Regierung im Sommer-Sale
 

Regierung im Sommer-Sale

Ab 1. Juli müssen Inserate der öffentlichen Hand gemeldet werden. Davor wird noch geschaltet, was das Zeug hält - Ein kommentierter Überblick von HORIZONT online

Wer meint, die Regierung könnte in Geldnöten stecken, sollte die aktuellen Ausgaben der Wiener Boulevard-Zeitungen aufschlagen. Dort wird geworben, was das Zeug hält - ein ganzseitiges Inserat der öffentlichen Hand reiht sich in "Heute", "Österreich" und der "Krone" an das nächste. Eine Art Sommerschlussverkauf, bevor mit 1. Juli alle Schaltungen offengelegt werden müssen? Oder gibt es in der letzten Schulwoche akuten Kommunikationsbedarf? HORIZONT online hat sich die Inserate angesehen.

Infos für Unbedarfte

"Ein Urlaub gefällig?", fragen etwa die ÖBB ganzseitig auf Seite 18 der Tageszeitung "Österreich". Ganz so, als müsste man die Bürger darüber aufklären, dass im Land auch Schienen verlegt sind. In dieselbe Kerbe schlägt die Asfinag, die für die Freizeittauglichkeit ihrer Raststätten wirbt. "Machen wir hier Urlaub?" fragt ein schaukelnder Werbe-Bub. Schwer vorstellbar, dass Herr und Frau Österreicher die Ausfahrt zur nächsten Raststation ohne diese Anzeige nicht gefunden hätten. Infos für Unbedarfte also.

Das im Bundeskanzleramt angesiedelte Frauenministerium widmet sich auf einer halben Seite der Gefahr der K.O.-Tropfen, was thematisch sicher eine Berechtigung hat - vor einschlägigen sexuellen Übergriffen kann eigentlich gar nicht oft genug gewarnt werden. Warum aber das Kanzleramt vor dem Sommer noch einmal dringenden Promotion-Bedarf für die allseits bekannte Homepage help.gv.at ortet und diese ganzseitig bewirbt, erschließt sich dem Betrachter schon weniger. 

Praktikumsplätze für Schnellentschlossene

Jene forschungswütigen Schüler, die den Sommer nicht im Schwimmbad verbringen, dürften interessiert das Inserat der "Innovationsministerin" Doris Bures lesen, die dafür wirbt, sich doch für ein Sommerpraktikum in einer Forschungseinrichtung anzumelden. Ende Juni? Ein Karriereschnäppchen für Schnellentschlossene.

Aktiv altern mit der "Krone"

In der "Krone" eröffnet das Sozialministerium die Inseratenschlacht mit einer halbseitigen Anzeige unter der täglichen Nackten. Das Thema: Aktiv altern. Informationsgehalt: Es gibt dafür offenbar eine Website. Toll.

Eines der wenigen Inserate eines VP-geführten Ministeriums ist die App-Bewerbung des Außenministeriums. Ob es wirklich eine ganze "Krone"-Seite für die Promotion eines Smartphone-Plugins braucht, sei dahingestellt. Für die Verbraucher ist es aber zugegebenermaßen die richtige Information zur richtigen Zeit. (Sofern man ein iPhone oder ähnliches zuhause herumliegen hat.) Zwei Seiten weiter wirbt auch hier die "Innovationsministerin" für Spontan-Praktika.

Inseratenfreundschaft

Die "Krone" kann auf eine lange Tradition der Inseratenfreundschaft mit dem Wiener Wohnbaustadtrat zurückblicken. Früher hieß der Werner Faymann, heute ist es - dem "Krone"-Leser wohlbekannt - Michael Ludwig. Wie sich diese Verbundenheit im Vorfeld der schnöden Transparenzregeln ausdrückt, zeigt ein Blick in die aktuelle Ausgabe: Auf Seite 34 lacht der Stadtrat in der (redaktionellen?) Rubrik "Wohnen in Wien" aus der Zeitung. Wie zufällig steht auf Seite 27 ein Stadt Wien-Inserat, das verrät, dass man die Senioren in der Stadt mit Essen versorgt.

Auch eine ÖBB-Anzeige darf nicht fehlen, was in der "Krone" ja ebenfalls eine interessante Tradition hat, man denke nur an die staatsanwaltlichen Ermittlungen gegen Faymann, weil dieser als früherer Verkehrsminister ein allzu enges Naheverhältnis zum Inseratentopf der Staatsbahn gehabt haben soll. Statt dem Verkehrsminister antworten heutzutage die Schmähbrüder Ciro de Luca und Christoph Fälbl auf Kundenfragen. Aus manchen Fehlern wurde man offenbar doch schlauer. 

Auch der Flughafen Wien hat in der gut gebuchten Haupturlaubszeit offenbar ein Kommunikationsbedürfnis via ganzer "Krone"-Seite: "Entspannt in den Urlaub abheben", wirbt man dort für den früher unter "Skylink" bekannten neuen Terminal. Man darf annehmen, dass die Lounges auch vor Ort ausgeschildert sind. Andererseits: Imagepflege nach dem Baudebakel ist ein verständliches Bedürfnis.

Wien Energie und Wiener Märkte

"Heute" wiederum darf sich über eine ganze Seite der "Wien Energie" freuen, der offenbar die Strom- und Gaskunden ohne heftige Bewerbung mitten im Sommer abhanden kommen würden. Dazu eine Doppelseite der Wiener Märkte, die offenbar unter den Touristenmassen noch nicht zusammenbrechen und zusätzlich um Kunden werben. Die ÖBB (mit einer ganzen Seite) dürfen in diesem Reigen natürlich nicht fehlen.

Doppeltes Finanzministerium

Originell ist das Finanzministerium, das auf Seite 19 und auf Seite 27 in "Heute" haargenau das gleiche Inserat schaltet. Den Terminus "Werbedruck" sollte man den Verantwortlichen vielleicht noch einmal genauer erläutern. Geworben wird für eine App. Womit sich der Bogen schließt: Das Außenministerium vermutet natürlich auch in der "Heute"-Leserschaft die richtige Zielgruppe für seine Applikation. 

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