,Redaktion ist unser Lebensnerv’
 

,Redaktion ist unser Lebensnerv’

Hermann Petz, Vorstandsvorsitzender der Moser Holding, wurde kürzlich 50 - Horizont.at interviewte ihn über damals, heute und morgen.

HORIZONT: Aus Fehlern lernt man bekanntlich am Besten. Wenn Sie nun auf mehr als 22 Jahre, in denen Sie in der Medienbranche aktiv sind zurückblicken. Wo haben Sie am meisten gelernt?

Hermann Petz: Am meisten lernt man immer in schwierigen Situationen. Ich hatte immer das Motto, speziell nachdem ich die Gesamtverantwortung übernommen habe, eher etwas auszuprobieren und dann nötigenfalls auch wieder einzustellen, als nichts zu probieren. Wenn sich die Zeiten massiv verändern, dann ist es besser man bewegt sich selber sehr stark. Man sollte vielleicht auch einmal einen Schritt zurückgehen - das ist manchmal besser als starr so zu bleiben, wie man war. Zwei Jahre vor meinem Einstieg bei der Tiroler Tageszeitung hat man dort die telefonische Wortanzeigenannahme eingeführt. Davor musste man das persönlich an einem Schalter machen. Das sind Dinge, die heute unvorstellbar sind. Mit 29 Jahren habe ich beispielsweise die Personalabteilung im Haus übernommen. Da stand  auf meinem ersten Personalinserat „Wir suchen einen Außenbeamten". Gemeint war der Gebietsleiter im Vertrieb. Da kann man sich ungefähr vorstellen, wie das damals so war. Es hat sich wahnsinnig viel geändert.

HORIZONT: War die Einstellung von „Die Neue", die sich als Boulevard direkt gegen die Krone in Tirol wandte, im Jahr 2008 etwa so ein Schritt zurück?

Petz: Von „Die Neue" habe ich mir persönlich mehr erwartet als dann eingetreten ist. Aber man muss den Blick auf die Gesamtheit richten und schauen, was dieser Schritt alles bewegt hat. Wir haben damals („Die Neue" wurde 2004 gegründet, Anmerkung der Redaktion) jede Menge sehr gute Journalisten an unser Haus gebunden, und haben heute eine Durchmischung der Redakteure in der TT, die wir ohne „Die Neue" nicht gehabt hätten. Natürlich habe ich das bei der Gründung der Zeitung nicht gewusst. Was ich damit sagen möchte: Wenn man den Mut hat, Dinge zu machen, dann treten die vielleicht nicht immer so ein, wie man sich das erwartet. Wenn man dann aber auch den Mut hat die Dinge zu korrigieren, kann das auch eine sehr positive Wirkung haben.

HORIZONT: Ist der österreichweite Gratiszeitungsring so eine Folgeerscheinung?

Petz: Es war schon ein sehr großes Ziel, den Gratiswochenzeitungsring in ganz Österreich zu etablieren. Die schöne Erfahrung ist, dass es nach vielen kleinen Schritten letztlich dann im Joint Venture mit der Styria gelungen ist. Wir haben dann außerdem auch entsprechendes Know How im Magazinbereich gesammelt. So dass wir sehr erfolgreiche, regionale Magazine herausgeben können. Aktuell haben wir im Magazinsektor - über die Grenzen Tirols hinaus die Fusion der  Monatsmagazine mit der Styria, die noch bei der Bundeswettbewerbsbehörde anhängig ist.  Dabei werden wir 74,9 und die Styria 25,1 Prozent an den Gesellschaftsanteilen halten. Daran sieht man, immer wieder ist aus den einzelnen Schritten etwas entstanden und es hat sich ausgezahlt, Mut zu haben.

HORIZONT: Bleiben wir im Gratissegment, die ja Ihren USP - nämlich die regionale Berichterstattung - immer weiter schärfen. Sehen Sie da noch Platz für Kaufwochenzeitungen so wie etwa die Rundschau in Oberösterreich, die es nicht mehr in der Form gibt?

