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Seitenwechsel

Peter Filzmaier: 'Prohaska muss sich nicht fürchten'

ORF/Roman Zach-Kiesling
Der Politikwissenschafter als "Sportjournalist". Peter Filzmaier geht im ORF demnächst seiner zweiten Leidenschaft nach.
Der Politikwissenschafter als "Sportjournalist". Peter Filzmaier geht im ORF demnächst seiner zweiten Leidenschaft nach.

Ein 'Heimspiel': Politik-Analyst Filzmaier tritt in der gleichnamigen ORF-Sendung zur Fußball-EM als Experte auf. Das Interview.

Dieser Artikel erscheint in der Ausgabe 22/2021 des HORIZONT. Noch kein Abo? Hier klicken.


HORIZONT: Sportreporter als Bubentraum: Wurde dieser Wunsch jetzt erfüllt?
Peter Filzmaier:
Ja! Ich habe bereits mit meinem Sportbuch „Atemlos“ angefangen, mir meine Kindheitsträume zu erfüllen. Das Buchschreiben über meine schönsten Sportgeschichten als Fan kam dem Berufswunsch als kleiner Bub schon ziemlich nahe. Jetzt darf ich bei der Euro mitkommentieren und freue mich sowohl irrsinnig, als auch sehe ich es als große Herausforderung.

Wo nehmen Sie die Expertise her für Spielanalysen? Wie lange begleiten Sie den Fußball schon?
Altersbedingt war mein Einstieg mit leuchtenden Augen in den Fußball in den späten 70er-Jahren. Ich habe diese Expertise aber sicher nicht, und analysiere auch nicht den Verlauf eines Spiels. Herbert Prohaska – den ich übrigens kenne und wir schätzen uns gegenseitig sehr – muss sich auch nicht fürchten, dass ich statt ihm erkläre, warum die Abseitsfalle nicht funktioniert hat (lächelt). Meine Analysen werden sich darauf beziehen, was außer Toren rundherum passiert. Von der nationalen Bedeutung eines Sieges über die Kommunikation durch Teamchefs und Teamspieler bis hin zu sich inszenierenden Politikern.

Ihre erste Matcherinnerung via TV und live?
Ich bin 1967 geboren, also ist meine erste Erinnerung die an das Jahr 1978. Nein, nicht das Spiel, an das jetzt alle denken! Ich habe leider das 1:5 gegen die Niederlande gesehen. Wir, also die Österreicher, spielten wie auf einer Badewiese. Mit technischen Einlagen das Publikum unterhaltend, unser Tormann Koncilia war jedoch der einsamste Mensch im Stadion. Er stand Rensenbrink und Co ständig allein gegenüber. Aufgrund des Negativeindrucks dieses Spiels konnte ich nachher nicht verstehen, warum alle nach dem 3:2 gegen Deutschland in Cordoba derart aus dem Häuschen waren.

Haben Sie selbst im Verein gespielt?
In Kindheitstagen beim Kaiser­müh­lener SC. Die Parallele zur TV-Serie „Kaisermühlen Blues“ viele Jahre später war, dass in der Knaben- und Schülermannschaft der Tabellenplatz meistens traurig war. Doch wir hatten Spaß.

Was ist spannender: die Analyse eines Nationalratswahlabends oder eines EM-Finales?
Ganz ernst gemeint: Das kommt auf den jeweiligen Ereignisverlauf an. Es wäre naiv zu sagen, dass Politik auf jeden Fall bedeutender ist. Denn leider hat nach einem Fußballspiel schon einmal ein Krieg begonnen …

Warum Barça und nicht Real Madrid als Lieblingsklub?
Barçafan bin ich seit Christo Stoitschkow und Romario dort stürmten. An schlechten Tagen traten die auf alles, was sich bewegte, aber an guten Tagen … Davor war ich enttäuscht vom vielgerühmten FC Barcelona, weil ihn die kleine Wiener Austria aus dem Europacup warf. Obwohl dort Diego ­Maradona und Bernd Schuster spielten. Doch das spätere Barça mit Touré und Piqué als Innenverteidiger, das Mittelfeld Busquets, Xavi und ­Iniesta, vorne Messi, Eto’o und Henry – das war für mich das fußballerisch Schönste, das ich je gesehen habe.
„Wir, also die Österreicher, spielten wie auf einer Badewiese.“

Ihr Lieblingsverein in Österreich?
Das war Wacker Innsbruck, als der großartige Bruno Pezzey spielte. Doch diese Fanliebe ist erkaltet, als beim Nachfolgeverein FC Tirol Finanzskandale zum Konkurs führten. Also bin ich da in Österreich seit rund zwei Jahrzehnten irgendwie heimatlos.

Fürchten Sie nicht, an Glaubwürdigkeit in Ihrem Erstjob als Politikanalyst zu verlieren?
Ach herrje, warum das denn? Sind alle Fußballfans, die sich öffentlich dazu bekennen, in ihren Berufen vom Arzt bis zum Wissenschaftler nun plötzlich fragwürdige Gestalten? Oder ist gar das Problem, dass ich politische Aspekte des Sports für ein wichtiges und allzu oft vernachlässigtes Thema halte? Sollte jemand so denken, sagt das hoffentlich mehr über sein schlechtes Gemüt aus als über mich.

