Oscar Bronner: Medienmacher, Maler und Kriti...
 

Oscar Bronner: Medienmacher, Maler und Kritiker

Der Standard

Oscar Bronner gründete trend, profil und den Standard, der nun 30 Jahre alt wird. Zum Jubiläum spricht er mit HORIZONT über Ruf und reale Verortung, Themen, bei denen man ‚einseitig‘ sein müsse, und welche Standards Der Standard gesetzt hat.

"Dass sowas stattfindet, das wussten wir. Dass das schriftlich gemacht wird, war das Überraschende“. Oscar Bronner, Herausgeber des Standard und eigentlich nicht mehr im operativen Verlagsgeschäft tätig, ist plötzlich wieder mittendrin. Als deutliches Warnsignal beschreibt Bronner das, was vor wenigen Wochen unter der Bezeichnung „Kickls E-Mail-Affäre“ um die Welt ging. Der Name seiner Tageszeitung auf einem Schreiben aus dem Innenministerium an die Polizeidienststellen – Medien, mit denen nur noch das Notwenigste kommuniziert werden solle. Dass diese Leute ihre eigenen Freunde gut bedienten und jene, die sie nicht als Freunde betrachteten, dagegen schlecht, das, so Bronner, sei leider der Normalzustand. Man müsse es ernst nehmen, wenn sich eine Regierungspartei in Österreich als Orbán- und Putin-Fan zeige. „Wenn sie das dort gut finden, dann muss man zumindest davon ausgehen, dass sie diese Systeme bei uns auch gut fänden“, so Bronner gegenüber HORIZONT.

Oscar Bronner, geboren in Haifa, 75 Jahre alt, ist ein österreichisches Unikat. Bronners Vater, der spätere Kabarettist Gerhard Bronner, floh 1938 nach dem „Anschluss“ Österreichs nach Palästina. Drei Jahre nach Kriegsende kehrten die Bronners nach Wien zurück. Der kleine Oscar habe zum damaligen Zeitpunkt kaum echtes Deutsch gesprochen, lernte erst nach Ankunft in Wien die deutsche Sprache und verlor dabei in nur kurzer Zeit sein Hebräisch. Versuche, es später zu reaktivieren, so schilderte es Bronner in einem Fernsehinterview, seien immer wieder gescheitert.

Kadettenschule Lokaljournalismus

Bronner arbeitete als Beleuchter und Regieassistent im Theater seines Vaters, später als Volontär der Arbeiter-Zeitung und beim Boulevardblatt Express. Beide Zeitungen existieren nicht mehr, doch dort habe er das journalistische Handwerk gelernt, in dem er über Verkehrsunfälle und Brände berichtet habe. Das war die „Kadettenschule“ – man berichtet über alles Mögliche. Lokaljournalismus eben. Dort lerne man recherchieren, mit und über Menschen zu reden, Dinge zu erfahren.

Seine Karriere als Mediengröße Österreichs begann frühzeitig. Mit 27 Jahren gründete er das Wirtschaftsmagazin trend und das Nachrichtenmagazin profil, bis heute zwei der relevanten Magazine am heimischen Markt. Doch schon vier Jahre später kam „das Angebot, das man nicht ablehnen kann“. Zuvor hatte der Kurier Interesse an Bronners Geschäftsmodellen mit Qualitätsjournalismus im Magazinsektor entdeckt und Konkurrenzprodukte am Markt platziert. Bronner verkaufte und ging als Künstler nach New York.

Hier hätte Bronners Medienkarriere made in Austria enden können. Das Leben als Künstler in New York City als Maler und Bildhauer soll nicht erfolglos gewesen sein. Ab 1980 zeigte er seine Bilder in Einzel- und Gruppenausstellungen in New York und Washington, aber auch in Paris, Mailand, Düsseldorf und Wien.

‚NYT‘ als Vorbild

Bronner zog es zurück. Und er kam zurück – als Bildhauer, Maler und erneut als Mediengründer. Letzteres so halbfreiwillig. Kurier, Krone, Kleine Zeitung – so sah die Medienlandschaft in Österreich 1986 aus. Bronners eigenen Ansprüchen an eine hochwertige Tageszeitung reichte das nicht aus. Mitte der 80er hatte die New York Times in Sachen Darstellungsformen, investigativer Recherche und Interview, vor allem aber mit ihrer Unabhängigkeit, Maßstäbe gesetzt. Die NYT für Österreich sollte es sein, zumindest aber eine Süddeutsche Zeitung. Selbige war später als Gesellschafter an Bronners Verlagsprojekt beteiligt, in den ersten Jahren war es jedoch – ausgerechnet – der Bild-Verlag Axel Springer, der Interesse an Bronners Offensive für österreichischen Qualitätsjournalismus fand. Die Nullnummer lief noch unter dem Titel „Wirtschaftsblatt“. Die erste Ausgabe des Standard erschien am 19. Oktober 1988, Oscar Bronner war fortan Herausgeber.

