ORF-Standort: Thesen für St. Marx
 

ORF-Standort: Thesen für St. Marx

Die Entscheidung über eine mögliche Absiedelung des ORF vom Küniglberg rückt näher – Wrabetz legte der Arbeitsgruppe Standort neue Berechnungen vor – Früheres Schreiben an Stiftungsräte liest sich bereits wie eine Empfehlung für eine neue Liegenschaft

Der Berg ruft. Und St. Marx antwortet. Dieser Tage hat ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz seine Neuberechnungen zum künftigen Standort an den Stiftungsrat übermittelt. Wiewohl die Unterlagen vor Redaktionsschluss noch nicht vorlagen, zeichnete sich hinter den Kulissen deutlich ab, wo die Wunschdestination des ORF-Chefs liegt: im dritten Wiener Gemeindebezirk, gesäumt von Südosttangente und Rinderhalle, flankiert vom Media Quarter Marx und den 100 Meter hohen Tower der Wiener Stadtwerke im Rücken.

Eine strategische Entscheidung
Für Wrabetz kommt es zunächst darauf an, seine Haltung pro oder contra Absiedelung zu begründen. Dass er vom sanierungsbedürftigen Küniglberg weg will, liegt für Kenner der Materie auf der Hand. Hinweise darauf gebe es zuhauf, manche Stiftungsräte sehen sogar eine recht offen zur Schau getragene Absicht. Indizien für die Präferenz St. Marx finden sich jedenfalls in einem E-Mail, das Wrabetz vor wenigen Wochen an die Arbeitsgruppe Standort im Stiftungsrat verschickt hat. "Zehn Thesen" zur Zukunft des ORF skizzierte der ORF-General darin - einzelne Passagen lesen sich wie ein klares Ja zur Absiedelung, wie HORIZONT erfuhr. So sieht Wrabetz in der Standortfrage weder eine bezirkspolitische, geografische, architekturhistorische noch eine ökonomische Entscheidung, sondern vielmehr eine "strategische", wie er schreibt. Wie die Strategie für einen ORF im Jahr 2020 aussieht, deutet der Generaldirektor in These Nummer sechs an. Dort appelliert er dafür, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk auf seine Kernfunktionen zu fokussieren. Der ORF sei eben "kein autarker Monopolbetrieb", sondern ein Leitunter­nehmen, das eng mit Zulieferfirmen und Produzenten zusammenarbeite, schreibt Wrabetz - eine Empfehlung für das synergieträchtige St. Marx, wo nicht nur Produktionsfirmen, sondern auch der Mitbewerb warten, wenn die SevenOne-Media-Gruppe samt Puls 4 diesen Herbst in das Medienviertel übersiedelt. Das große Sendestudio, das derzeit abseits von "Dancing Stars" und anderen Großevents leer steht, könnte in Folge mit anderen Sendern geteilt werden - ein Gedanke, mit dem Wrabetz selbst bereits gespielt haben soll. Auch auf eine Kostenoptimierung bei einer Standortverlagerung verweist er in dem Schreiben. In ersten Berechnungen war St. Marx noch als deutlich teurer gewertet worden.

Deadline
Am Donnerstag lief die Deadline für die Übermittlung weiterer Unterlagen an die Arbeitsgruppe Standort des Stiftungsrates ab. Davor hatte Wrabetz nur Berechnungen für zwei Varianten vorgelegt, aber keine Präferenz durchklingen lassen. Der Vorschlag, wohin der ORF tatsächlich zieht, muss aber von ihm als Beschlussantrag kommen.

Nur mit breiter Mehrheit
St. Marx wäre für Wrabetz vor allem ein gremienpolitisches Wagnis: Die Front gegen eine Absiedelung ist breit. Sowohl Betriebsräte als auch die VP-nahen Stiftungsräte haben dem neuen Standort im Vorfeld bereits eine klare Absage erteilt. Auch in den Reihen der roten Räte soll es dahingehend nicht nur Euphorie geben. Wrabetz selbst will es in dieser Frage jedenfalls nicht auf eine Kampfabstimmung ankommen lassen, wie er bereits erklärt hat. Die Entscheidung müsse mit "breiter Mehrheit" getragen werden, ließ der ORF-General den Stiftungsrat wissen. Ausgeschlossen ist diese laut Kennern keineswegs: Die demonstrative Ablehnung verschiedener Lager im obersten ORF-Gremium ist bereits des Öfteren kurz vorm Ziel plötzlich umgeschlagen. Schon bei seiner Wiederwahl im Sommer des Vorjahres hatte Wrabetz über ein umfassendes Personalpaket eine breite Koalition hinter sich versammelt, in der auch vormals offensive Gegner vertreten waren. "Alles hat seinen Preis", merkte dazu ein Gremienmitglied gegenüber HORIZONT an.

Stadt Wien am Drücker
Eine wesentliche Rolle bei dem Millionenspiel um den ORF-Standort kommt der Stadt Wien zu. Diese lockt mit Sonderkonditionen für die Mega-Baulücke am ehemaligen Schlachthof und wäre theoretisch auch für weitere Varianten der Unterstützung zu haben, wiewohl man betont, ein attraktives Angebot zu haben. ­Sigrid Oblak, Wien-Holding-Geschäftsführerin, zeigte sich im April pragmatisch und ließ mit einem Vorschlag aufhorchen, wie sich der Standort St. Marx realisieren ließe: Ein Konsortium der Stadt erwirbt die Fläche, errichtet ein Gebäude, und der ORF wird Mieter. Bliebe nur noch zu klären, wie der Küniglberg verwertet werden kann.
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