Petz: Ich kann mir schon vorstellen, dass bestehende Kaufwochenzeitungen überleben können. Das hängt auch von der Gesamtaufstellung des Unternehmens ab. Aber ich glaube nicht, dass eine Neugründung erfolgreich wäre - weil das Gratiswochenzeitungs-Segment in Österreich abgedeckt ist. Im lokalen Raum gibt es immer einen Bedarf an qualitativem Journalismus. Auch der Uniprofessor interessiert sich, was im Umkreis von 20 Kilometer seines Hauses passiert. Man unterschätzt auf den ersten Blick die Qualität des Journalismus in den Gratiswochenzeitungen. Frei journalistisch zu berichten, ist naturgemäß dann am schwierigsten, wenn man alle Leute, über die man schreibt, andauernd trifft. Es ist wesentlich einfacher, etwas Kritisches über Barack Obama zu schreiben, als über den Bürgermeister, den man beim Einkaufen trifft.

HORIZONT: Bleiben wir gleich beim Thema Qualität. Wenn Sie jetzt 22 Jahre Revue passieren lassen, hat sich im Journalismus etwas geändert? Man hört oft, dass früher alles besser war und früher hatten die Journalisten mehr Ressourcen und Zeit. Jetzt leidet die inhaltliche Qualität sehr. Wie ist das Ihre Meinung dazu?

Petz: Es wird sicher auch nicht in jedem Medium gleich gehandhabt. Wir haben unsere Journalisten bzw. ihre Ressourcen nicht eingeschränkt. Zu berücksichtigen ist, dass es heute viel bessere Recherchemöglichkeiten wie vor beispielsweise noch 15 Jahren gibt. Natürlich unterliegen wir alle klaren wirtschaftlichen Kriterien. Aber ich bin ein klarer Verfechter davon, in anderen Bereichen – z.B. der Produktion und Zustellung - nach Synergien zu suchen und zu versuchen Kosten zu sparen. Man muss sich Einsparungen in der Redaktion gut überlegen, denn die Redaktion ist unser Lebensnerv. Ich bin übrigens nicht der Meinung, dass früher alles besser war.

HORIZONT: Aber was ist heute wirklich schlechter als früher?

Petz: In den letzten Jahren ist es zu einer Über-Boulevardisierung gekommen. Ich möchte jetzt nicht näher darauf eingehen, warum das so gekommen ist. Aber diese Entwicklung hat das Gesamtbild der Medienlandschaft verändert. Wir haben uns dem Qualitätsjournalismus verschrieben. Bei uns steht die Antwort auf eine Journalistenfrage nicht schon vor dem Gespräch fest.

HORIZONT: Es wurde bei den Medientagen sehr viel über Revolutionen gesprochen - so wie jedes Jahr. Aber angekündigte Revolutionen finden ja oft nicht statt. Was sind für Sie die echten Änderungen oder Umbrüche auf dem österreichischen Medienmarkt?

Petz: Natürlich hat das Internet unsere Denkweise völlig verändert. Natürlich sind Facebook, Twitter und Wikileaks Revolutionen. Nur heißt das noch nicht, dass wir wirklich schon verarbeitet haben, was das bedeutet. Facebook etwa: Dort sind sich viele Leute immer noch nicht darüber im Klaren, was sie von sich preisgeben, wenn sie ihr persönliches Register anlegen, und welche Auswirkungen das haben kann. Bei Wikileaks stellt sich auf die Frage, ist es wirklich so, dass man in der virtuellen Welt das Recht hat, alles zu sehen? Ich versuche das immer, mit der realen Welt zu vergleichen. Und dort wäre es vergleichbar damit, dass ich jemandem einen Brief aus dem Briefkasten nehme, ihn kopiere und in dann wieder zurücklege. Die Beschäftigung mit diesem Thema wird jetzt das Spannende werden.

HORIZONT: Auch wie die Menschen mit der Informationsflut umgehen bzw. umgehen werden...

Petz: Jetzt findet eine Diskussion über den Unterschied zwischen Information und Nachricht statt. In der Informationswolke ist alles da. Dann braucht es aber jemanden, der das bewertet, selektiert und auf Wahrheit überprüft. Da bewähren sich bekannte und verlässliche Medienmarken. Ihre Redakteure können kritisch schreiben, ohne Angst vor wirtschaftlichen Nachteilen haben zu müssen. Wenn ich das als Einzelperson mache, werde ich mir das mehrmals überlegen.

