Rudolf A. Cuturi: Der Padrone tritt ab
 

Rudolf A. Cuturi: Der Padrone tritt ab

Eine Verlegerära geht ins Finale: Rudolf A. Cuturi, 72, Herausgeber der Oberösterreichischen Nachrichten, übergibt das Medienhaus Wimmer endgültig seinen drei Söhnen.

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Etwas versteckt, im ersten Stock des Medienhauses Wimmer auf der Linzer Promenade 23, hängt ein mächtiges Gemälde – die „Arche Cuturi“, eine ­bunte Collage aller Lebensstationen des Verlegers der Oberösterreichischen Nachrichten (OÖN). Mitten aus der ­Allegorie knallt ein Sektkorken. Die Korken-Story geht so: „Bei mir lagerten lange drei Sektflaschen“, erklärt Rudolf A. Cuturi. „Die erste habe ich beim Kauf der OÖN-Anteile des Mitgesellschafters Alfred Maleta geköpft, die zweite, als die Linzer Rundschau die Segel gestrichen hat. Nur die dritte ist immer noch eingekühlt.“

Er will sie erst dann öffnen, wenn die OÖN im Land ob der Enns mehr Reichweite haben als die Kronen-Zeitung. Selbst wenn das Blatt die gut 92.000 Leser aufholen sollte, wird er diesen Triumph wohl nur noch aus der zweiten Reihe im Ruhestand genießen. Denn dieser Tage hat Cuturi die Geschäfte des Medienhauses Wimmer, bis auf eine Art „Elder Statesman“-Funktion, endgültig an drei seiner fünf Söhne übergeben.

Gino, 41, verantwortet schon länger die Marketing-Agenden der ­Me­dien- und Druckereigruppe, die mit 700 Mitarbeitern auf 80 Millionen Euro Jahresumsatz kommt. Paolo, 38, kümmert sich um die Immobilien, besonders den Bau der sogenannten „Promenaden-Galerien“ – eines 80-Millionen-Euro-Komplexes mit gut 30.000 Quadratmetern im Herzen von Linz, mit Shoppingmall, ­Hotel, ­Restaurants, Wohnungen und allen Verlagsräumlichkeiten, der 2017 eröffnet wird. Und Lorenz, 31, ist für die Onlinezukunft ­aller Wimmer-Medien – der OÖN, des Gratis-Serviceblatts Tips, der Lokalpostille Der Ybbstaler, zweier Lokalradiostationen und des regionalen Bezirks-TV – zuständig.

Gehütete Erstausgabe

Mit dem Rückzug Cuturis, einem der letzten großen Verleger ­Österreichs, geht gleichsam eine Epoche zu Ende. Wie ein Schatz wird in der OÖN-Zentrale die erste Ausgabe des Blattes vom 11. Juni 1945 gehütet, wo steht: „Trümmer überall, nackte Dachgerippe, trostlose Wüstenei, leblos geworden, klaffende Wunden in der inneren Stadt, Schutt, Trichter, Erdhaufen, ein jammervoller Anblick überall. Das war Linz am Ende dieses wahnwitzigen Krieges.“

Das Blatt, das dem Land Stimme und Spiegel verliehen hat, hat sehr viel zu seiner Genesung beigetragen. Und Jahrzehnte später, als die ­Wunden zwar verheilt waren, aber die Narben noch teils übelriechend wässerten, hat Cuturi wie ein ­kosmetischer Chirurg geholfen, ihm auch ein schöneres Antlitz zu geben. Zuerst seit 1973 als kaufmännischer Leiter, ab 1986 als Herausgeber.

Cuturi wurde 1944 als Urenkel des Druckers Josef Wimmer, der auch die OÖN-Vorgängerin Tagespost gegründet hatte, in ­Berlin geboren und wuchs bis 1965 in Rom auf – daher sein Spitzname „Padrone“. In Wien begann er 1967 eine Drucker­ausbildung an der Graphischen, absolvierte dann einige Marketing-Praktika, etwa bei der Kleinen Zeitung, und 1973 schickten ihn die Eltern als neuen Eigentümervertreter in die Stahlstadt. Er sollte endlich die heillos divergierenden Gesellschafterinteressen bei Wimmer und deren Flaggschiff OÖN ­wieder unter einen Hut bringen – ein Himmelfahrtskommando, an dem schon sein älterer Bruder gescheitert war.

