ORF-Kandidatur: 'Ich gehöre sicher nicht zu d...
 
ORF-Kandidatur

'Ich gehöre sicher nicht zu den Favoriten'

ORF/Hans Leitner
Online-Chef Thomas Prantner will ORF-Generaldirektor werden.
Online-Chef Thomas Prantner will ORF-Generaldirektor werden.

Warum Thomas Prantner, Onlinechef und stellvertretender Technikdirektor des ORF, sich dennoch für den Posten des Generaldirektors bewirbt, erklärt er im HORIZONT-Interview. Er will ein neues Reformprogramm starten, gelebte Diversität im Unternehmen und einen ,Schulterschluss‘ mit anderen heimischen Medienhäusern.

HORIZONT: Es gibt bislang drei aussichtsreiche Kandidaten für die ORF-Wahl am 10. August: Warum bewerben Sie sich als ORF-Generaldirektor und welche konkreten Chancen rechnen Sie sich aus?
Thomas Prantner: Ich habe mich für eine Bewerbung als unabhängiger Kandidat für die ORF-Generaldirektion entschieden, weil ich seit 33 Jahren in unterschiedlichsten Management-Funktionen und Bereichen des ORF tätig bin, seit 26 Jahren Führungserfahrung im ORF habe, davon fünf Jahre als Direktor für Online und neue Medien und fast zehn Jahre als stellvertretender Direktor für Technik, Online und neue Medien. In enger Zusammenarbeit mit Generaldirektor Wrabetz konnte ich die Digitalisierungsoffensive des ORF entscheidend mitprägen, unter anderem mit der Gründung der ORF-TVthek, die heute die größte und erfolgreichste österreichische Videoplattform ist. Ich bin fest davon überzeugt, dass ich auf Basis eines neuen Reformprogramms maßgeblich dazu beitragen kann, dieses Unternehmen mit Verantwortungsbewusstsein, Umsicht, Einsatz, Dynamik, Entscheidungsstärke und Durchsetzungskraft in eine neue gute Zukunft zu führen. Und wenn ich keine Chance sehen würde, würde ich mich nicht bewerben. Jeder Kandidat, jede Kandidatin, hat die theoretische Chance gewählt zu werden. Meine persönliche Erwartungshaltung ist realistisch. Ich gehöre sicher nicht zu den Favoriten, würde mich aber dennoch freuen, wenn mein Reformprogramm für den ORF von einigen Stiftungsräten und Stiftungsrätinnen unterstützt werden würde.


Welche sind die Eckpunkte Ihres Konzeptes für die ORF-Zukunft?
Es ist unbestritten, dass wir aufgrund rasanter globaler Veränderungen im Medienbusiness und einer herausfordernden Konkurrenzsituation auf dem Programm-, Rechte- und Werbemarkt an einer Zeitenwende stehen. Es ist nun Zeit für einen Change- und Transformations-Prozess im Unternehmen. Mit einer Fortsetzung der Digitalisierungs­offensive, einer starken ORF-Technik, umfassenden Modernisierungsschritten, weitreichenden Strukturreformen, spannenden Programminnovationen und einem klaren Fokus auf Österreich müssen wir den ORF erneuern und für die Zukunft optimal aufstellen. Unabhängig davon, wer den ORF in den kommenden fünf Jahren führen wird, er oder sie wird diesen Weg der Reformen und Veränderungen gehen müssen. Denn das alles ist die Voraussetzung dafür, dass der ORF auch weiterhin Relevanz und Bedeutung als modernes öffentlich-rechtliches Medienunternehmen für Österreich und seine Menschen haben wird.

Wo liegt Ihrer Meinung nach der größte Handlungsbedarf für einen zukunftstauglichen ORF?
Der ORF wurde in den vergangenen Jahrzehnten gut, professionell und wirtschaftlich solide geführt. Aufbauend auf all dem, was vor allem von den Tausenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern tagtäglich geleistet wurde und wird, brauchen wir nun Innovationen, Veränderungen und Reformen. Starken Handlungsbedarf sehe ich bei einer notwendigen Modernisierung des Unternehmens durch eine umfangreiche Strukturreform mit einer Reduktion von Direktionen, Hierarchien, Entscheidungsebenen, Dienststellen und im administrativen Bereich durch Abbau von Bürokratie und Doppelgleisigkeiten. Eine neue moderne, schlankere und effiziente Aufbau- und Ablauforganisation, Sparen in der Verwaltung und bei den Strukturen werden mittelfristig zu spürbaren Kostensenkungen führen. Damit können jene finanziellen Mittel frei werden, die wir in die Digitalisierung, ins Programm und in einen Ausbau der Regionalisierung investieren müssen.
„ Das Thema Diversity muss schon bei der Personalentwicklung aufgewertet und verstärkt werden.“
Thomas Prantner


