst du das Praktikum eben auch noch. Seit diesem Praktikum im Februar 1995 habe ich den ORF nicht mehr verlassen.

Hat sich Ihr Bild vom ORF über die Jahre gewandelt?
Weißmann: Ab dem ersten Tag, an dem ich für den ORF gearbeitet habe, hat sich für mich ein neues Bild festgesetzt, das mich nicht verlassen hat. Ein Moment bewegt mich immer noch. Ich habe als freier Mitarbeiter begonnen. Damals war es eine irrsinnige Auszeichnung für mich, nach einem Jahr eine ORF-Jacke zu bekommen. Da kriege ich heute noch Gänsehaut, wenn ich mich daran erinnere. Das war ein Ritterschlag. Ich sehe es als meine Aufgabe, dieses Feuer an die jungen Kolleginnen und Kollegen weiterzureichen.

Hat bei Ihnen jemand das Feuer entfacht? Haben oder hatten Sie ein Vorbild?
Weißmann: Nicht wirklich. Aber mich inspirieren Menschen, die ihren Weg, auch wenn es einmal Kritik gibt, konsequent fortsetzen und mit Leistung überzeugen.
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