Radio will sichtbar werden
 
Antenne Vorarlberg
Antenne Vorarlberg orientiert sich bei seinem Visual-Radio-Auftritt an Vorbildern aus dem UK, Italien und den Niederlanden.
Antenne Vorarlberg orientiert sich bei seinem Visual-Radio-Auftritt an Vorbildern aus dem UK, Italien und den Niederlanden.

Für Österreichs Radiosender ist ‚Visual Radio‘ derzeit nur ein Nebenprodukt. Ans große Geldverdienen glaubt derzeit kaum einer. Doch die Erwartungen der Sender sind groß, vor allem im Brand Marketing. Und die Angebote werden zunehmen.

Dieser Artikel ist bereits in der Ausgabe des HORIZONT Nr. 29-30/2018 erschienen. Noch kein Abo? Hier klicken.

Allzu viel zu sehen ist derzeit bei Ö3 noch nicht. Und das, obwohl die ORF-Popwelle schon seit 2005 einen Visual-Radio-Kanal betreibt, zu sehen unter anderem via Satellit und IPTV. Dessen gesetzliche Grundlage lässt Bewegtbild derzeit aber nicht zu. So gibt es aktuell lediglich Zusatzinformationen wie Uhrzeit, Hinweise zu Musiktiteln und gelegentliche Verkehrsinfos. Doch schon diese abgespeckte Version erreicht ihr Publikum. Ö3 Visual Radio wird sogar beim Teletest ausgewiesen, mit Quoten nur leicht unter Servus TV. „Gemessen an den Produktionskosten ist Ö3-Visual-Radio der wahrscheinlich erfolgreichste Fernsehkanal Österreichs“, freut sich Albert Malli, stellvertretender Programmchef und technischer Leiter bei Ö3.

Fernsehkanal? Hier beginnen die Schwierigkeiten. Was genau ist, darf und soll Visual Radio, eine Gattung, die Mediengesetze gar nicht kennen? „Das Spannende an Visual Radio ist, dass ein neues Produkt aus der Mischung von Radio und Fernsehen entsteht. Das macht es allerdings auch so schwierig“, findet Malli. So schwierig, dass sich inzwischen höhere Instanzen mit der Frage beschäftigen müssen, was Visual Radio denn eigentlich sein soll. „Wenn heute etwas Neues entsteht, dann weiß der Gesetzgeber oft nicht, wie er damit umgehen soll, weil er es nicht mehr klassifizieren kann“, so der stellvertretende Ö3-Programmchef.

Denn eigentlich hat der ORF mit dem Medienzwitter viel mehr vor. 2014 beantragte er eine Genehmigung für ein Visual-Radio-Zusatzangebot bei der Regulierungsbehörde KommAustria, die im Februar 2015 abgelehnt wurde. Doch, darauf legt der ORF Wert: „Die KommAustria hat unser Konzept zu Ö3-Visual-Radio gar nicht negativ beurteilt, es gab lediglich einen Einspruch der Bundeswettbewerbsbehörde“, so Malli gegenüber dem HORIZONT. Dieser Einspruch habe das Verfahren auf die nächsthöhere Instanz verschoben. Seither ist das Bundesverwaltungsgericht zuständig. „Und das ist leider sehr enttäuschend für den ORF, denn das Gericht entscheidet in dieser Causa einfach nicht.“ So würden Innovationen durch umständliche Behördenverfahren ewig in die Länge gezogen.

Konzepte liegen bereit

Doch von Rückzug keine Spur, der ORF hat bereits investiert. Konkrete Ausbaupläne sehen mehrere Kamerapositionen in den Sendestudios vor, einen vollautomatischen Bildschnitt, basierend auf den Reglereinstellungen am Moderatorenpult im Studio. Wenn Musik läuft, wird der dazugehörige Musikclip sichtbar, so der Plan. Derzeit könne man aber noch nicht alle Vorarbeiten leisten, denn auch mit einem „Nein“ des Bundesverwaltungsgerichtes müsse man grundsätzlich rechnen, die Chancen stehen nach Einschätzung von Malli bei „50/50“.