Wie weit kommt Österreich bei der Europameisterschaft?
Die gesellschaftlich anerkannte Antwort dazu ist offenbar, dass wir die Gruppenphase überstehen und danach mal schauen.

Geht das Match Türkis gegen Grün über 90 Minuten oder wird wegen grober Fouls abgebrochen?
(lacht) Also ich hoffe egoistisch, dass bis zum 11. Juli und dem Ende der Euro das Fairplay eingehalten wird. Genauso würde ich Ende Juli lieber die Olympischen Spiele schauen, als einen Vorwahlkampf analysieren. Spätestens mit Beginn der ORF- „Sommergespräche“ im August widme ich mich wieder der Politik.

ORF bei EURO 2020: Bis zu zwölf Stunden Programm täglich

Der ORF wird die Fußball-Europameisterschaft der Herren von 11. Juni bis 11. Juli täglich mit bis zu zwölf Stunden Programm begleiten. Dabei steht ORF 1 traditionell stark im Zentrum, aber auch auf Ö3, ORF III und den Online-Angeboten des ORF wird die vom Vorjahr auf heuer verschobene EURO 2020 begleitet. Neben bewährten Kräften setzt das öffentlich-rechtliche Medienunternehmen mit Anna Lallitsch erstmals auch auf eine Frau als EM-Kommentatorin.

Der ORF überträgt fast alle Spiele und kommt damit auf insgesamt rund 200 Stunden Live-Berichterstattung. An Spieltagen des Nationalteams bietet der ORF bis zu zwölf Stunden Live-Programm. Lediglich die sechs Parallelspiele am Ende der Gruppenphase zeigt oe24.tv als Sublizenznehmer. Weitere drei Spiele der in zehn europäischen Städten und in Baku ausgetragenen EURO 2020 sind beim Privatsender der Mediengruppe Österreich in Kooperation mit dem ORF zu sehen.

"Wir freuen uns sehr auf die EURO. Es ist eines der ganz großen Highlights des heurigen TV-Jahres und ein multimediales Erlebnis für den ganzen ORF", sagte ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz bei einer Pressekonferenz am Mittwoch. Man wolle nicht nur Bewährtes gut ins Bild setzen, sondern auch neue Akzente setzen. So werden etwa Ko-Kommentatoren (Roman Mählich und Helge Payer) bei den meisten Spielen eingesetzt, aber auch erstmals eine Frau ein Herren-Großevent für den ORF kommentieren. Anna Lallitsch war bereits als Fußball-Kommentatorin für die FIFA-Frauen-WM oder auch die 2. Liga im Einsatz. Nun wird die Grazerin bereits am zweiten Spieltag die Partie Dänemark gegen Finnland kommentieren. Am 16. Juni ist sie bei Finnland gegen Russland im Einsatz. Ihre EM-Premiere endet am 21. Juni mit der Zusammenfassung von Finnland gegen Belgien.

"Ich freue mich sehr. Damit wird ein Traum für mich wahr", sagte Lallitsch. Bisher habe sie großteils positive Reaktionen auf ihre Funktion als Kommentatorin erhalten. So werde ihr viel Emotion attestiert und bemerkt, dass sie mit Herzblut bei der Sache sei. Auf einen Sturm der Entrüstung, wie er in der Vergangenheit manchen weiblichen Kommentatorinnen, die in Männerdomänen vorgestoßen sind, widerfahren ist, rüste sie sich nicht. "Ich beschäftige mich damit, falls es soweit kommt. Prinzipiell sollte es keinen Unterschied machen, ob eine Frau oder ein Mann kommentiert", so Lallitsch.

ORF-TV-Sportchef Hans Peter Trost meinte, man versuche weitere Kommentatorinnen aufzubauen, da man hier durchaus Nachholbedarf habe. Zugleich betonte er, dass die Sportredaktion zu 40 Prozent aus Frauen bestehe, viele davon aber nicht sichtbar seien.

Neben den Live-Übertragungen, Analysen, Interviews und Hintergrund-Reportagen wolle der ORF heuer auch einen anderen Blick auf das "Faszinosum Fußball" bieten, sagte ORF 1-Channelmanagerin Lisa Totzauer. So habe man etwa zwanzig zehnminütige "Heimspiel - Europa am Ball"-Ausgaben geplant. Dabei sollen kreative, originelle und kluge Geschichten rund um den Fußball im Zentrum stehen. Geklärt werden soll etwa, was alles im Stadionrasen lebt und was im Körper eines Fußballers während eines Spiels passiert.

Unterstützung leistet der Politologe Peter Filzmaier. Der bekennende Fan des FC Barcelona und passionierte Läufer wird jedoch bei seinem Fachgebiet bleiben, wie er erklärte: "Fußball ist mehr als Tore und Elfmeter. Im Umfeld passieren viele politische und kommunikative Dinge." So wirft er einen Blick darauf, wie sich Politiker als Fans inszenieren, wie Niederlagen schön und Favoritenrollen kleingeredet werden und welche nationale Bedeutung Sieg oder Niederlage für Länder haben können. Die erste Ausgabe von "Heimspiel - Europa am Ball" steht am 11. Juni um 18.10 Uhr in ORF 1 auf dem Programm. (APA)



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