Zentrales Thema im ORF-Wahlkampf ist die Frage nach der Unabhängigkeit in Berichterstattung und Personalpolitik: Wie wollen Sie diese garantieren?
Das ORF-Gesetz legt im Kern die DNA der ORF-Information fest, nämlich dass der öffentlich-rechtliche Informationsauftrag den ORF zu einer objektiven, ausgewogenen und umfassenden Berichterstattung in den TV- und Radioprogrammen und in den Online- und Teletextmedien verpflichtet. Unabhängigkeit, Unparteilichkeit, Ausgewogenheit und Objektivität der Berichterstattung durch die Journalistinnen und Journalisten des ORF gehören seit vielen Jahrzehnten zu den zentralen Fundamenten der Glaubwürdigkeit des ORF als öffentlich-rechtliches Medien­unternehmen und seiner Informationsangebote. Dies ist – neben einem umfassenden Leistungsspektrum – entscheidend für die Gebührenlegitimation des ORF. Hugo Portisch hat 1964 mit seinem von ihm initiierten, von den heimischen Zeitungen unterstützten und von mehr als 832.000 Österreicherinnen und Österreichern unterschriebenem Rundfunk-Volksbegehren die Grundlagen für die Unabhängigkeit des ORF und eine freie, kritische Berichterstattung geschaffen. Und diese journalistische Unabhängigkeit muss weiterhin konsequent gegen Angriffe und unberechtigte Einflussnahmen von außen gesichert und gestärkt werden. Der ORF erreicht mit seinen bundesweiten Informationsangeboten in TV, Radio und online täglich Millionen Menschen und trägt eine besonders hohe Verantwortung, dass diese gleichermaßen korrekt, ausgewogen, und objektiv über das Geschehen im In- und Ausland informiert werden. Auch das muss seitens des ORF 365 Tage rund um die Uhr gelebt, bewiesen und umgesetzt werden.

Ebenfalls auf der Agenda: Chancengleichheit und Diversität – Ihre Vorstellungen und Pläne dazu?
Wir brauchen eine Gleichstellungs-offensive und müssen diese gleich in der Führungsebene vorantreiben. Mein Konzept sieht eine signifikante Anhebung des Frauenanteils im Direktorium vor, nämlich 50 Prozent Frauen statt derzeit 40 Prozent. Auf der Ebene der Landesstudios sind derzeit nur zwei von neun unter weiblicher Führung. Mein Ziel ist es, dass es ab 2022 vier bis fünf Landesdirektorinnen gibt. Die Förderung und Gleichstellung von Frauen bei Personalbesetzungen muss forciert werden, mittelfristiges Unternehmensziel ist, dass 50 Prozent des angestellten ORF-Personals Frauen sein müssen. Besonders in der Technik haben wir da Nachholbedarf. Das Thema Diversity muss schon bei der Personalentwicklung aufgewertet und verstärkt werden. Der ORF repräsentiert immerhin alle Menschen, die in Österreich leben. Ich bin sicher, dass gerade bei diesem Thema Konsens aller Bewerber und Bewerberinnen vorhanden ist. Und das ist gut so.