Kurz zur Vorgeschichte: Nach dem Krieg war der spätere Nationalratspräsident Alfred Maleta zum Alleineigentümer der OÖN geworden, die bei Wimmer gedruckt wurde. 1953 kündigten die Wimmers den Druckvertrag, um wieder die Tagespost herstellen zu können. Es folgte ein Kampf, der 1955 in einer Fusion endete. Maleta bekam 26 Prozent der neuen J. Wimmer KG, hatte aber als Herausgeber der „Oberösterreichischen Nachrichten vereinigt mit der Tagespost“ die redaktionelle Oberhoheit auf Lebenszeit.

Die vielen Wimmer-Erben, darunter auch Cuturi, hielten 74 Prozent, waren auf die Druckagenden beschränkt. „Die Trennlinien zwischen Wimmer- und Maleta-Gruppe waren in Stein gemeißelt“, erinnert sich RAC, so Cuturis Kürzel. „Man hatte fast das Gefühl, dass zwei Betriebe nebeneinander bestehen.“ Um diese verzwickte Lage zu lösen, kaufte er zuerst die verstreuten Familienanteile zusammen und brachte sie in eine ­Stiftung ein. Ab 1976 stellte er die Druckerei von Blei- auf Fotosatz um, erweitere die Verlagszentrale und schluckte die Konkurrenzdruckerei Feichtinger. Nur an Alfred Maleta und seinem mächtigen OÖN-Chefredakteur Hermann Polz, dessen spitze ­Feder heute noch legendär ist, biss er sich lange die Zähne aus.

War die Druckerei schlecht ausgelastet, trieb Polz Cuturi mit Sticheleien über die „bestgeputzte Rotationsmaschine Österreichs“ zur Weißglut. Hatte er neue Farbanzeigen zu platzieren, „war ich nur Luft für den Herrn Dr. Polz“. Das lief so: Marketingchef meldet Buchung aufgeregt an Geschäftsführer, der ruft hocherfreut Cuturi an. Cuturi schreibt einen Bittbrief zwecks Inseratsberücksichtigung an Maleta, der drei Zimmer weiter sitzt. Maleta fragt mit nervenzerfetzender Verzögerung Polz, ob die Schaltung ­genehm sei. Polz stimmt Stunden später widerwillig zu. Maleta schreibt langsam an Cuturi zurück – „wenn’s denn aus kauf­männischen Gründen sein muss“. Erleichtert will der Marketingmann die Auftragsbestätigung faxen, doch Cuturi hält ihn zurück: „Erst wenn die Protestnote von Dr. Polz da ist.“

Radikale Regionalisierung

Dieser Spuk dauerte bis 1986, als Maleta mangels Nachfolgern seinen Anteil an Cuturi verkaufte. Nun Alleineigentümer, ver­ordnete er den OÖN eine radikale Regionalisierung. Heute haben die OÖN 16 Mutationsausgaben, eine Auflage von 132.000 Stück, gut 342.000 Leser und auch das brutale Lokal-Match mit der Linzer Rundschau für sich entschieden. Die vor­läufige Krönung dieser „Lebensaufgabe Cuturis“, so ein lang­jähriger Mitarbeiter, erfolgte dann 2003 mit der Eröffnung des 60 Millionen Euro teuren Druckzentrums in Pasching, wo heute 40 Zeitungstitel produziert werden.

Ende 2015, zur 70-Jahre-Feier der OÖN im Stift St. Florian, hat das Who’s who Oberösterreichs mit Wehmut auf diese Ära angestoßen. So manche Cuturi-Schnurre ist im Marmorsaal reihum gegangen – über seine Hassliebe zum jüngst verstorbenen Chefredakteur Polz, über seinen italienischen Akzent, den er wie eine Marotte pflegt, obwohl er noch sechs weitere Sprachen ­genauso perfekt beherrscht, oder über seine Leidenschaft für Oldtimer, darunter sechs Jaguare, ein Porsche 356, ein paar ­Maseratis, ein Bentley Continental oder ein gerne ausgeführtes Rolls-Royce-Cabrio. Und wie Kleinode wurden die wenigen ­Zeilen, die Cuturi in den OÖN selbst geschrieben hat, rezitiert.

Denn er griff äußerst selten, nur wenn ihn etwas besonders ­juckte, zur Feder. Und auch nicht als Leitartikel-, sondern als Leserbriefautor. Etwa als Thomas Klestil, den er gar nicht leiden konnte, Bundespräsident wurde. Da schickte er ein kleines Gstanzl ans eigene Blatt: „Jeder Klee hat seinen Stiel, Stil hat Klestil nicht sehr viel.“

[Rainer Himmelfreundpointner]
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