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RTL-Boss Zeiler spricht über öffentlich-rechtliche Tugenden

VÖZ-Klausur: Glaubwürdigkeit höchstes öffentlich-rechtliches Gut - keine Aussagen zu ORF-Plänen.

Erfolgsfaktoren für öffentlich-rechtliche Sendergruppen in Europa hat RTL-Chef Gerhard Zeiler am Montag bei der Klausur des Verbands Österreichischer Zeitungen (VÖZ) im Salzburger Lungau skizziert. Auf Spekulationen über eine mögliche Bewerbung als ORF-Generaldirektor ging Zeiler dabei wie erwartet nicht ein. Konkreter wurde dazu hingegen ÖVP-Klubobmann und -Mediensprecher Karlheinz Kopf, der sich für einen Wechsel in der ORF-Führung aussprach.

Zeilers öffentlich-rechtliche Erfolgsfaktoren
Laut Zeiler könne man "deutlich zwischen jenen öffentlich-rechtlichen Sendern unterscheiden, die sehr erfolgreich sind, mittel erfolgreich sind, und die heute schon gescheitert sind". Höchstes öffentlich-rechtliches Gut sei demnach die Glaubwürdigkeit öffentlich-rechtlicher Anbieter. "Glauben die Menschen nicht mehr, dass ihnen der öffentlich-rechtliche Sender die Wahrheit sagt, die blanke Wahrheit, dann verlieren sie die Zuseher." In Osteuropa - Ausnahme Polen - hätten die meisten öffentlich-rechtlichen Anstalten dieses Gut verloren.

Ebenso wichtig sei die "nationale Identifikationskraft". Dies gelte insbesondere für kleine Länder. Von wesentlicher Bedeutung sei darüber hinaus die "Massenattraktivität" öffentlich-rechtlicher Programme. Kernbereiche wie Nachrichten oder Kultur seien ebenso wichtig wie Unterhaltungsprogramme. "Beides ist wichtig. Öffentlich-rechtliche Sender müssen für jeden etwas bringen", so Zeilers Credo, das schon seine Amtszeit als ORF-Generalintendant von 1994 bis 1998 geprägt hatte.

Ohne "Senderfamilien" geht es nicht
Weiters hob Zeiler die Notwendigkeit von öffentlich-rechtlichen "Senderfamilien" hervor. "Man kann mit nur einem Fernsehprogramm kein gutes öffentlich-rechtliches Programm machen. Es braucht mindestens zwei, besser drei bis vier Programme. Das heißt aber nicht, dass man dafür mehr Geld braucht. Die Privaten zeigen vor, wie das geht, das kann man von öffentlich-rechtlichen Sendern auch verlangen." Ein weiterer Erfolgfaktor sei darüber hinaus die notwendige "finanzielle Ausstattung". Aber: "Ich habe noch keinen öffentlich-rechtlichen Sender gefunden, der zu wenig Geld hatte."

"Kein Generalplan"
Den ORF wollte Zeiler bei seinen Betrachtungen nicht einordnen. Und "es hat auch wirklich keinen Generalplan gegeben, dass ich heute da bin. Das hat schlicht und einfach den Grund, dass ich eine Einladung der Zeitungsverleger nicht zum dritten oder vierten Mal absagen wollte."

Neben der öffentlich-rechtlichen Thematik ging der Boss der international tätigen RTL-Group, die im Vorjahr einen operativen Gewinn von einer Milliarde Euro einfahren konnte, auf die aktuellen Megatrends im Fernsehen und die Zukunft der TV-Branche ein. Die explosionsartige Verbreitung von Smartphones, Internet-fähiger TV-Geräte und nichtlinearer Fernsehkonsum auf Abruf würden den Markt in den kommenden Jahren revolutionieren. Eingeführte Medienmarken könnten dabei durch ihre Orientierungsfunktion reüssieren, und die Medien müssten weiter an der "Flexibilisierung der Kosten" arbeiten.