Dass visualisiertes Radio in Österreich offenbar Marktpotenzial hat, weiß man auch bei den privaten Mitbewerbern. Als Vorreiter startete Antenne Vorarlberg im Februar 2017 einen Visual-Radio-Stream im Netz. Zusätzlich wird das Produkt auch als Frühstücksfernsehen im lokalen Ländle TV, RTV sowie über das Newsportal vol.at vertrieben. Visual Radio bringt Radio ins digitale Zeitalter, findet Mario Mally, Geschäftsführer bei Antenne Vorarlberg. Webcam, Musiktitel, Temperaturen und Schlagzeile – so sehen derzeit die noch überschaubaren Visual-Radio-Zutaten in Schwarzach aus. Aber auch hier ist der Ausbau eingeplant. Musikvideos sollen folgen. Antenne-Chef Mally verweist auf „spannende Zusatzprogramme, vor allem im UK, in Italien und den Niederlanden“, die Specials mit Gästen böten. Daran orientiere man sich auch bei Antenne Vorarlberg.

‚Nicht sonderlich zielführend‘

Einfache Visual-Radio-Rezepte, wie derzeit bei Antenne Vorarlberg zu sehen, sind für den nationalen Mitbewerber KroneHit allerdings kein Modell: „Ich halte es nicht für sonderlich zielführend, einfach eine Kamera ins Studio zu hängen. Allen zu zeigen, dass im Studio gerade nichts los ist, finde ich nicht so spannend“, meint Daniela Linzer, stellvertretende Programchefin bei KroneHit. Dort soll Visual Radio einem etwas anderen Zweck dienen. „Die Zukunft des Radios hängt nicht so sehr vom Visual Radio selbst ab, sondern vielmehr von der Frage, wie man die eigene Marke in die Lebenswelten der Zielgruppen bringt“, so Linzer. Derzeit gleicht „kronehit.tv“ einem Videoclipkanal, der eher an MTV als an einen Radiosender erinnert. Dabei soll es nicht bleiben. Auch KroneHit schraubt an Innovationen, die noch im vierten Quartal dieses Jahres sichtbar werden sollen. Die derzeit im Bau befindlichen neuen Studios werden in den kommenden Wochen und Monaten mit vier bis fünf HD-Kameras pro Studio versehen, verrät Linzer gegenüber HORIZONT. kronehit.tv soll vom linearen Radio entkoppelt bleiben, eigene Moderationsstrecken und neue Möglichkeiten zu Interaktionen bieten. Auch einzelne Festivals sollen dann live übertragen werden.

Bei der Herausgabe aktueller Nutzerzahlen halten sich die Sender mit ihren noch unterschiedlichen Formaten von Visual Radio zurück. Überschaubar sollen sie sein, aber die Erwartungen an die Weiterentwicklung sind groß. 20 Prozent der Nutzer, die Radio über eine App hören, so schätzt man bei Ö3, würden sich auch die Videos dazu anschauen. Vor allem Geschehnisse mit Eventcharakter ließen sich besser über visualisierte Inhalte verbreiten, als allein über Audio. Schon heute würden die Peaks bei Veranstaltungen wie dem „Ö3 Weihnachtswunder“ die Abrufzahlen der Webcams in den Außenstudios extrem nach oben schießen lassen, berichtet ­Albert Malli. Es bleibe aber lediglich ein Zusatzangebot, das den Markt nicht auf den Kopf stellen werde.

Im Schatten des Kampfes um junge Zielgruppen gibt es noch andere Visual-Radio-Produkte „made in Austria“. Ö1 produziert aus dem Studio 3 des Radiokulturhauses mit „Klartext“ eine der ältesten und erprobten Versionen von visualisiertem Radio. Die Sendung des ersten nationalen Hörfunkprogramms wird nicht nur via Ö1 übertragen, sondern auch über den TV-Ausspielweg ORF III. Ein Konzept, das in ähnlicher Form vor allem auf frankophonen Märkten erfolgreich ist. Politische Talks im Radio, die Gäste-Headsets im Gesicht, Studioinszenierung und Ausleuchtung eher sporadisch, das Logo des Radiosenders dafür gut sichtbar.

Ö1 setzt in etwa das um, was bei kommerziellen und öffentlich-rechtlichen Wortprogrammen wie France Inter, Europe1 und RMC (Frankreich), RTBF – La Première (Belgien) und RTL Radio Lëtzebuerg (Luxemburg) seit vielen Jahren funktioniert. Nicht in erster Linie zum Geldverdienen, sondern fürs Image. Mit visuellen Diensten konnte das Radio dort seine Position als meinungsrelevantes Medium aufwerten, indem die „essentials“ der Morningshow-Talks mit den Köpfen des Tages auch in den Abendnachrichten im TV noch einmal zu sehen sind, mit übergroßen Logos der Radiosender im Hintergrund, versteht sich. Mehr Gattungswerbung geht nicht.

[Danilo Höpfner]

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