Schuss ins Knie
 

Schuss ins Knie

Editorial von Rainer Seebacher, Chefredakteur (HORIZONT 42/2014)

Kurt Imhof, Professor für Publizistikwissenschaften und Soziologie an der Universität Zürich, bot beim 10. Österreichischen Rundfunkforum wenig Erfreuliches und viel Bedenkliches zum Thema „Journalistische Qualität im digitalen Zeitalter“. Es waren keine Thesen oder Annahmen, die er in einen für akademische Verhältnisse recht kurzweiligen Vortrag packte. Seine Aussagen fußen alle auf Zahlen – und wiegen damit nur noch schwerer.

Eine der präsentierten Dynamiken, die den Schweizer Medienmarkt bewegen, verdient es, genauer analysiert zu werden. Denn übertragen auf den heimischen Medienmarkt führt sie zu einem überraschenden Schluss: Die öffentliche Hand unterstützt mit Steuergeld den politischen Erfolg der Populisten.

Allein im zweiten Quartal 2014 gaben Minis­terien, Länder, große Gemeinden, Firmen und Institutionen unter öffentlicher Kontrolle knapp 53 Millionen Euro für Werbebuchungen aus. Der heimische Boulevard bekommt einen erheblichen Teil davon. Angesichts der hohen Reichweiten, die er erzielt, ist das nachvollziehbar. Aber problematisch.

Imhof wies in seinem Vortrag nach, dass der Boulevard besonders häufig über Akteure und Themen berichtet, die stark provozieren. Das bringt eben Leser. Logisch. Auf die Politik übertragen bedeutet dies: Über jene, die Gegensätze wie Volk versus Eliten oder Fremd versus Heimat in einer verkürzenden Dramaturgie garniert mit „einfachen“ Lösungen“ transportieren können, berichten die Medien eher als über jene, die ein breites Themenspektrum bedienen und nach komplexen Lösungen für drängende Probleme suchen. Kurz, auf Österreich (das Land, nicht die Zeitung!) umgemünzt: Eine Partei, die Lösungen wie „Daham statt Islam“ propagiert, findet ­besonders im Boulevard tendenziell mehr Beachtung als solche, die als Teil einer Regierung Verantwortung tragen müssen.

Diese Neigung des Boulevards zum Populismus findet nicht nur direkt, sondern auch indirekt statt: indem über mit Spannung aufgeladene Themen berichtet wird, die Populisten am besten bedienen können. Der Einwand, dass nur jene Medien Populisten Vorschub leisten, die positiv über sie berichten, stimmt so nicht. Denn allein schon, dass ein Thema, das Populisten bedienen, in den Medien Thema ist, unterstützt  den Populismus.

Regierende Politiker sollten sich angesichts dieser Mechanik fragen:  Schieße ich mir mit den Werbebuchungen im Boulevard nicht indirekt selbst ins Knie? Und: Welches Gegenüber der „vierten Gewalt“ will ich in Zukunft haben?
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