Wie soll der ORF in fünf ­Jahren – strukturell und ­programmlich – aussehen?
Wir müssen den ORF neu denken – von der Selbstbezogenheit zur Kundennähe. Dieser Mind-Change bedeutet auch einen Change-Prozess im Unternehmen. Und dieses neue Denken erfordert auch neues Handeln. Meine Vision ist, dass wir den ORF für unser Publikum, für Österreich und seine Menschen, erneuern und modernisieren – strukturell, organisatorisch und programmlich. Will der ORF auch in fünf Jahren Relevanz und Bedeutung für Millionen Menschen in unserem Land haben, muss er sich verändern. Er muss schlanker, moderner, dynamischer, vielfältiger und noch innovativer werden. Die Digitalisierungsoffensive ist eine große Chance, die wir nützen müssen, um starkes Programm und Content auf allen relevanten Plattformen anzubieten. Der ORF-Player wird dabei eine wichtige Rolle spielen. Dabei muss der ORF auf seine Stärken auf seine unverwechselbaren USPs setzen: das sind die Information, Österreich und Liveprogramme, gerade in der Kultur, im Sport und in der Unterhaltung. Wir brauchen eine starke ORF-Technik, die diese Programme in Topqualität produziert und zu den Kunden bringt. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir die – von mir angestrebten – Unternehmensziele erreichen können. Mit einer neuen Aufbruchstimmung im Haus, mit echtem Team-Spirit, mit einem Motivationsschub, mit der Förderung idealistischer Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, mit dem Zulassen von Kreativem und Neuem und mit der klaren Bereitschaft, frischen Wind ins Haus zu lassen, dieses Unternehmen positiv zu verändern und zu einem modernen Medien-Player in Österreich zu machen.
„Unbestritten ist, dass der Kostendruck, gerade im Programme- und Rechtebereich größer wird und wir darauf reagieren müssen.“
Thomas Prantner


Steigende Programmbudgets und gleichzeitig stärkere Konkurrenz am Bewegtbildmarkt: Welche Schritte – auch gesetzliche – sehen Sie in Sachen Finanzierung des ORF als notwendig an?
Damit der ORF seine umfangreichen Aufgaben erfüllen und ein Pfeiler für Demokratie und gesellschaftlichen Zusammenhalt sein kann, ist eine sachgerechte Finanzierung unerlässlich. Diese muss auch die Unabhängigkeit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks gewährleisten. Ich bekenne mich zum Prinzip der „Mischfinanzierung“ des ORF durch Programm­entgelte und Werbeeinnahmen. Nur wenn diese beiden Finanzierungssäulen abgesichert sind, kann der ORF sein umfangreiches Leistungsportfolio mit zwei TV-Vollprogrammen, zwei TV-Spartensendern, drei bundesweiten Radios, neun ORF-Landesstudios mit TV, Radio sowie sein umfangreiches Online- und Teletextangebot aufrechterhalten. Dieses Bekenntnis zum dualen Finanzierungsmodell des öffentlich-rechtlichen Rundfunkunternehmens ORF ist jedoch mit der klaren Ansage verbunden, mit den Gebühren- und Werbegeldern sorgsam umzugehen. In der Funktionsperiode der Jahre 2022 bis 2026 müssen ausgeglichene Budgets durch einnahmen- und ausgabenseitige Maßnahmen sichergestellt werden. Unbestritten ist, dass der Kostendruck, gerade im Programme- und Rechtebereich größer wird und wir darauf reagieren müssen. Der Weg der finanziellen Stabilität – sowohl sparen als auch investieren in die Zukunft – muss fortgesetzt werden. Bei der Vermarktung wiederum brauchen wir den mehrfach angekündigten „Schulterschluss“ mit den österreichischen Zeitungen im ­Interesse des Medienstandorts Österreich, wie etwa durch gemeinsame Allianzen bei Log-in und Digitalvermarktung. Ganz wichtig wäre, wenn bald die mehrfach angekündigte Digitalnovelle im ORF-Gesetz kommt, die die notwendigen Modernisierungen der digitalen Produkte des ORF möglich macht, wie etwa die Aufhebung der Sieben-Tage-Regel auf der ORF-TVthek, oder „Online first“- und „Online only“-Angebote.

Ihre schlagenden Argumente gegenüber dem Stiftungsrat: Warum Prantner und nicht Wrabetz, Weißmann oder Totzauer?

Lisa Totzauer, Roland Weißmann und Alexander Wrabetz sind drei hervorragende und kompetente Kandidaten für die Funktion an der Spitze des ORF. Ich versuche, mit meiner langjährigen Führungserfahrung als Medienmanager, mit einer nachweisbaren Erfolgsbilanz als Onlinechef und mit meinem Reformprogramm einen aktiven Beitrag zu leisten, dieses für Österreich und seine Menschen so wichtige und bedeutende Unternehmen positiv zu verändern und zu einem modernen öffentlich-rechtlichen Medienunternehmen für Österreich zu machen.

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