Schulterschluss gegen Google?
 

Schulterschluss gegen Google?

#

TV-Runde ist von Harmonie und Distanz, von Be- und Entschleunigung geprägt

"Wo holen wir den Content her?" - die Diskussion am TV-Podium war von Harmonie bis Distanz, von Be- bis Entschleunigung geprägt. Es diskutierten ORF-Fernsehdirektorin Kathrin Zechner, ProSiebenSat.1 PULS 4-Geschäftsführer Markus Breitenecker, ATV-Chef Martin Gastinger, RTR-Chef Alfred Grinschgl, Stefan Piech, Your Family Entertainment, Tobias Schmid, Executive Vice President Governmental Affairs und Drehbuchautor Lukas Sturm - moderiert von Oliver Auspitz, MR-Film Gruppe.

Kathrin Zechner sieht folgende Content-Trends: Das lokale Biotop spielt wieder eine große Rolle, ebenso wie Entschleunigung. Der Zuschauer will sich identifizieren können und vor allem: gute Geschichten sind wieder gefragt. Hier herrscht gleich einmal große Harmonie mit Markus Breitenecker, der vor allem die österreichischen Inhalte und Public Value ins Zentrum rückt, aber auch auf eigenproduzierte (teilweise auch mit Sat.1) Fictionformate hinweist wie den anspruchsvollen Film von Lukas Sturm "Body Complete" oder die "Verbotene Frau", die am 6. Oktober auf PULS 4 läuft.

Zuviel Kommerz im ORF

Um nicht zuviel Harmonie aufkommen zu lassen, folgt der Vorwurf, dass der ORF viel Geld in Top-Kommerzrechte investiert von Hollywood bis Sport, anstelle in die österreichische Filmwirtschaft. Laut Zechner seien es nur 30 Prozent von 340 Millionen Euro, denn 70 Prozent gingen in die originäre Produktion von Fiktion bis Information. 95 Millionen würden in die Fernseh- und Filmwirtschaft investiert, wo aber 2014 gespart werden soll.

Alfred Grinschgl lobt die filmische Kreativszene des Landes, berichtet von 500 bereits vom Fernsehfonds geförderten Dokus- und Fictioninhalten (rund 30 Prozent wären je Produktionsbudget möglich), vermisst aber mehr Universum-Dokus bei den Einreichungen und fürchtet die reduzierten Gelder für die Fernseh- und Filmwirtschaft seitens des ORF.

Zechner dazu: "Es wird schon wieder die Keule geschwungen, obwohl wir 600 Leute abgebaut haben, zwei neue Spartensender bedienen und die Infoschiene erweitert haben. Man kann nicht aus Wasser Wein machen!"

ATV mit neuen Format "Wien - Tag und Nacht"

Gastinger wundert sich über den Kuschelkurs von Breitenecker mit dem ORF und bringt das neue Format von ATV ins Gespräch. Mutig setze man auf eine fiktionale österreichische Daily Soap im Vorabend: "Wien - Tag und Nacht": "150 Leute arbeiten täglich an dieser gewagten rein lokalen Produktion mit völlig eigenem Content. Wir positionieren uns gegen Soft-News und amerikanische Serien."

RTL-Group-Boss Tobias Schmid bekannte sich weiterhin dazu keinen Content in Österreich produzieren zu wollen (wobei er mitgetragene Produktionen erwähnt): "Ich weiß nicht, ob man hier glücklich wäre, wenn wir investieren. Es würde wohl das Leben von Herrn Breitenecker nicht leichter machen." Und weiter: "Wir sind ein rentables Haus, das ist die Grundidee und wir können uns Sportrechte leisten, 600 journalistische Mitarbeiter und wir investieren in fiktionalen Content. Einen gewissen Anteil geben wir auch gerne an unsere Gesellschafter Gruner + Jahr ab." Schmid macht Richtung ORF deutlich, auf welcher Seite er steht: "Konzentrieren Sie sich auf das was ihr öffentlich-rechtlicher Auftrag ist und lassen sie den Rest den Privaten."

Stefan Piech präsentiert das ungewöhnliche Kinder TV von Your Family Entertainment mit dem Sender Ric, das auf entschleunigten europäischen Conent setzt, um 19 Uhr abschaltet und eine "Gute-Nacht-Geschichte" erzählt und den Bildschirm verkleinert. Es ist der andere "kleine, handgemachte Weg mit 16 Mitarbeitern", so Piech. In einer Kooperation mit dem SOS-Kinderdorf gibt man gar zehn Prozent der Werbeeinnahmen ab.

"Kreative brauchen Partner"


Lukas Sturm ist stolz auf Österreichs kreative Filmemacher, empfielt die Rede von Kevin Spacey und macht klar wie schierig es sei Ideen bie Österreichs Sendern zu platzieren: "Kreative brauchen immer Partner, die an einen glauben und Mut machen."

Schließlich packt Markus Breitenecker einmal mehr seine Excel-Liste aus. Fazit: Österreichs ORF kauft und zeigt 90 Prozent der Top-Rechte in Sport, Show, Fiction und appelliert abermals hier etwas zu sparen und dafür noch mehr in die österreichische Filmwirtschaft zu investieren. Er plädiert weiter für Gebühren für den ORF (auch von den Ländern) und Werbung für die Privaten. Zechner pocht auf die Unvergleichbarkeit der Märkte.

Grinschgl ist der Ansicht, dass beim ORF ohnehin weitere Anpassungen des öffentlich-rechtlichen Auftrags geplant seien und wünscht sich einen gemeinsamen Schulterschluss der Europäer gegen Google & Co. Auch Schmid pflichtet bei, dass man in Österreich, wie in Deutschland, an ein paar Stellen (für die Privaten) justieren solle, denn der wahre Feind aller sei Google: "Am Ende brauchen die Sender einander, aber Notwendigkeiten müssen erkannt werden."
stats