Pressefreiheit: 'Der Journalismus ist in Afgh...
 
Pressefreiheit

'Der Journalismus ist in Afghanistan schon gestorben'

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Journalisten zeichneten bei einer Podiumsdiskussion des Österreichischen Journalistenclub ein düsteres Bild von der Lage im Land.

"Es gilt, was die Taliban wollen" - der afghanische Journalist Ramin Siawash, der in Wien lebt und arbeitet, zeichnete bei einem Podiumsgespräch am Donnerstagabend ein tristes Bild der Lage in seinem Heimatland. Am schlechtesten ergehe es den Frauen in seinem Metier. Zugleich gäben sich die Taliban Mühe, "vor der Welt ein anderes Bild von sich zu zeichnen".


Es sei eine bittere Realität, "dass Journalistinnen sich verstecken müssen", so Siawash bei einer Veranstaltung im Österreichischen Journalisten Club (ÖJC) zum Thema "Journalismus unter den Taliban". Er hatte in Afghanistan als Radiojournalist mit Kolleginnen zusammengearbeitet und Mädchen Englischunterricht erteilt. 2015 flüchtete er, nachdem er von den Taliban bedroht worden war und einen Anschlag überlebt hatte. Als Schulkind hatte Siawash die Herrschaft der Extremisten erlebt, als diese das erste Mal an der Macht waren.

"Rede- und Meinungsfreiheit existieren nicht mehr", zog der junge Journalist, der in Österreich u.a. für Radio Orange tätig ist, Bilanz. "Jetzt werden alle Radio- und Fernsehstationen von den Taliban kontrolliert." In der ersten Taliban-Ära habe es keine freien Journalisten gegeben, auch jetzt erwartete er nichts anderes. Die Rückkehr der Taliban an die Macht habe ihn dennoch überrascht. Über die Leiden der Menschen werde jetzt nicht korrekt berichtet. Denn, so Siawash, für afghanische Journalisten und ausländische Berichterstatter gelten nicht die gleichen Regeln.

'Aufbruchsstimmung'

Der Kriegsreporter Gerhard Tuschla, der fünf Mal in Afghanistan war, macht sich ebenfalls keine Illusionen. 2001, nach den Anschlägen von 9/11 in den USA, als die ganze Welt nach Amerika blickte, flog er nach Afghanistan. Dort zahlten die USA nach seinen Worten Gelder an Afghanen, auch Warlords, um sie von den Islamisten wegzulocken. 2002 gab es "eine Aufbruchstimmung", auch im Journalismus, nach dem "Wüten der Islamisten, mit Tötungen und Steinigungen".

Doch viele Entwicklungshilfegelder flossen "leider oft in falsche Kanäle, an die falschen Personen", auch an Clan-Chefs, führte Tuschla aus, der unter anderem für ORF, RTL und Spiegel TV Reportagen lieferte. Ausdrücklich wies er auf die großen Unterschiede zwischen Stadt und Land in dem multiethnischen Staat hin. UNO-Bemühungen, die Bauern vom Mohn- auf Getreideanbau umzustellen, schlugen fehl. Mit dem Resultat: "Die Taliban bekamen in der Landbevölkerung Zulauf." Konklusio: "Die Taliban waren immer präsent, besonders auf dem Land."

Die Korruption sei in Afghanistan weit verbreitet, darin waren sich die beiden Journalisten einig. Über die Staatspräsidenten wisse man Bescheid. Präsident Ashraf Ghani war angesichts des Anmarschs der Taliban auf Kabul ins Ausland geflüchtet. Im Straßenbau, wo vor allem chinesische Firmen große Aufträge einheimsten, wurden viele Gelder von Politikern veruntreut, sagte Tuschla. "Die Chinesen kochten ihr eigenes Süppchen." Korruption habe es auch in der afghanischen Armee gegeben. Er kenne Fälle von Afghanen, die sich mit Hilfsgeldern bereicherten und in den Golf-Staaten leben. Nach den Worten von Siawash hätten ferner "fiktive Schulen" Gelder kassiert. Die beiden Journalisten verwiesen auch auf das Fehlen einer verlässlichen Volkszählung und gültiger Statistiken, was sich etwa bei Wahlen auswirke.

Als großes Problem sieht der Afghane die Verquickung von Religion und Politik in seiner Heimat. "Wir können nicht mehr zurückkehren in ein Leben, wie es der Jihad predigt", erklärte Siawash. Die Jihadisten agierten mit Sprüchen wie "Ein Afghane muss ein Muslim sein" oder "Englisch-Unterricht ist gegen den Islam". Die Religion müsse von der Politik getrennt werden.

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