ORF: Wrabetz: 'Es spricht schon viel dafür'
 
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Wrabetz: 'Es spricht schon viel dafür'

David Bohmann

Generaldirektor Alexander Wrabetz hält seine Kandidatur für die ORF-Wahl offen, präzisiert aber seine Visionen für das größte Medienhaus. Dabei nimmt er die Medienpolitik in die Pflicht und macht erneut einen Schritt auf private Medienhäuser zu. 

Alexander Wrabetz ist aktuell nicht aus der Reserve zu locken. Knapp eine Stunde lang referiert der ORF-Generaldirektor unter der Woche vor Journalisten über seine Visionen und Pläne für einen modernen öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Am 10. August wird der Stiftungsrat wie berichtet die Führung für die nächsten Jahre bestellen – ob das nun sein Wahlprogramm sei, wird Wrabetz gefragt? „Es ist das Programm des ORF für die nächsten Jahre“, weicht Wrabetz zuerst auf die Frage nach einer Kandidatur seiner Person aus, um sich auf spätere Nachfrage ein „es spricht schon viel dafür“ entlocken zu lassen. Er wolle nicht „so wichtige Dinge mittendrin einfach stehen lassen“ und den ORF auf Schiene bringen, von einem public broadcaster zu einer public service plattform. „Es ist soviel zu tun, dass ich niemand mit irgendwelchen Ankündigungen belasten möchte“, gibt er sich nahezu bescheiden.
'Zentralen Chefredakteur wird es nicht geben'

Am Küniglberg wird derweil intensiv am neuen Newsroom gebaut, Wrabetz sieht alles im Plan. Man werde auch das Bduget erreichen „oder sogar leicht unterschreiten“. Die drei zentralen Elemente im Zusammenspiel: Erstens der Newsdesk als „aktuelles Herz“ für TV, Radio und Online. Wrabetz sieht aktuelle News, News Flashes und Social Media News dort verortet. Zweitens die bestehenden Fachressorts, die multimedial werden sollen: IPO, APO, Chronik, Wirtschaft und Wetter. Drittens die Sendungs- und Plattformteams: „Sie dienen der Vielfalt“, so Wrabetz. So soll es etwa einen eigenen ZiB1-Bereich oder einen eigenen ZiB2-Bereich geben, die in Zusammenarbeit mit multimedialen Ressorts die Sendungen machen. Ab dem zweiten Quartal 2022 werden die Räume bezogen und die Struktur umgesetzt. Dafür brauchts auch Personal, Wrabetz will das (nach der GD-Wahl) im Herbst ausschreiben und besetzen. 

Die Leitung des Newsrooms ist für Wrabetz "der Schlussstein". Es werde ein multimediales Newsroom-Management geben, das über der Struktur steht: "Am Ende müssen Entscheidungen getroffen werden", so Wrabetz, der von Führungsteams spricht. "Wie die sich ergänzen sollen, müssen wir erst festlegen", so der ORF-Chef. Auch, ob es dort eine Verantwortung für einzelne Medien oder Vertreterregelungen gibt. „Einen zentralen Chefredakteur der vom ersten Journal in der Früh bis zur Zib24 alles entscheidet, halte ich für falsch – den wird es nicht geben.“



Der Rahmen seiner getätigten Ausführungen zu einem zukunftsfitten ORF ist bekannt – im Kern präzisiert er dann einige seiner Überlegungen im Detail. Etwa einen gemeinsamen Medien-Login. Unter dem Titel „Meine sichere ID“ existiert bekanntlich bereits ein Verein, der solch einen Login für User branchenübergreifend forciert – neben den Medien (über die Austria Presse Agentur) sind hier auch Banken, die Post, der Handelsverband oder auch die Telcos engagiert. Wrabetz drückt aufs Gas und fordert schon jetzt gemeinsame Bestrebungen der Medienhäuser. Ihm schwebt eine Abwicklung über die Genossenschaft APA vor, in der man schon erfolgreich zusammenarbeite. „Das kann in späterer Folge mit der sehr umfassenden und komplexen Meine sichere ID zusammenwachsen, muss es aber nicht.“ In einem ersten Schritt sollen sich User so bei digitalen Services einloggen können und gleichermaßen auch identifizierbar werden, etwa für gewisse ORF-Angebote, die Wrabetz hinter eine Registrierungsschranke heben möchte. Als Beispiel: Wrabetz will noch heuer ein vollständiges 24-Stunden-Livestreaming anbieten, das wäre dann hinter der Registrierungsschranke. Jeder Haushalt, der GIS bezahlt, soll dafür einen Code zur Nutzung erhalten.

