Salzburger Medientag: Journalismus ist tot, e...
 

Salzburger Medientag: Journalismus ist tot, es lebe der Journalismus

Deutscher Medienexperte: Veränderungen im Internetzeitalter unabdingbar - Rollenwechsel vom Nachrichtenproduzenten zum Informations-Analysten

"Das analoge Zeitalter ist vorbei. Für immer und ewig und es kommt nicht wieder zurück", sagte am Donnerstag Christian Jakubetz, Journalist und Medienberater aus Deutschland, bei den 10. Salzburger Medientagen. Trotzdem würden viele Medienhäuser weiter viel zu zögerlich auf die digitale Revolution reagieren - und die neue Macht der Mediennutzer verkennen. Ein Ende für den Journalismus bedeute das freilich nicht - vorausgesetzt der Wille zur Veränderung ist da.

"Journalismus wird schneller"

Der Journalismus habe heute sein Informationsmonopol verloren, so der Medienexperte. "Es gibt mittlerweile zu nahezu jedem Thema gute Blogger. Es ist nicht mehr entscheidend, ob Inhalte von Journalisten oder von jemand anderem in die Welt gesetzt werden." Jeder könne sich heute über kostenlose Plattformen artikulieren – oder mit dem allgegenwärtigem Smartphone Informationen in Echtzeit produzieren. "Journalismus wird schneller. Eine Geschichte ist nicht erst auf der Welt, wenn sie im ORF oder per APA-Meldung kommt."

Österreich stelle sich trotz Auflagenrückgänge - noch - als Insel der Seligen dar, in Deutschland würden die Tageszeitungen bereits ums Überleben kämpfen, so Jakubetz. Nicht nur das Aus der Financial Times Deutschland Ende 2012 und der dramatische Personalabbau in vielen Redaktionen würde das bestätigen, auch dass der Axel Springer-Verlag alle Zeitungen und Zeitschriften außer der Bild- und der Weltgruppe verkauft, sei als wichtiges Indiz zu werten: "De facto hat das Verlagshaus damit ein Statement abgegeben: Wir glauben nicht mehr an die Zukunft der gedruckten Zeitung."

Journalismus sei keine Wundertüte mehr

Es sei von den klassischen Medien ein Fehler zu denken, dass die Nutzer auch im Internet auf sie warten würden. "Ich bekomme heute jeden Inhalt, den ich haben will, über einen Kanal." Journalismus sei keine Wundertüte mehr, wo der Leser nicht wüsste was er bekommt, wenn er die Zeitung aufschlägt oder den Fernseher aufdreht. Jakubetz attestierte den traditionellen Medien, diese Entwicklung noch nicht richtig erkannt zu haben. "Ich kann Twitter und Facebook gruselig finden, aber das sind mehr als eine Milliarde Menschen dabei. Das kann ich nicht ignorieren."

In Deutschland würden ARD und ZDF gemeinsam an einem Jugendkanal arbeiten – für Jakubetz verlorene Liebesmüh. Alleine das deutsche Comedy-Trio "Y-Titty" verzeichne am Videoportal YouTube 470 Mio. Videoaufrufe und mehr als 2,4 Mio. Abonnenten. "Wir laufen in Gefahr, eine komplette Generation junger Leute zu verlieren." Es helfe nicht, "irgendetwas mit der Gießkanne in die digitalen Netzwerke zu schütten. Wir brauchen eine Idee, was digitales Publizieren heute heißt."

Einordnen und Analysieren von Information gewinne an Bedeutung

Ein Ende für den Journalismus sieht Jakubetz aber nicht. "Trotz der Machtverlagerung zum Nutzer wird guter Journalismus mehr gebraucht denn je. Wenn alle durcheinanderreden, ist das noch kein gutes Gespräch, noch kein Mehrwert von Information." Nicht die Produktion, sondern das Einordnen und Analysieren von Information durch den Journalisten gewinne an Bedeutung. "Das Netz macht uns nicht überflüssig, aber es verlangt, dass wir uns ändern."

In diesem Sinne werde sich Journalismus auch weiter finanzieren, daran zweifelt Jakubetz nicht. "Wir müssen es schaffen, Geschäftsmodelle zu kreieren, die Nachfrage erzeugen, die den Bedürfnissen der Nutzer entsprechen." Ein Patentrezept – egal ob in der Form von Paywalls, Crowdfunding, Werbe- oder Stiftungsfinanzierung – gebe es dabei nicht. "Die Medien müssen herausfinden, was für sie am besten funktioniert."

(APA)
stats