HORIZONT: Anonym vielleicht.

Petz: Das scheitert am Stil. In der Anonymität verschwimmen ernsthafte und destruktive Beiträge. Die TT hat deshalb in Österreich eine Vorreiterrolle übernommen und die Klarnamen bei den Postings eingeführt. (Poster müssen sich mit ihrem echten Namen einloggen, Anmerkung der Redaktion). So gesehen finden laufend Revolutionen statt. Zu diesem Thema machen wir übrigens ein gemeinsames Projekt mit der Innsbrucker Universität.

HORIZONT: Wenn wir uns den österreichischen Markt anschauen, die Unternehmen und Akteure, was waren da die großen Veränderungen?

Petz: Neu am Markt dazu gekommen sind in den letzten Jahren Heute und Österreich. Das ist international eher untypisch. Obwohl es logisch war, dass in Wien irgendwann einmal eine U-Bahn Zeitung kommt. Eine bahnbrechende Neuerung war auch die Einführung der Gratis-Wochenzeitungsschiene der RMA, an der die Moser Holding ja zu 50% beteiligt ist. Sie funktioniert in dieser Dimensionierung - dass man nationale, regionale und lokale Anzeigenkunden ansprechen kann - nur in einem Markt der Größe von Österreich. Auf Deutschland umgelegt, müsste die Anzeigenseite einen sehr viel höheren Betrag kosten.

HORIZONT: Stichwort Heute und Österreich - und ich möchte auch die Kronen Zeitung dazu nennen - es gab vor kurzem eine Erhebung vom FOCUS, die herausgefunden haben, dass in den genannten drei Blättern die bezahlte politische Kommunikation überproportional groß ist ...

Petz: Bei dieser Aufstellung wurden kommerziellen Anzeigen den politischen gegenüber gestellt. So sieht man, dass vor allem Österreich und Heute überproportional viele Inserate aus dem politischen Bereich gehabt haben. Alle anderen, insbesondere auch die Bundesländerzeitungen, müssen dann ja weniger haben. Ich war im VÖZ immer ein Promotor des Medien-Transparenz-Gesetzes. Das Gesetz, so wie es jetzt aussieht, ist ein Minimal-Kompromiss. Politische Kommunikation ist wichtig, aber es spricht nichts dagegen, Inserate transparent und nach objektiven Kriterien zu vergeben. Und die Statistiken zeigen, dass das nicht so passiert ist.   Es ist auch für ein Medium selbst wichtig, dass das Verhältnis zwischen politischen und kommerziellen Anzeigen ein gesundes ist. Es ist schon auffällig, dass zum Beispiel die Gratis-Wochenzeitungen bei vielen, alle Österreicher betreffende Kampagnen null Prozent bekommen haben. Wenn etwas bundesweit gemacht werden soll, hat das wohl auch in den Bundesländern eine Bedeutung.

HORIZONT: Glauben Sie, Medien deren TKPs sehr günstig sind überproportional profitieren werden? Das ist ja eine quantitative Maßzahl, Qualität lässt sich ja auch schwer messen. Wenn man jetzt den Falter mit einem anderen Medium vergleichen würden, mit einer NÖN zum Beispiel, ...

Petz: Der TKP wird sicher eine Rolle spielen. Aber die Hauptfrage wird dann sein, wieso man bei bestimmten Themen drei Mal in Wien schalten muss und in den Bundesländern gar nicht.

HORIZONT: Stichwort Klarnamen bei Postings. Da sind sie ja Vorreiter - nicht nur in Österreich. Welche Erfahrungen haben Sie damit gemacht?

