ORF III: Ingrid Thurnher: Auf dem Weg zum New...
 
ORF III

Ingrid Thurnher: Auf dem Weg zum Newskanal

ORF/Hans Leitner
Ingrid Thurnher, seit viereinhalb Jahren Chefredakteurin von ORF III, im neuen Newsroom des Senders.
Ingrid Thurnher, seit viereinhalb Jahren Chefredakteurin von ORF III, im neuen Newsroom des Senders.

Der ORF-Kanal für Kultur und Info mauserte sich mit bescheidenen Mitteln zum Anbieter von Livenews. Chef­redakteurin Ingrid Thurnher über Learnings und Pläne.

Hier beim richtigen Fernsehen,“ so formulieren Mitarbeiter der ORF-2-Information oft, wenn sie mit Kollegen von ORF III im Gespräch sind. Tatsächlich stehen Mittel und Aufwand der Infobereiche beider Sender in keinem Verhältnis zueinander. Hier der Newstanker mit „ZiB 1“ und „ZiB 2“, Kurz-„ZiBs“ und nachmittäglicher Infoschiene. Dort der „Underdog“ mit gerade 13 Mitarbeitern und bis vor Kurzem ohne eigene technische Infrastruktur.


Und dennoch: Unter der Chefredaktion von Ingrid Thurnher, die vor viereinhalb Jahren von der Diskussionssendung „Im Zentrum“ zum Kultur- und Infokanal wechselte, hat sich der Auftritt von ORF III massiv in Richtung News verschoben. So wurden die Diskussionssendungen „Politik live“ und die meist monatlich stattfindende „Runde der ChefredakteurInnen“ sowie Übertragungen aus National- und Bundesrat um die Bundesländer-Nachrichtensendung „Österreich Heute“, eine Breaking-News-Leiste und die Diskussionssendung „Themenmontag – Der Talk“ erweitert. Und: Von der Fachöffentlichkeit weitgehend unbemerkt sendet ORF III seit dem Tag nach dem Wiener Attentat vom 2. November die werktägliche Live-Infostrecke „ORF III aktuell“. Täglich dreieinhalb Stunden lang von 9.30 bis 13.00 Uhr. Zu sehen gibt es dabei Pressekonferenzen, Medientermine, Liveschaltungen, Reportagen sowie eine Top-Story des Tages. Übertragene Pressekonferenzen würden dabei, so betont Thurnher im HORIZONT-Gespräch, „direkt im Studio mit einer Liveanalyse journalistisch eingeordnet“. Der entsprechende jüngste Anlassfall der Übertragung des JVP-Parteitages unkommentiert via TVthek, steht dabei unausgesprochen im Raum.

Newsexplosion

„Geradezu explodiert“ sei das News­angebot von ORF III, zieht Thurnher Zwischenbilanz und lobt die Zusammenarbeit mit den Kollegen von
ORF 2. Als Kommentatoren stünden erfahrene Journalisten wie Peter Fritz, Roland Adrowitzer oder Fritz Dittlbacher jederzeit auch für ORF III zur Verfügung, die gemeinsame Nutzung von Infrastruktur und die Abstimmung in der Themenplanung funktioniere reibungslos.

Das war nicht immer so: Als ORF III etwa vor drei Jahren das Experiment „Österreich Heute“ startete (die Sendung schließt die ORF-News-Lücke zwischen 19.18 und 19.30 Uhr), erntete man intern vor allem Kopfschütteln. Rivalitäten, die sich mittlerweile gelegt haben.

„Unglaublich viel gelernt“ habe sie in den vergangenen Jahren, erzählt Thurnher, Improvisation, Aha-Erlebnisse und Umgang mit geringsten finanziellen Mitteln – der gesamte Sender verfügt über rund 20 Millionen Euro Budget – stünden an der Tagesordnung. Und: Die massiven Corona-Sicherheitsbestimmungen im ORF (samt kurzfristigem Isolationsbetrieb) trugen das ihre dazu bei, Team- und Improvisationsfähigkeit der ORF-III-Nachrichtenredaktion zu stärken. Thurnher kommentierte etwa lange von zu Hause aus, hinter sich ein ORF-III-Rollup. Interviewpartner wurden via Skype zugeschaltet. Thurnher: „Ich hatte in dieser Zeit wohl mehr Airtime als zusammengerechnet in all den Jahren davor.“

Zusätzliches Ungemach: Die gesamte ORF-III-Redaktion war während der vergangenen Monate im Wortsinn Baustelle. Die Räumlichkeiten am Küniglberg wurden renoviert und adaptiert, seit einer Woche arbeitet man nun vom eigenen „Newsroom“ aus, ein Mini-TV-Studio (das einzige von ORF III) und ein Regieraum sind fast schon Luxus für die Senderverhältnisse. Thurnher kommentiert das amüsiert: „Nun habe ich nach Monaten auch wieder einen Schreibtisch, an dem ich arbeiten kann.“

Das TV-Publikum jedenfalls goutiert das neue Nachrichtenangebot am Vormittag. Im Schnitt erreicht „ORF III aktuell“ täglich einen weitesten Seherkreis von 123.000 Zusehern, der Marktanteil der Livestrecke liegt derzeit bei drei Prozent, die Sendung brachte in Summe einen Marktanteilszuwachs um 21 Prozent in der Zeitzone.

Eine Ausdehnung der Livestrecke weiter hinein in den Nachmittag scheint naheliegend – auch mit Blick auf die agile Konkurrenz durch die privaten Nachrichtensender oe24.TV und Puls 24, die monatlich bereits zwei Prozent Quote vom Markt
abziehen.

Blick in die Zukunft

Für ORF III stellt sich freilich auch die Frage, wie sich der Sender – immer noch als eigene GmbH geführt – in die Strategie des ORF-Gesamkonzerns eingliedert. Mit dem Bau eines neuen Newsrooms am Küniglberg, der Verschränkung der Angebote von TV, Radio und Online beziehungsweise dem noch für heuer geplanten Start des ORF-Players bieten sich auch für den Kultur- und Infokanal neue Möglichkeiten: Kann ORF III etwa Aufgaben für einen Nachrichtenkanal übernehmen, der dem ORF ja im Gegensatz zu deutschen öffentlich-rechtlichen Sendern fehlt? Thurnher: „Von mir aus gerne. Kein Problem.“

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe 20/2021 des HORIZONT. Noch kein Abo? Hier klicken.

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