Podcast Episode #3: TikTok – das Entstehen ne...
 
Podcast Episode #3

TikTok – das Entstehen neuer digitaler Jugendkulturen: Vergänglichkeit, Goldfische und neue Idole

HORIZONT / Accenture Interactive

TikTok und Co.: Vom Entstehen neuer Jugendkulturen samt neuer Kreativität, gesellschaftlichen Auswirkungen, dem Aufkommen neuer Idole und dem Phänomen Hyper Attention spricht Jugendforscher Matthias Rohrer im neuen HORIZONT-Podcast.


Der jüngste Aufreger war wieder einmal Bedenken in Sachen Datenschutz: Ende Juni sperrte ­Indien das Soziale Netzwerk TikTok, wie auch zahlreiche weitere chinesische Apps. Neben wirtschaftspolitischem Geplänkel stand vor allem der Vorwurf der missbräuchlichen Verwendung von Userdaten im Fokus. Ungeachtet dieser Begleiterscheinungen hat sich der Musical.ly-Nachfolger TikTok jedenfalls zu einem gewichtigen Player im globalen Digitalkonzert entwickelt: 800 Millionen aktive User zählt die App laut Eigenangaben, damit ist das Portal für kurze Videoclips und mit Musik hinterlegten Filmchen längst in die Riege der gewichtigsten Plattformen aufgestiegen – vor allem bei Jugendlichen. Gemeinsam mit WhatsApp, YouTube, Instagram und Snapchat zählt TikTok zu den beliebtesten Apps am Smartphone. Dabei kommen auch Fragen nach der Verwendung im Kontext von gewalttätigen bis pornografischen Inhalten an sich bis hin zur Etablierung einer neuen Jugendkultur auf.

Matthias Rohrer, Studien- und Projektleiter am Institut für Jugendkulturforschung, geht diesen in HORIZONT-Erweiterung, dem neuen Podcast von HORIZONT, nach. Er attestiert Apps wie TikTok und Snapchat dabei perfekte Grundeigenschaften, die gesamtgesellschaftliche Trends ­bedienen und auch befeuern. „Diese Apps spiegeln perfekt den Kommunikationstrend wider, den wir schon länger beobachten: Beginnend mit Sozialen Medien wird das Bild zur immer wichtigeren Kommunikationsquelle, Text verliert zunehmend an Bedeutung“, so Rohrer. „Wenn man sich TikTok und Snapchat ansieht, ist man am Ende der Entwicklung angekommen, wo Kommunikation hauptsächlich über Bewegtbild-Medien stattfindet.“ Auf Basis des Kommunikationsverhaltens zeige sich die Entwicklung von langen tiefergehenden Inhalten hin zu ganz kurzen, fast schon Informationssnaps. Für die User stehe weniger die Nachricht an sich im Mittelpunkt, sondern viel mehr die Trend-Information. Es gehe darum, „zu wissen, was in der gleichaltrigen Gruppe in ist“, bekräftigt Rohrer. 

Neue menschliche Fähigkeiten

Geprägt sind Inhalte von Vergänglichkeit, etwa bei Storys, aber auch einer neuen Form der Aufmerksamkeit. „Gerade durch das Internet im weitesten Sinne und Sozialen ­Medien im engeren Rahmen findet große Veränderung statt. Wir bewegen uns gesamtgesellschaftlich mittelfristig mit nachrückenden Generationen von einer Gesellschaft, die sich beim Medienkonsum durch Deep Attention auszeichnet, zu einer der Hyper Attention.“ Unter Deep Attention versteht man die Fähigkeit, sich über einen längeren Zeitraum mit einem Medium oder Inhalt auseinanderzusetzen – Beispiel Buch. Hyper Attention beschreibt genau das Gegenteil, also immer kürzere Inhalte, immer schneller aufeinanderfolgende Inhalte bis hin zur Parallelnutzung. Abwertend wird oft von einer Aufmerksamkeitsspanne gesprochen, die jener von ­Goldfischen ähnelt. „Gerade junge Mediennutzung ist ganz stark von Hyper Attention geprägt“, so Rohrer, „aber das ist ein Skill, der positive Seiten hat: Die Jungen vermögen unglaublich schnell zu switchen, unglaublich schnell verschiedene Dinge auch parallel oder in kurzer Abfolge zu machen. Da verändern sich auch menschliche Fähigkeiten.“ 

Soziale und kulturelle Anker

Getragen werden Soziale Netzwerke wie diese nicht nur von der Breite, sondern auch der Spitze der User: Influencer mit Millionen-Followerschaft. Charli D‘Amelio verbucht auf TikTok über 60 Millionen Follower, Zach King gute 44 Millionen, Loren Gray 43,8. Sie sind nicht nur Influencer, sondern für Rohrer die neuen Pop- und Fußballstars der jungen Generation. „Wichtig zu verstehen ist, dass für die heute junge Generation digitale Angebote und das Leben, das dort passiert, auch echtes Leben sind. Die Unterscheidung, die unsere Generation noch trifft mit Idolen aus dem echten Leben, treffen die nicht mehr.“
Das Leben werde in die digitalen Räume erweitert. Dabei habe sich aber die Funktion von Stars und Idolen gar nicht so stark geändert. „Sie sind wichtige Orientierungspunkte im soziokulturellen Kontext. Denen wird nachgeeifert, so wie Kinder der 80er-Jahre das große Bedürfnis hatten, in ihrer Teenie-Zeit Pop- oder Fußballstar zu werden – immer mit der Klarheit, dass das schwierig oder unmöglich ist.“ Den Traum vom perfekten Leben als Star sehe man heute in anderen Lebensbereichen, sei es auf TikTok oder auch im ­Gaming-Bereich, führt Rohrer im ­Podcast aus.

Neue Art der Kultur

Durch das Erstellen und Hochladen von Inhalten entstehe aber auch eine neue Art der Kreativität, Kultur. „Wichtig zu sehen ist, dass immer, wenn wir über digitale Medien reden, diese auf der positiven Seite den Effekt eines neuen, unglaublich erweiterten jugendkulturellen Spielraums bringen.“ Das sei auch in Zeiten, in denen die kreative Auslebung im öffentlichen Raum immer schwierigier und unerwünschter werde, von großer Bedeutung. „Hier öffnet sich ein breiter digitaler Raum, der einem die Möglichkeit gibt, sich selber auszuprobieren. Was man dabei nicht übersehen darf, ist, dass das viele Skills sein werden, die für junge Menschen in der Zukunft am Arbeitsmarkt auch von Vorteil sein werden“, betont Rohrer. Der Hype hat aber auch Schattenseiten: Snapchat wird allzu gerne für die Übermittlung von privaten, pornografischen Inhalten genutzt, auch gewaltverherrlichende oder gewalttätige Inhalte gehören zum Alltag. „Es entstehen neue Gefahrenräume, um die man sich gesellschaftlich kümmern muss – einerseits durch Regeln auf gesetzlicher Ebene, andererseits aber auch durch Wissen“, so Rohrer weiter. Der HORIZONT-­Podcast wird präsentiert von Accenture Interactive, ­Österreichs führender Digitalagentur. Im Podcast spricht HORIZONT-Chefredakteur Jürgen Hofer mit Expertinnen und Experten über Trends und Themen aus den Bereichen Digital, Kommunikation und Medien.

HORIZONT-Erweiterung ist unter anderem auf horizont.at, Spotify, Deezer und Apple Podcast abrufbar. 

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