Springer wird Sport und Abo
 

Springer wird Sport und Abo

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Jenseits des HORIZONT

Ab 20. Jänner gibt es die tägliche Fußball Bild in Deutschland. Als klassische, konventionelle Abozeitung. Man stelle sich vor: Fußball Bild in den Kneipen, streitende Fans, die aufgeregt blättern und mit der Faust auf den Tisch knallen. Sport braucht Rumor und Sport braucht Gedrucktes: Standbilder, Foul, Schwalbe, Abseits. Es erinnert an die italienischen Bars von heute. Die Gazzetta, fein in Rosa, ist die meistgelesene Tageszeitung des Landes. Weit vor allen anderen. Und Streitauslöser Nummer eins. 


Springer, eigentlich voll auf dem Digital-Business-Trip, kehrt in die analogen Urzeiten des Print zurück. Mehr noch: Erstmals will man Erfahrungen machen, wie Abos funktionieren. Das hat Springer-Chef Döpfner auch ausdrücklich postuliert: „Wir wollen wissen, wer uns kauft.“ Abonnenten sind von strategischer Bedeutung, gleichgültig ob digital oder konventionell im Print.


Springer ist im Denken wieder einmal vielen voraus: Jede Emotion und jede Botschaft braucht ihr geeignetes Medium. Livesport ist mittlerweile ins Out of Home gewandert: Public Viewing, Kneipen-TV live , in der Gruppe kann man Emotionen ausleben. Die Analyse kommt am Tag später: In den Kommentaren. In der U-Bahn. Im Büro. Im Beisl. Springer schafft das Narrativ. Menschen, die sich gegenseitig mit der Zeitung befetzen: „Da steht aber, dass …“ Schon entsteht der nächste emotionale Schub. 


Was ist dagegen ein Facebook-Like oder eines von vielen Postings? Fußball braucht den haptischen Nächsten. Grün streitet mit Violett und die Adeligen gegen die Hackler. Das geht – so sieht es das Digitalunternehmen Springer – am besten in Papierbegleitung. Man wird sehen wie viele Abonnenten Fußball Bild erreicht. Verkaufspreis ist ein Euro. Das durchschnittliche Bier im Stadion kostet fünf bis sieben Euro.

Das Beisl oder Wirtshaus, dessen Hegemonie die Politik so gern hätte, gehört dem Sport. Und Bild ist dabei. Die Politik sitzt, wenn sie ins Stadion geht, in der VIP-Lounge. Weit weg vom Schuss. Das sehen die Fans dort unten. Fußball Bild kann auch Sprengkraft haben: Politische Meinungsbildung via Fußball, Formel 1 oder Eishockey und Boxen.

Einer kann sich jetzt schon freuen: Red Bull Placement ist garantiert. Springer hat es mit Smart- TV-Fußball am Handy probiert. Es hat semioptimal funktioniert, bleibt aber dennoch ein wichtiger Channel. Auch Videos über bild.de und die angeschlossenen Channels und Social-Media-Kanäle sind notwendig. Eines hat gefehlt: Die Zeitung. Wenn man will, ist das eine Line Extension des Digitalen ins Analoge hinaus.

Viele Digitalunternehmen erkennen das: Airbnb kommt mit einem Reisemagazin heraus, Monocle ist ohnehin ein Erfolgsmodell und die neue Tradition der Quarterlies offensichtlich auch: NZZ und FAZ gehen ins Feld, Voice braucht das Gedruckte als Begleitung zu den TV-Ambitionen. Das soll kein nostalgisches Plädoyer für Print sein. Sondern ein Plädoyer für die Feinabstimmung von Channels und deren Content. Live mitzuerleben wie ein Tor fällt, ist das eine. Unerbittlich am nächsten Tag darüber streiten, ob es korrekt war – das ist das zweite. Wobei Zweiteres fast noch wichtiger ist. 
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