'Werden Google nicht aus der Welt schaffen'

Ein gemeinsamer Login würde auch die Basis einer gemeinsamen Vermarktung darstellen. „Ich bin nach wie vor der Meinung, dass in der gemeinsamen Onlinevermarktung im Programmatic Advertising noch Potenzial liegt“, so Wrabetz. „Wir werden die Googles nicht aus der Welt schaffen“, so der Generaldirektor, aber wenn man gemeinsam dem Markt einfach buchbare Lösungen wie jene der GAFAs anbiete, „können wir sie bremsen. Der ORF würde die Erlöse durch solch eine Ringvermarktung asymetrisch ausschütten.“ Diesen Schritt zu auf die privaten Medienhäuser hat Wrabetz –unter anderem in einem HORIZONT-Interview im letzten Jahr – bereits sehr deutlich getan. Dazu zählt auch eine Öffnung des ORF Players für private Medienhäuser. „Ich will nicht über Gespräche sprechen, aber es gibt diese mit den Verlegern“, so Wrabetz. 
Derzeit gehe es um grundsätzliches. Wrabetz lobbyiert intensiv für politische Lockerungen und fordert online online, online first, umfassende Archivbereitstellung und den Wegfall der Seven-Day-Catch-Up-Regelung. „Das ist kein Wunsch, sondern ein Appell von mir, dass man Gespräche, die es schon gegeben hat auch wieder aufnimmt“, so Wrabetz, der auch die Medien selbst in der Verantwortung sieht. „Bis zu einem gewissem Grad ist das aus Sicht der Politik ein Minenfeld, in dem man zuerst ein gemeinsames Verstänsnid zwischen den Medien haben sollte. Dann tut sich auch die Politik leichter.“ Nachsatz: „Österreich ist in der Mediengesetzgebung zurückgefallen.“

Appell an Medien und die Politik

Er rechnet mit Konkretem nicht vor dem Sommer, mit einer Gesetzesnovelle aber schon noch heuer. Für die Forderungen des ORF gäbe es nach Wrabetz‘ Vorstellungen im Gegenzug für private Medienhäuser etwa Präsenz am ORF Player. Hier konkretisiert der Chef des größten Medienkonzerns: „Ich halte nichts von einem Einheitsplayer, das würde der Vielfalt nicht etnsprechen. Aber bestimmte Inhalte können wir bei uns auf die Player-Startseite nehmen.“ Bei Click auf den entsprechenden Verweis bleibe man nicht beim ORF Player, sondern lande bei einem der anderen österreichischen Medien. Das soll nicht etwa standardisiert über einen Algorithmus passieren, sondern im Rahmen einer „aktiven Policy“, die es noch zu definieren gelte, bei der man sich verpflichte, zu einer Überblicksgeschichte des ORF etwa fünf Empfehlungen zu privaten Medienhäusern zu stellen. Und: „Wenn man sich die Player-Welt und die Startseite vorstellt, die aus unterschiedlichsten Videoelementen besteht, würden wir Partnern, die das wollen, auch ein Fenster einräumen. So ich den Kommentar von Ferdinand Wegscheider sehen möchte, komme ich dann über den Hinweis zum ServusTV-Portal“, so Wrabetz.

Eine weitere Forderung der Privaten: die Reduktion des Textanteils – Stichwort blaue ORF.at-Site. „Der Player ist kein Textangebot, sondern basiert auf Video und Audio. Je stärker der Player wird, desto geringer wird der Textanteil in Relation sein“, betont Wrabetz, wenngleich in Relation nicht gleichbedeutend mit einer tatsächlichen Abnahme steht. Erste Module des Player würden jedenfalls heuer starten, für weiteres braucht es den politischen Willen, aber nicht mehr an Finanzierung: „Wir wissen, dass wir nicht mehr finanzielle Mittel haben werden und innerhalb der bestehenden Angebote das Zusatzangebote realisieren müssen. Deswegen müssen wir auch Synergien, die sich aus Newsroom und Campusprojekt ergeben, gut nützen.“
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