Kopf für Generalswechsel
Konkreter zum Thema ORF gab sich zuvor VP-Mediensprecher Kopf: "Dieser Generaldirektor (Anm. Alexander Wrabetz), er ist Alleingeschäftsführer, hat hinlänglich bewiesen, dass er weder beim Programm, noch bei der kaufmännischen Gestaltung, noch bei der unabhängigen Information in der Lage ist, seinen Job ordentlich zu machen." Kopf hatte zuletzt Sympathie für einen möglichen ORF-General Zeiler anklingen hatte lassen.

Es zeichne sich derzeit zwar ein Mehrheit für Wrabetz ab, man werde aber weiter versuchen, einen Wechsel herbeizuführen. Dabei gehe es nicht darum, ob der nächste ORF-Generaldirektor "Zeiler, Müller oder Maier" heißt, sondern der ORF brauche einen "fähigen Manager, der imstande ist, das Unternehmen so zu führen und zu strukturieren, dass es überlebensfähig bleibt - je besser diese Person umso besser". Im ORF erlebe man derzeit nämlich "den sich abzeichnenden Niedergang der öffentlich-rechtlichen Idee in Österreich".

Wirtschaftliche Notwendigkeiten würden nicht erfüllt. "Das ist ein Faktum." Derzeit werde "Cost-Cutting" nach der "Rasenmäher"-Methode gemacht. "Einzelne Redaktionen leiden an Unterbesetzung, weil es nicht die Kraft gibt, zielgerichtet und selektiv zu sparen." Produktionsabläufe wie vor Jahrzehnten und damit noch immer viel zu hohe Kosten ortet Kopf. Das System ORF sei unfähig, selbst die notwendigen Schritte auf der Kostenseite zu tätigen. Als Sparpotenzial machte der VP-Mediensprecher etwa die technischen Bereiche des Senders aus. "Die ganze Technik kann man in Wirklichkeit ausgliedern."

Hart ins Gericht ging Kopf mit der Information im öffentlich-rechtlichen Sender. "Es ist für jeden mit freiem Auge sichtbar, dass es in den letzten Jahren und insbesondere in den letzten Monaten einen unverschämten Zugriff auf die Personalbestellungen und über diesen Zugriff auch auf die Gestaltung der Information gibt." Der Anspruch nach Objektivität und Unabhängigkeit in der ORF-Information werde "mit Füssen getreten", so der ÖVP-Mediensprecher. "Wenn das so weiter geht, dann bin ich der Überzeugung, dass dieses Unternehmen nicht zu retten sein wird."

Das "Gebührenprivileg" des ORF sieht Kopf aber auch durch über den öffentlich-rechtlichen Auftrag hinausgehende Aktivitäten in Gefahr. "Wir versuchen mit gesetzlichen Maßnahmen den ORF zu hindern, mit seinen 500 Millionen Euro Gebühren andere Bereiche, etwa Online, quer zu subventionieren." Fazit: "Wenn ständig versucht wird, im Wettbewerbsbereich mit den Gebühren zu grasen, der ORF zugleich bei Wirtschaftlichkeit und Objektivität seinen Aufgaben nicht nachkommt, stellt sich die Frage der Gebührenlegitimation."

Man könne deshalb nachdenken, ob es nicht an der Zeit wäre, die Rundfunkgebühr zu einer allgemeinen Gebühr umzuwandeln, mit der öffentlich-rechtliche Inhalte gefördert werden - "egal wer es produziert". Das wäre eine völlige Neuverteilung der Gebührengelder. "Wenn wir das machen, beschleunigen wir im besten Fall den Umbau des ORF, im schlimmsten Fall den Niedergang des ORF." Kopf betonte aber, dass es dafür in der derzeitigen Regierungskonstellation wohl keine Mehrheit gebe. "Die SPÖ sieht sich primär als Beschützer und Bewahrer der nicht mehr zeitgemäßen Strukturen und Handlungsweisen im ORF." (APA)
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