Spielend zur Chancengleichheit
 

Spielend zur Chancengleichheit

Omnis
Die Gestalterinnen Debbie Fry, Verena Edelbacher und Magdalena Bock haben ein Spiel für blinde und sehende Menschen erfunden und wurden dafür mit dem Medien-Zukunftspreis 2015 ausgezeichnet.
Die Gestalterinnen Debbie Fry, Verena Edelbacher und Magdalena Bock haben ein Spiel für blinde und sehende Menschen erfunden und wurden dafür mit dem Medien-Zukunftspreis 2015 ausgezeichnet.

HORIZONT-Serie über die beim Medien-Zukunftspreis ausgezeichneten Projekte - Teil 1: ‚Omnis‘ ist ein Brettspiel, das abseits des digitalen Wandels für ein integratives Spielerlebnis sorgt

Ein liebevoll gestaltetes Brettspiel für Sehende und Blinde mit haptischen Details und einem Spielkonzept, das die Chancengleichheit fördert – das ist das besondere an „Omnis“ – lateinisch für „alles“. Seine Erfinderinnen Debbie Fry, Verena Edelbacher und Magdalena Bock von der Graphischen gewannen dafür ex aequo mit Runtastic den Medien-Zukunftspreis in der Kategorie „Zukunftweisende Denker, Gründer & Lenker“.

HORIZONT: Gratulation zum Medien-Zukunftspreis. Wie war das Gefühl, den Preis auf der Bühne entgegenzunehmen?

Verena Edelbacher: Das Interesse an unserem Projekt hat mich wirklich berührt.

HORIZONT: Habt ihr die Medientage zum Netzwerken genutzt?

Debbie Fry: Nach der Präsentation sind einige Interessenten auf uns zugekommen.

Edelbacher: Aber wir sind ja noch jung und das Medieninteresse war neu für uns.

HORIZONT: Warum habt ihr ein Spiel für Blinde gemacht?

Magdalena Bock: Es gibt Spiele für Blinde, aber nicht in dieser Form.

Fry: Es hat uns interessiert und gereizt. Es war jedes Mal sehr schön, wenn wir unser Spiel blinden Menschen präsentierten und sie begeistert waren und meinten, „toll, daran habt ihr auch gedacht“.

HORIZONT: Ihr habt euer Spiel also an eurer Zielgruppe getestet?

Fry: Im Grunde haben wir die meiste Zeit mit Testen und Verändern verbracht.

Edelbacher: Wir haben viel diskutiert. Bei jeder neuen Idee überlegten wir, wie sich die Dinge umsetzen und produzieren lassen? Wie lässt sich das Spiel verkaufen? Gibt es eine bessere, einfachere Variante? Für jede Entscheidung gab es einen Grund.

HORIZONT: Wie seid ihr in Kontakt mit blinden Menschen gekommen?

Fry: Ich kenne ein blindes Mädchen. Das war der erste Kontakt. Mit ihr haben wir das Spiel oft gespielt. Sie hat sich riesig gefreut und das Spielprinzip schnell verstanden und Ideen eingebracht.

HORIZONT: Wie funktioniert das Spiel?

Fry: Es braucht nicht viel Vorbereitung. Einfach die Karten hineinstecken, Slots und Würfel rausholen und anfangen. Es gibt zwei Spielfiguren, die magnetisch sind und auf dem Spielfeld haften. Im äußeren Kreis sammelt man Punkte und im inneren Kreis sieht man den Spielverlauf. Die Spielfelder repräsentieren die vier Elemente, die wir mit unterschiedlichen Materialien umgesetzt haben – zum Beispiel Moos für das Element Erde, eine raue Oberfläche für Feuer und Karton für Luft.

HORIZONT: Was ist das Ziel des Spiels?

Fry:
Es geht darum im inneren Kreis ans Ziel zu kommen und in seinem Slot alle Elemente im Gleichgewicht zu haben. Auch wenn man im Spiel weit zurückliegt, kann man noch gewinnen, zum Beispiel wenn man die „Omnistase“-Karte zieht, die sofort alles ins Gleichgewicht bringt.

HORIZONT: Damit eine Idee gut umgesetzt werden kann, muss auch die Arbeit im Team gut funktionieren. Wie habt ihr die Kompetenzen untereinander verteilt?

Fry: Jeder hat seine Stärken. Zum Beispiel ist Verena sehr stark im wirtschaftlichen Denken. Dadurch, dass wir fünf Jahre dieselbe Klasse besucht haben, wussten wir wie die andere Person tickt.

Bock: Ich war für die Figuren und das Spielprinzip zuständig. Da ich aus ­einer Familie komme, in der viel ­gespielt wird, habe ich recherchiert, welche Spielmechaniken es gibt, die Spielregeln überlegt und auch die Spielanleitung geschrieben.

Fry: Das war eine gute Basis. Bei der Spielanleitung waren wir bemüht ­alles in einem abzubilden – auf einer Transparentfolie die Brailleschrift und dahinter die Bilder. Da es ein ­Integrationsspiel ist, wollten wir auch nur eine Spielanleitung für Sehende und für Blinde.

Edelbacher:
Ich habe die Illustrationen gezeichnet und eine eigene Schrift entworfen. Wir hatten immer im Hinterkopf das Spiel in den Verkauf zu bringen. Bei der Schrift habe ich etwas entworfen, das auch zum Charakter des Spiels passt – modern, jung und ein wenig mystisch.

