"Print-geprägte Controller-Mentalität"
 

"Print-geprägte Controller-Mentalität"

Radikal online: Der frühere Chef des Portals 20 Minuten Online und Schweizer Chefredakteur des Jahres nimmt die Branche ins Gebet - Medienhäuser stecken erwirtschaftetes Geld nicht in bessere Inhalte oder neue Medienmodelle gesteckt, sondern in "Dot-com-Bingo"

Ein Interview mit einem führenden Schweizer Journalisten zieht derzeit die Aufmerksamkeit in der Medienbranche auf sich: Hansi Voigt, Ex-Chefredakteur von "20 Minuten online" und Schweizer Chefredakteur des Jahres 2012, rechnet in dem Gespräch mit der Zeitung "Der Sonntag" schonungslos mit der Zeitungsbranche ab. Sein Zugang ist dabei radikal auf den Online-Journalismus fokussiert. Er plädiert dafür, geringere Renditen in Kauf zu nehmen, und Geld in eigene Medieninnovationen zu stecken. Den Medienhäusern wirft er vor, einerseits bei Journalisten und damit den Inhalten zu sparen, andererseits ihr erwirtschaftetes Geld in einer Art "Dot-com-Bingo" anzulegen.

Journalisten als "variabler Teil"

"Aus der Sicht des Kosten-Controllings sind Journalisten nicht mehr als ein Kostenfaktor. Und sie sind inmitten von Fixkosten wie der Druckerei oder dem Vertrieb der variable Teil. Also spart man hier", kritisiert Voigt. Gute Inhalte, die den journalistischen Markenwert steigern, seien für das Controlling zudem nicht messbar und würden "in keiner Jahresrechnung auftauchen". Die Firmenlenker seien "mehrheitlich gelernte Drucker, Schriftsetzer oder kommen aus dem Inserate-Verkauf und haben sich finanzbuchhalterisch weitergebildet. Es dominiert die print-geprägte Controller-Mentalität, mit der man jahrelang hervorragend gefahren ist."

Bestes Jahr, 15 Prozent weniger Redaktionskosten

Der Effekt, am Beispiel seines bisherigen Verlages, der Schweizer Tamedia: Im April 2012 sei das höchste Ergebnis seit Bestehen der Tamedia gefeiert worden und die Mitarbeiter hätten eine Lohnerhöhung von 0,4 Prozent bekommen. Einen Monat später sei bekannt gegeben worden, dass die Redaktionskosten um 15 Prozent gesenkt werden müssten. "Es scheint, als solle die Rendite in einer rasant umbrechenden Zeit die einzige Konstante sein", so Voigt.

Renditen von 19 Prozent für "Bingo"

Konzernweit liege diese bei 19 Prozent, so Voigt. "Damit könnte man dem Journalismus ganz gut aus der angeblichen Krise helfen. Leider wird aber zurzeit in den Grossverlagen das erwirtschaftete Geld nicht in bessere Inhalte oder neue Medienmodelle gesteckt, sondern eher für eine Art Dot-com-Bingo ausgegeben", sagt der Journalist. "Da werden Firmen zusammengekauft, die nichts mit dem enormen Wert zu tun haben, den Redaktionen für den Verleger schaffen: Aufmerksamkeit."

Dass die Verlage eine derartige "Private-Equity-Haltung" an den Tag legen, komme schlicht von den Erfolgen der Vergangenheit: "Verlegerfamilien konnten früher wählen, ob sie Zeitungen oder lieber gleich Geld drucken wollen."

"Bollwerk fällt weg"

Die Zeiten seien aber vorbei, plädiert Voigt: "Digitale Medien brauchen keine Druckerei und keinen Vertrieb. Damit fällt das Bollwerk weg, das bislang vor neuen Marktteilnehmern schützte und lange schöne Quasi-Monopolrenditen garantierte." Die Verlage und vor allem ihre Besitzer müssten sich überlegen, ob sie mit geringeren Renditen zurechtkommen wollen oder nicht.

Er erteilt auch dem reinen Fokus auf den Controller eine Absage: "Im Hegelschen Sinne muss auf den Geld verachtenden Journalisten und den rein auf Kostenreduktion fixierten Controller die Antithese in Form eines kostenbewussten, journalistischen Unternehmertums kommen, das sämtliche technischen Möglichkeiten nutzt."

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