‚Serie steht für modernes Storytelling‘
 

‚Serie steht für modernes Storytelling‘

RTL-Programmchef Frank Hoffmann spricht im HORIZONT-Interview über die kommende RTL-Saison, das neue Serien-Highlight ‚Deutschland 83‘ und die Lagerfeuer von linearem TV

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Horizont: In der Programmpräsentation haben Sie gerade erzählt, dass Events das Lebenselixier von Free TV sind. Was sind aus Ihrer Sicht die Highlights der kommenden Saison?

Frank Hoffmann:
Unser Ziel ist es, immer wieder möglichst viele Menschen zu TV-Ereignissen vor dem Fernseher zu versammeln, sodass sie am nächsten Tag mitreden können. Mitreden bei Themen, die wir mit unserem Programm gesetzt haben, ob im Sport, der Fiktion oder der Show. Der nächste, leider verschobene Boxkampf zwischen Wladimir Klitschko gegen dem Briten Tyson Fury und die beiden noch ausstehenden Fußball-EM-Qualifikationsspiele dürften solche Ereignisse werden. Auch haben wir eine Reihe neuer großer Shows zu bieten. Natürlich setzen wir auf unsere beiden fiktionalen Eigenproduktionen „Starfighter – Sie wollten den Himmel erobern“ und die Eventserie „Deutschland 83“.

Horizont: Man sagt, Sie können die beiden ersten Teile von „Deutschland 83“ schon mitsprechen.

Hoffmann (lacht):
Noch nicht ganz. Richtig ist, dass ich sie einige Male gesehen habe. Dennoch fallen mir immer neue Details auf, die zeigen, mit wie viel Leidenschaft die Serie produziert wurde. Es ist ein Agenten-Thriller, der bereits in den USA auf dem Pay-Sender SundanceTV lief und dort eine beachtliche Vorpremiere feierte, die der New York Times allein eine Seite Berichterstattung wert war. Es ist die erste deutsche Serie überhaupt, die in die USA verkauft wurde.

Horizont: Beachtlich, denn immerhin geht es um einen jungen Stasi-Agenten aus der ehemaligen DDR, der die Bundeswehr und ihre Alliierten ausspioniert. Im Saal über uns laufen gerade die ersten beiden Folgen – welche Quoten erwarten Sie sich?

Hoffmann:
Schwer zu sagen, „Deutschland 83“ ist ein Projekt, mit dem wir Aufmerksamkeit erregen und uns ins Gespräch bringen wollen. Oft wurde zuletzt über „Homeland“ oder „House of Cards“ geschrieben – herausragende Pay-TV Serien, die im Free TV in Deutschland nicht funktioniert haben.

Horizont: Nun haben Sie sich doch etwas Ähnliches überlegt?

Hoffmann:
Mit „Deutschland 83“ wollen wir beides: Eine durchaus komplexe Geschichte aus der jüngeren Vergangenheit unseres Landes hochklassig und gleichzeitig populär erzählen. Die Serie ist bewusst in den 80er-Jahren angesiedelt, weil das eine spannende und prägende Zeit für die sogenannten Babyboomer war, sehr geburtenstarke Jahrgänge, die heute einen großen Teil unseres Publikums ausmachen. Wir wollen kein Programm für Liebhaber machen und in der Nische landen, sondern möglichst viele Zuschauer erreichen.

Horizont: Wie viel Geld wurde in die Serie investiert?

Hoffmann
: Wir haben viel Geld, aber auch jede Menge Leidenschaft und Kreativität in die Produktion gesteckt.

Horizont: Rechnet sich das Projekt bereits durch die Lizenzverkäufe?

Hoffmann:
Wir werden sehen. Die Serie ist bereits jetzt international erfolgreich, erst vor wenigen Tagen hat der britische Sender Channel 4 die Ausstrahlungsrechte erworben. Das ist großartig. Letztlich ist „Deutschland 83“ jedoch kein Projekt, für das wir uns primär aus wirtschaftlichen Gründen entschieden haben. Es soll sich am Ende rechnen, vor allem aber wollen wir unsere Zuschauer für das Programm begeistern.

Horizont: Um sich von der Konkurrenz abzuheben?

Hoffmann:
Unbedingt! Am Ende geht es um Aufmerksamkeit. Sie ist das entscheidende Erfolgskriterium in einem Markt, dessen Angebotsvielfalt stetig wächst, während die Zeitbudgets der Menschen gleich bleiben.

Horizont: Also hat der Serientrend auch Europa erfasst …


Hoffmann: Serien waren immer ­Bestandteil unseres Programms. Die Serie ist die Antwort auf den Roman und steht für modernes Storytelling. Mit Serien kann man mehrere Abende füllen. Sie geben Sendermarken Kontur und schaffen Bindung zum Publikum, möglicherweise mit Fortsetzung – vorausgesetzt, die Serie funktioniert. Tatsächlich schreiben Drehbuchautorin Anna Winger und ihr Team bereits an der zweiten Season. Wir programmieren ab November in vier Doppelfolgen, immer donnerstags von 20:15 bis 22:15. Das ist ein teures Vergnügen, aber es kommt dem Trend des Binge Viewing ein wenig entgegen.

Horizont: Sie haben auch andere Projekte rund um die jüngste Vergangenheit geplant – warum?


Hoffmann: Wir glauben tatsächlich, dass viele Geschichten aus der jün­geren Vergangenheit unseres Landes noch nicht im Fernsehen erzählt ­wurden. So setzen wir im Herbst auf „Starfighter“ oder „Deutschland 83“, im kommenden Jahr auf „Turnschuh­giganten“ und die Verfilmung der „Costa Concordia“. In jeweils anschließenden Dokumentation werfen wir Blicke in die Realität dieser historischen Begebenheiten, sprechen mit Betroffenen, Zeitzeugen und ordnen ein.

Horizont: RTL macht einen großen Spagat – Information wird groß geschrieben, Entertainment, nun auch Serien und gescriptete Reality-Formate.

Hoffmann:
Wir wollen alle Zuschauer ansprechen und bedienen bewusst jeden Geschmack. Dieser Programm-Mix ist und bleibt eine Stärke von RTL.

Horizont: Wie verteilt sich das TV-Budget bei RTL?

Hoffmann:
Wir haben das wohl größte Programmbudget aller Privaten in Deutschland. Allein für den Informationsbereich geben wir in unserer Gruppe jährlich einen dreistelligen Millionenbetrag aus und bieten damit nur bei RTL täglich mehr als fünf Stunden Live-Programm mit News und Magazinen.

Horizont: In den letzten Jahren sind die Reichweiten im Fernsehen deutlich zurückgegangen – RTL erreicht derzeit rund 11,5 Prozent der deutschen Zu­seher zwischen 14 und 59 Jahren im Monatsschnitt, 2012 waren es noch rund 15 Prozent. Ist der Boden erreicht?

Hoffmann:
Wir sind gut in die neue Saison gestartet. Ich denke, die Talsohle ist erreicht, vielleicht auch schon durchschritten.

Horizont: Blicken wir in die USA, wo alles früher passiert als in Europa –es geht weiter bergab.

Hoffmann:
Ja, die Lagerfeuer der großen Networks in Amerika brennen etwas kleiner, auch sind es einige weniger geworden – und gerade deshalb sind sie für die Werbeindustrie wichtiger denn je. Für die Massenkommunikation führt am linearen Fernsehen kein Weg vorbei, denn nirgendwo erreichen Sie so schnell so viele Menschen.
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