Fry: Ich habe Kontakte geknüpft, Termine organisiert und E-Mails geschrieben. Außerdem habe ich mich um das Layout des Spiels gekümmert, aber auch um Dinge wie die Berechnung des Volumens der Kästchen in der Spieleschachtel.

Edelbacher: Wir arbeiten sehr genau, sogar die Anfangsskizzen, die Debbie auf Papiertaschentücher gezeichnet hat, waren perspektivisch perfekt gezeichnet.

Fry: Die habe ich schön in eine Mappe eingeordnet.

Edelbacher: (lacht) Sie ist ein Ordnungsfreak.

Bock: Blinde brauchen Ordnung, also passt das gut.

HORIZONT: Das Spiel ist auch euer Diplomprojekt für den Abschluss an der Graphischen. Euer Betreuungslehrer war Martin Dunkl, wer hat Euch beim Bau der Prototypen unterstützt?

Fry: Der erste Prototyp war aus Papier, Styropor und Karton. Später haben wir das Spiel aus Holz gebaut. Die HTL Mödling hat für uns alle Holzteile für das Spielbrett und ungefähr 1.000 Münzen zugeschnitten. Dann haben wir alles geschliffen, geölt und lackiert.

Edelbacher: Den Braille-Druck fertigte taktildruck.com an und hat dabei keine Kosten und Mühen gespart.

Fry: Wir haben für sieben Spiele mehr als 900 Karten mit der Hand beschrieben.

HORIZONT: Gab es Schwierigkeiten während der Entwicklung?

Fry: Für uns war es eine Challenge, nicht nur darüber nachzudenken, ob etwas schön aussieht, sondern auch es für blinde Spieler funktionell umzusetzen.

Bock: Überlegungen waren auch, ob wir eine Steckfunktion oder magnetische Spielsteine verwenden sollen. Magneten sind empfindlich und auch teurer in der Herstellung. Es gab ­einige Hürden zu überwinden.

HORIZONT: Was war das schönste Erlebnis während eurer Arbeit?

Fry: Das Lohnenste in dem Jahr war es Menschen das Produkt zu zeigen und die Begeisterung zu sehen. Das war das Allerschönste.

Edelbacher: Auch Menschen, die nicht zur Zielgruppe gehören, waren begeistert.

HORIZONT: Welches Feedback habt ihr bei der Präsentation von Omnis bekommen?

Edelbacher: Viel konstruktive Kritik.

Bock: Wir haben das Spiel auch bei Spielemessen vorgestellt und erhielten Tipps zum Spielprinzip. Dort haben wir auch Kontakte zu Autoren und Verlegern geknüpft.

HORIZONT: Wie geht es jetzt mit dem Projekt weiter?

Fry: Wir haben das Projekt bei dem Wettbewerb „Jugend Innovativ“ eingereicht und dort in der Kategorie Design gewonnen. So haben wir eine Wildcard für das First Business Lab des Austria Wirtschaftsservice bekommen, bei dem wir ab jetzt ein Jahr von Profis bei der Weiterentwicklung des Spiels unterstützt werden. Das macht uns nervös, ist aber auch sehr genial. Unser Modell wurde von verschiedenen Unternehmen bewertet. Da kamen viele Inputs. Wir werden das Spiel jetzt wahrscheinlich völlig überarbeiten.

HORIZONT: Stört euch das?

Edelbacher: Natürlich haben wir viel Arbeit hineingesteckt, aber ich freue mich auf die Weiterentwicklung. Bisher haben wir uns vor allem auf den optischen Aspekt konzentriert und die Mechanik. Jetzt wollen wir das Spiel serienreif machen.

HORIZONT: Welchen Spielaspekt wollt ihr unbedingt beibehalten?

Fry: Der wichtigste Aspekt für uns ist, dass jeder die gleichen Chancen hat. Das Spiel ist ein Spaß und bringt die Menschen zusammen, das soll es auch weiterhin.

Edelbacher:
Wir haben fünf Jahre gelernt etwas visuell schön zu gestalten, jetzt wollen wir etwas Ansprechendes für Menschen machen, die nicht sehen können. Es geht oft um das Optische und man beschäftigt sich zu wenig mit den anderen Sinnen. Bei Omnis war es wichtig, dass der haptische Sinn angesprochen wird. Normalerweise sind Blindenspiele sehr einfach konzipiert, damit sich die Spieler leicht zurecht finden. Uns war es wichtig, dass es bei dem Spiel auch etwas zu entdecken gibt.

Fry: Omnis ist nicht nur für blinde, sondern auch für sehbeeinträchtigte Menschen, die haptische Spiele mögen. Omnis bringt die Menschen zusammen, denn Spielen macht Spaß. Der Sehende hat dem blinden gegenüber keinen Vorteil. So schlagen wir eine Brücke und bringen zwei Welten einander näher.

In Teil 2 geht es um Runtastic, die erfolgreiche Lauf-App von Florian Gschwandtner mit mittlerweile 70 Millionen Nutzern - zu lesen in der HORIZONT-Ausgabe 43/2015 sowie ab 30. Oktober auf HORIZONT online.

[Claudia Tschabuschnig]
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