30 Jahre danach: Welche neuen Standards hat Oscar Bronner mit dem Standard in der österreichischen Medienlandschaft setzen können? „Vor der Gründung gab es in Österreich keine unabhängige Qualitätszeitung, die mit dem Leser auf Augenhöhe kommuniziert hat“ so Bronner. Wettbewerb sei gut. Auch die Mitbewerber seien besser geworden – im Qualitätssektor, schiebt Bronner hinterher. Im Boulevardbereich gelte das nicht. Auch dort gebe es einen Wettbewerb, aber eben einen nach unten. Leider habe die Politik im Lande die Neugründung von Qualitätsmedien nicht so gut gefunden und mit Unmengen an Steuermitteln die Gründung und den Ausbau der Boulevardmedien massiv gefördert. So sei das Gesamtniveau der Medien in saldo wieder gesunken.
Auch über Fehler im eigenen Blatt kann sich Bronner noch ärgern. Vom Rechtschreibfehler bis zur mangelhaften Recherche. „Leider passiert das immer wieder, im Gegensatz zu anderen Zeitungen legen wir großen Wert darauf, Fehler auch richtigzustellen.“

Allzu viel jenseits der eigenen Hauspost liest Bronner privat nicht mehr, zumindest nicht vom österreichischen Medienmarkt. Seine eigenen Gründungen trend und profil gehören noch dazu, auch Falter und Datum.

Sohn will Digital ausbauen

Schwach auf der Brust erscheint der Standard im Mediengeschäft jenseits der klassischen Tageszeitung. Im Vergleich zu den Mitbewerbern auf dem österreichischen Markt betreibt die Standard-Verlagsgesellschaft keinen Radio- oder Fernsehsender. Im Gegensatz zu den großen Vorbildern SZ und NYT gibt es keine Audios, keine Podcasts. Mit Bewegtbild wird außerordentlich vorsichtig experimentiert. Online sei nicht seine Expertise, so der Gründer, heute Bronner senior. Die von „Bronner junior“ inzwischen schon: Bronners ältester Sohn, Alexander Mitteräcker (45), ist nunmehr für das Verlagsgeschäft zuständig damit auch für Digital. Man arbeite am Videocontent, das werde in Zukunft mehr werden.

International betrachtet hat Bronner sein Blatt durchaus zu einer Referenzgröße gemacht. Egal ob internationale Presseschau oder aktuelle Ereignisse in Österreich: In internationalen Medien ist Der Standard regelmäßig Stimme Österreichs. Den Vergleich, dass das Blatt aufgrund der relativ geringen Auflage – selbst die regionalen Blätter OÖN, Salzburger Nachrichten und Tiroler Tageszeitung haben eine höhere Auflage als der national erscheinende Standard – vielleicht überschätzt werde, will Bronner nicht gelten lassen. „Wenn Sie die Auflage des Standard umrechnen auf die Auflagen der Qualitätszeitungen in Deutschland, so haben wir eine gewaltige Auflage“, so der Herausgeber.

Für sich selbst ‚zurechtgebastelt‘

Auf Wachstum auf anderen Märkten hat Bronner laut eigenen Worten bewusst verzichtet. Nach dem Fall der kommunistischen Regimes seien zahlreiche Tageszeitungen aus Osteuropa auf ihn zugekommen. Ratschläge habe er gern gegeben, so gut er konnte. „Aber Investments in Zeitungen, die ich selbst nicht lesen konnte, waren für mich nicht interessant.“ Aus dem Verleger spricht plötzlich der Individualist, der Künstler: „Ich habe mir das zurechtgebastelt, nach meinen eigenen Bedürfnissen.“

Und die Zukunft? Über aktuelle Entwicklungen in der Branche macht sich Oscar Bronner durchaus Sorgen. Dass ein einseitiger Sender wie Fox News in den USA gegenüber einem echten Nachrichtensender wie CNN so erfolgreich sei, hält Bronner für „sehr betrüblich“. Die Macht des Faktischen gehe dorthin, wo das Geld ist. Wenn das Beispiel Schule mache, mit einem einseitigen Angebot mehr Geld verdienen zu können als mit einem überparteilichen, dann würden über kurz oder lang andere diesem Muster folgen. Die Gefahr, dass auch Leser und Nutzer im deutschsprachigen Raum immer häufiger ihre eigene, feste Meinung lieber bestätigt sehen, als unabhängig und neutral informiert zu werden, sieht Bronner durchaus.

„Wir halten gegen diese Entwicklung. Wir sind überparteilich – kreiden aber an, wenn eine Partei die Demokratie in Gefahr bringt.“ Unabhängigkeit dürfe man nicht mit Meinungslosigkeit verwechseln. „Wenn es um grundlegende, generelle Aspekte der Demokratie geht, dann muss kritisiert werden.“ Es gebe wenige Themen, bei denen man einseitig kommentieren müsse, sagt er, und nennt Pressefreiheit und Todesstrafe als Beispiele. Diese Themen könne und dürfe man zu keinem Zeitpunkt relativieren.
Pro und Kontra – auch im Kommentar. Das sei wichtig im Journalismus. Das sei ein Feature, das Bronner am eigenen Blatt ganz besonders mag, dass inzwischen aber auch kein Alleinstellungsmerkmal des Standard mehr ist.

Angesprochen auf Österreich, meint Bronner mit seiner Kindheit in Palästina und dreizehn Jahren Lebenserfahrung in den USA: „Ich bin Österreicher, ich war nie etwas anderes.“ Und als solcher mache er sich durchaus Sorgen. Es bestehe die reale Gefahr, dass sein Land in Allianzen und Freundschaften abdrifte, die ihm nicht sympathisch wären. Das Faktum, dass befreundete, westliche Nachrichtendienste mit dem BVT nicht mehr so gern zusammenarbeiten wollten, die immer engere Nähe zu den Ansichten der Visegrad-Staaten, fehlende Solidaritätsaktion, all das verschaffe ihm Unbehagen. Oscar Bronner: „Ich hoffe, dass dieser Spuk bald vorbei ist und Österreich wieder in die Wertegemeinschaft zurückfindet, in der man über Jahrzehnte gut aufgehoben war.“

[Danilo Höpfner]

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