RTR lässt Programme analysieren...
 

RTR lässt Programme analysieren...

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... ORF und Private streiten darüber

Ein gewohntes Bild präsentierte sich Dienstagvormittag den Zuhörern in den Räumen der Rundfunk & Telekom Regulierungs GmbH (RTR). In ihrer Funktion als Kompetenzzentrum ließ die RTR zum nunmehr vierten Mal Struktur und Inhalte der österreichischen Vollprogramme analysieren - vom Kommunikationswissenschaftler Jens Wölke (Die Studie zum Download hier). Die Studie hatte diesmal einen mit Neugier erwarteten Neuzugang: ServusTV. Im Reigen von ORFeins, ORF2, ATV und Puls4 offenbarte die TV-Programmanalyse der RTR ServusTV als das, was es ist: ein atypischer Marktteilnehmer. So zeigt sich beispielsweise, dass der Sender aus dem Red Bull Mediahouse einen fast doppelt so hohen Anteil an Kulturprogrammen hat wie ORF2, wenn auch - das untersucht die Studie ebenfalls - dies nicht zuletzt über zahlreiche zeitnahe Programmwiederholungen zustande kommt.

Ein schöner Tag für ServusTV-Programmchef Martin Blank, der im Anschluss an die Präsentation durch Jens Wölke an einer Podiumsdiskussion teilnahm. Das alles dominierende Thema dort war allerdings nicht die Sonderrolle, die ServusTV im Programmangebot einnimmt, sondern die - scheinbar ewige - Frage: Wieviel Unterhaltung darf der ORF ausstrahlen. Diesbezüglich stellt die Studie dem ORF traditionellerweise kein schmeichelhaftes Zeugnis aus. Wölke spricht von einer "stabilen" Programmstruktur über die vergangenen Jahre, will heißen auch im aktuellen Beobachtungszeitraum (Kalenderwoche 14 im April 2011) dominierte insbesondere auf ORFeins die Unterhaltung, wenn auch fernsehpublizistische Inhalte im Vergleich zur letzten Studie aus 2009 leicht zunahmen. ATV konnte seinen Anteil an fernsehpublizistischen Inhalten steigern (ATV-Chef Bauer hielt sein diesbezügliches Versprechen bei der letzten solchen Präsentation vor zwei Jahren). Puls4 konnte sich im Bereich "Information" erheblich steigern, durch mehr Berichterstattung zu Verbraucher- und Gesundheitsthemen (Stichwort: Cafe Puls).

Gleich zwei Vertreter vom ORF diskutierten am Podium: Klaus Unterberger, Leiter der Stabstelle Public Value, und Klaus Kassai, Jurist und ehemaliger Mitarbeiter der KommAustria, ebenjener Behörde, die derzeit auf Beschwerde des Privatsenderverbandes ein Verfahren führt, in dem es darum geht, ob der ORF die ihm im Gesetz auferlegte Ausgewogenheit zwischen Information, Kultur, Unterhaltung und Sport auch einhält. 

Dieses schwebende Verfahren dominierte auch die streckenweise emotional geführte Diskussion, über die Sie in der kommenden Printausgabe von HORIZONT (Ausgabe 9/2012) mehr lesen können. 

Die Reaktionen der beiden Parteien folgten jedenfalls auf den Fuß:

ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz via OTS-Aussendung: "So erfreulich einige Punkte der Studie für den ORF sind und im Grunde die Qualität seiner Sendungen bestätigen, so wird die vorliegende 'TV-Programmanalyse' in ihrer Methode und ihren Ergebnissen der öffentlich-rechtlichen Medienproduktion in keiner Weise gerecht. So wird vernachlässigt, dass 'Unterhaltung' unverzichtbarer Bestandteil des Programmauftrags ist, der qualitative Unterschied zwischen öffentlich-rechtlichen und kommerziellen Programmen findet in unzureichender Weise Berücksichtigung. Wesentliche Programmelemente, wie etwa Sonderberichterstattungen, Programmschwerpunkte oder die Sport-Live-Übertragungen, werden ebenso wie die Lokalberichterstattung in den Bundesländern nicht ausreichend berücksichtigt. Die Zuordnung einzelner Sendungen zu Kategorien ist nicht nachvollziehbar. Die Tatsache, dass ORF eins und ORF 2 als unabhängige Sender gewertet werden, missachtet die seit 30 Jahren bestehende, ebenso gesetzeskonforme wie angesichts der Mediennutzung sinnvolle Komplementärprogrammierung. Die 'TV-Programmanalyse' hat also aus Sicht des ORF methodische Grundlagen, die zu hinterfragen sind und die Aussagekraft der Ergebnisse zu Ungunsten des ORF beeinflussen. Die ORF-eigene Programmstrukturanalyse, die nicht nur eine Ausschnittswoche, sondern das ganze Jahr betrachtet, kommt jedenfalls zu grundlegend anderen Aussagen als die vorliegenden Programmanteilsberechnungen!" 

Die Geschäftsführerin des Privatsenderverbandes (VÖP), Corinna Drumm, kontert in einer Aussendung: "Der VÖP fühlt sich durch die unabhängige Studie der RTR in seinem Vorwurf bestätigt, dass das TV-Programm des öffentlich-rechtlichen Mitbewerbers nicht ausgewogen strukturiert und unverwechselbar ist. Per Gesetz muss der ORF in seinen TV-Programmen ein ausgewogenes Gesamtprogramm von Information, Kultur, Unterhaltung und Sport anbieten, wobei diese Programmanteile in einem ausgewogenen Verhältnis zu stehen haben. Insbesondere ORF eins ist jedoch in seiner Unterhaltungsorientierung sogar noch kommerzieller ausgerichtet als private Sender. Und auch wenn der Schwestersender ORF 2 deutlich ausgewogener programmiert ist, so reicht das TV-Programm des ORF in einer kombinierten Betrachtung von ORF eins und ORF 2 nicht an vergleichbare öffentlich-rechtliche Standards heran." 

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