Petz: Die Anzahl der Postings ist zwar entsprechend zurückgegangen. Die Postings sind aber wesentlich länger und fundierter. Die hauptberuflichen Poster aus den Parteibüros sind jetzt natürlich nicht mehr so aktiv. Die Postings sind zu einer Art interaktiven Lesebriefen geworden. Ich sehe das positiv und lese die Postings seither auch wieder gern. Wir sind sehr zufrieden und sagen, wir wollen auf allen Kanälen den Qualitätsjournalismus fördern. Wenn sich der Poster nicht eindeutig authentizieren lässt, werden seine Kommentare von unserer Redaktion lückenlos gelesen und einzeln freigegeben oder abgelehnt. In der Diskussion sollten wir aber prinzipiell demokratiepolitisch so weit sein, dass jeder sagen kann, was er will, sich aber mit seinem Namen deklariert. Ich glaube auch, dass die Entwicklung dort hin geht.  

HORIZONT: Hat Ihnen da Ihr betriebswirtschaftliches Herz bisschen weh getan? Weil ein Rückgang bei den Postings bedeutet ja auch ein Rückgang von echtem Geld - nämlich Einnahmen aus der Online-Werbung.

Petz: Wir hatten nie ein so großes Posting-Ausmaß, liegen aber im Werbeaufkommen unseres Onlinedienstes durchaus im Rahmen der anderen.

HORIZONT: Zuletzt gab es ja auch einen Schwerpunkt in Richtung Zielgruppe Kinder online wie auch Print. Können Sie schon ein Resümee zu Toni Times ziehen bzw. auch sagen, wohin die Reise bei Kindern und Jugendlichen geht?

Petz: Es ist Zeit, den Kindern zu zeigen, dass es cool sein kann, sich mit etwas Gedruckten in Kombination mit Online zu beschäftigen. Das ist sehr gut angelaufen und wir haben sehr viele positive Reaktionen bekommen. Das wird noch vertieft und unser Adler Toni wird in Zukunft auch in Volksschulen auftreten. Derzeit liegt Toni Times einmal im Monat der gesamten TT bei. Jeden Sonntag gibt es eine Seite in der TT und daneben noch das täglich aktuelle Online-Portal.

HORIZONT: Kommen wir kurz auf das Thema iPad zu sprechen. Es gibt ja auch eine App von der Tiroler Tageszeitung. Seit wann ist das kostenpflichtig?

Petz: Das iApp war nur beim Start ganz kurz komplett kostenlos. Danach immer nur für eine Test-Zeit. Wir verwenden zur Erstellung unserer iPad-Version die Lösung der APA. Kürzlich ist ja der APA-Kiosk präsentiert worden (siehe HORIZONT Nr. 39, Anmerkung der Redaktion). Ich glaube, da ist es schon wichtig, dass man da Ressourcen bündelt und gemeinsam vorgeht. Ich persönlich verwende mein iPad unter anderem für Mails. Es ist sehr praktisch und übersichtlich. Vor allem, weil man ja nicht immer alle gedruckten Zeitungen parat hat. Wir wollen das iPad übrigens jetzt mehr für Dossiers nutzen. Also bestimmte Themen für das iPad aufbereiten. Das sollen Magazine werden, die es nicht in gedruckter Form gibt, aber am iPad multimedial aufbereitet sind.

HORIZONT: Gibt es da ein konkretes Launch-Datum?

Petz: Es wird mir jetzt im Oktober präsentiert. Ich weiß noch nicht, wie es mir dann gefällt. (Lacht) Vielleicht schaffen wir es noch heuer, aber spätestens im ersten Quartal 2012.

HORIZONT: Das Thema Urheberrecht - ist ja gerade im Zusammenhang von Internet auch ein leidiges Thema.

Petz: Also beim Urheberrecht glaube ich, dass wir aufgefordert sind, uns in die Helikopter-Perspektive zu begeben und das Gesamte zu sehen. Wenn ich etwas von der Informationswolke zur Nachricht mache, dann hat dazwischen eine Leistung statt gefunden. Dann muss es ein Urheberecht geben. Und dieses gehört durchgehend abgegolten. Das geht bis zum Leistungsschutzrecht, wie Axel Springer Verlag das in Deutschland versucht hat oder immer noch dabei ist, zu etablieren. Bei allen Musiktiteln ist es ja normal, dass überall das Wasserzeichen dabei ist. Wieso dann nicht für einen erstellten Artikel?

HORIZONT: Danke für das Gespräch
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